DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °22

Unverbesserlich, brauche ich das Buch Der begrabene Tempel von Maurice Maeterlinck (Jena 1902, im Verlag Eugen Diederichs) mit Goldschnitt und dem florentinischen Marzocco, dem Donatello-Löwen als Signet, das ich vor 30 Jahren, in der Literatur erst nur herumtastend, angelesen hatte. Nun kam es nicht, obwohl bestellt und bezahlt. Mitteilung des Antiquars: es täte ihm leid, er habe viele Unterstreichungen darin gefunden, ob ich es zum halben Preis nehmen wolle, er warte meine Antwort ab. Und durchaus gerne! Er hoffe, der Vor-Leser hatte entsprechend Geist. An der Art der Unterstreichungen und Kommentierungen ist sogleich rein optisch zu erkennen, wes Geistes Kind, ja welches Lebensalter man vor sich hat. Von dem Vorgänger ist nach einem schnellen Durchblättern schon ein komplettes Bild da. Wer sich mit sinnerfassendem Lesen schwertat, ist sofort erkennbar. Wer gegen den Brocken eines Fremdworts prallt. Auch der Gutmütige, der immer die hausbackensten Imperative ans biedere Wohlverhalten mit dem Lineal unterstrich. Der die schwächsten Sätze für die besten befand, weil er nur die verstand. Die Leser, die die Lektüre abbrachen. Die Mittenaufschlager. Die Durchhalter. Der Ungeduldige, Rasende, der „Schwachkopf! Erz-Esel!“ an den Rand mit Kielschwung konspektiert. Ganze Absätze kreuzweis durchstreichend: „Falsch!“ Oder mit dem Vermerk versieht: „plagiiert!“ Dann noch der Krückenhändler seiner bibliographischen Gedächtnisstützen, der die Buchdeckelinnenseiten als Karteikarten benutzt. Am lustigsten die, die hineinbemerkten: „Wie ich! Ganz wie ich. Auch ich. Ego etiam. I-A!“ Eselsohr. Oder die, die Edelweiß hineinpressten. Wo einem gleich ein halbes Herbarium entgegenkommt. Glückskleeblätter aus Vorkriegszeiten. Der vor einem es gelesen Habende wird immer auch mitgelesen – und las er schon vor hundert Jahren. Wie der Bergsteiger von vor hundert Jahren, von dem ein Schuh, den der abtauende Gletscher freigibt, übrigblieb.

Nächtlichstes Geplänkel. Ohne Not mehrere Ichs in einem selber anzunehmen, gemäß der Richard David Prechtschen Frage: „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“, ist wohl eine Hypothese, die sich zu weit aus dem Fenster lehnt. In der Pubertät glaubte ich wie etliche solchen Alters die Entdeckung gemacht zu haben, aus mehreren Ichs zu bestehen, was ich im Pausenhof als Geheimnis meinen Einzuweihenden mitteilen zu müssen gedachte. Heute lasse ich Ockhams Rasiermesser darüber, das in der Fassung von Johannes Clauberg, übrigens Sohn eines Klingenkaufmanns, aus dem Jahre 1654 lautet: „Entia non sunt multiplicanda sine necessitate“ (deutsch: „Wesenheiten dürfen nicht über das Notwendige hinaus vermehrt werden.“) Die populäre Verstiegenheit, sich in mehrere Ichs dissoziierend selbstkonzipieren zu wollen, habe ich längst fallengelassen, wobei das Phänomen „Dr. Jekyll & Mr. Hyde“ mir doch noch immer manchmal zu denken gibt, das in der Realität gelegentlich angetroffen werden kann. Gestern postete ich ganz spät in der Nacht ein Zitat aus der altpersischen Avesta. Eine Facebook-Freundin, die noch wach war, kommentierte es sofort mit folgenden Worten: „Welcher Teil von dir las das gerade? Und welcher tippte es hier?“ Ich hatte zu ihr noch nie von der Konzeption des multiplen Selbst gesprochen und eine solche für mich nicht in Anspruch genommen, weil ich nicht ohne Not den Eindruck von Schizophrenie bei anderen hinterlassen möchte, der mir Unzuträglichkeiten einbrocken würde – und das nur wegen einer überzogenen modischen Hypothese. Etwas genervt allerdings schon, antwortete ich ihr keck, weil sie schon so fragen musste: „Mein hinterer linker Kotflügel.“ Daraufhin sie: „Ah – er zickt.“ Ich wieder: „Müsste es gendergerecht hier nicht heißen: ‚Er bockt‘?“

Hervorragend Hannah Menne hier: „Ich zupfe mir meine Meinung aus, striegle meine Perspektive, mattiere meine Einstellung, frisiere meinen Fokus, feile meine Aussagen zurecht, peele meine Träume, schrubbe meine Befürchtungen, shape meine Bewunderung, bügle meine Vorwürfe, hebe meine Untergriffe hervor, glätte meine Erkenntnisse, stutze meine Ansprüche, creme meine Entrüstung ein, pflege meine Besessenheit. Intensivpflege.“ – Jetzt das ganze umschreiben auf Verwahrlosung! Ich verwahrlose und zerfaule die Erwartungen und Vorstellungen anderer in mir restlos nieder, nehme zunächst mein Bad im Schmutz, bilde eine Kruste, stinke die mich programmieren wollten weg, stinke, mit mir selbstentzweit, mir damit aber auch selbst. Verbarrikadiere mich. Werfe Möbel, lasse splittern. Zuflucht beim Veröffentlichen nehmend wie zu einem sicheren Asyl, haben sie nichts Privates mehr gegen mich in der Hand. Die Tore reiße ich dann so weit auf, dass meine feindlichen Familiarii nicht mehr hindurchkommen können, weil für sie ist die Öffentlichkeit eine magische Schranke, die sie fürchten und scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Ich entprivatisierte mich, ich piratisiere. Publiziere! Über mir den Totenkopf gehisst, blitzt mein Krummsäbel. Die Kanone wird herangerollt. Die Masten des Feindes sollen splittern. Sein Schiff verschwindet in einer Wolke von Pulverdampf. Es wird zum Schauspiel, keine Tragödie. Ein Igel, der seine Stacheln zu Raketen umzufunktionieren gelernt hat, wobei das Bedürfnis sein Lehrer war und das Leid sein Leitfaden.

Beispiel eines Ergänzungstraums: Vergangene Nacht begegnete mir ein Spezialfall eines Pessimisten, der zwar wartet, bis das Gift im andern einsickert, ohne diesen jedoch deprimieren zu wollen. Da sah ich also jenen, wie er des Nachts seinen Hut ausführte. „Jawoll, meinen Hut, den Hut, habens schon richtig gehört, nicht meinen Hund!“ Der ältere, etwas umständlich, ja behindert wirkende Mensch machte eine Verbeugung, sein blecherner Hut kollerte über den Gehsteig. Es war ein Helm, vom Schnitt einem Gladiatorenhelm ähnlich. Der Hut verfügte über die magische Fähigkeit, zurückrollen, heraufspringen und aufs Haupt seines Besitzers von selbst sich zurückbegeben zu können. Der abgemagerte Mann lachte triumphierend. Auf dem metallenen Hut stand in Frakturschrift „Luftschutz“, sah man genauer hin, stand da aber listig abgeändert: „Lustschutz“. Das kleine Fraktur-f ähnelt durchaus sehr dem kleinen Fraktur-Binnen-s. Wieder machte der Mann eine ruckartige Verbeugung, der Helm fiel abermals scheppernd zu Boden und nahm prompt den Weg zurück auf den Kopf. „Wissen Sie, ich bin ein Sinneninvalide“, holte der Mann aus, sich zu erklären. „Nicht, dass ich liebte oder ein Mitleidiger wäre, das ist es nämlich nicht, aber meine Zunge, die Zunge, mein Gaumen, der Gaumen, meine Speiseröhre, die Speiseröhre, mein Magen, der Magen…“, diese Aufzählereimanie erinnerte an die monotonen Lehrreden des Buddha, dann schrie er wie unter Schmerzen in die lichtverschmutzte Nacht hinein: „WEIGERN sich, VERWEIGERN sich!“ Nämlich der mit größtem Tierleid verbundenen Nahrung. „Auch meine Augen, die Augen, meine Ohren, die Ohren sehen und hören schon alles Leidvolle, meine Finger, die Finger ertasten die ganze Auspressung, die in den Dingen steckt.“ Warum sagte er immer zuerst „meine“, dann „die“? Der hatte einen Sprachtick. „Wissen Sie, es sind nicht nur mehr meine Augen, Ohren, Finger, nicht mehr nur meine Verdauungsorgane, sondern es sind durch meine Organe die Organe an sich, die objektiven Organe, meine Organe sind mit der Zeit zu objektiven Organen geworden, die auch gegen mich sich wehren. Ich bin ein Invalide der Sinnlichkeit.“ So stellte er sich selbst die Diagnose. „Und deshalb trage ich den Lustschutzhelm! Und führe abends ihn als Hut aus.“ Für ihn ginge dieses Leben jetzt bald zu Ende. „Es hat sich bald alles ausmanövriert. Ich werde mich bald ausmanövriert haben, ohne dass es zum regelrechten Kriegseinsatz gekommen wäre, haha! Man over!“ Eine komische Etymologie des Wortes „Manöver“. Alles werde sich sehr bald „ausmanövriert“ haben, auch der Nationalsozialismus werde sich nun bizarr selbstverdauen: „Sehen Sie nur meinen Hut, den auf der Hut seienden geräuschvollen Hut, hören Sie!“ Er klopfte darauf. Dann: „Leid tut mir nichts, wissen Sie, es ist nur die Objektivität der invalidisierten Sinne, die mir Lebensenthaltung gebietet. Der Organismus sperrt sich gegen das zunehmend Ungeneröse dieser Welt. Und die Überbleibsel des Nationalsozialismus verdienen keinerlei Pietät und auch keinen Widerstand, man braucht sich nicht zu erregen, es verkonsumiert und zermahlt sich alles inzwischen von ganz alleine. Vernichtet sich. Endverdaut sich. Hatten es die Nazis nicht immer mit der Vernichtung? Die können sie haben, am Ende bleibt nicht einmal mehr Asche, sondern das materiale Nirwana.“ Bei diesem Manne nun machte ich eine Ausnahme von meiner sonstigen Gepflogenheit, aus Diskretion nicht nach dem Beruf zu fragen. Mein „Wovon leben Sie?“, das aus meinem Munde sich noch recht ungeübt anhörte (aber war es denn noch mein Mund und nicht schon der Mund?), antwortete er: „Mit dem Handel von Kopfbedeckungen aus der Nazizeit. Sie glauben ja gar nicht, wie dieses Geschäft floriert! Und was es alles für Kopfbedeckungen gab. Wissen Sie zum Beispiel, was NSKOV ist? Nein?“ Ich dachte an etwas Russisches, Sowjetisches. „Weit daneben! Nationalsozialistischer Kriegsopferverband. Schauen Sie sich dessen Schirmmützen genau an. Den veränderten Adler. Das trauerschwarze Mützenband mit den vexierbildhaft eingewebten seidenen Hakenkreuzen. Wissen Sie, sehen müssen Sie anfangen. Mit Ihren Augen. Dann werden Ihnen die Augen aufgehen.“

„Wenn die anderen sich von uns abwenden, gibt es keinen Zweifel, dass wir dem Wesentlichen näher sind als sie.“ (E.M. Cioran, Gevierteilt) – Mit dem Abwenden ist es halt so eine Sache wie mit Kinderstreit, wenn ein blaues Auge zu versorgen ist: „Wer hat angefangen?“ Darf ich mich „ausgegrenzt“ nennen, wenn ich nicht mehr hingegangen bin? Wenn ich, ohne die Absicht dazu gehabt zu haben, niemals mehr hinzugehen, dann einfach nicht mehr hingegangen bin. Hätte ich mit dem Abwenden angefangen? Manchmal ist kein sauberer Anfang dieses Vorgangs festzustellen. Man driftete auseinander. Es muss doch einen Grund gegeben haben? Einen?

„Der törichtste Irrwahn unsrer Zeit ist die Meinung, dass das Denken der Religion nachteilig sei und diese um so sicherer bestehe, je mehr jenes aufgegeben werde.“ (Hegel) – Der Fideismus, der Pietismus. Und was wir auch haben: einen Cartesianismus der Gespaltenheit. Hie Rationalität, dort Glauben – unverbunden. Ein Mensch beispielsweise, der im Falle einer Erkrankung nur auf die Schulmedizin setzt und gleichzeitig in der Kirche kniet, um in seinem beibehaltenen Kinderglauben vor Gnadenbildern um seine Genesung zu bitten. Wissenschaftsgläubigkeit, Sakramentengläubigkeit, Fetischdienerei sogar, jedesmal als das Gemeinsame: Autoritätsgläubigkeit. Kein selbstständiges Denken also. Oft sogar gebildete Menschen, aber vom Philosophischen her als nachgerade ungeistig, ja schon geistlos zu bezeichnen. Menschen, denen auch nicht wenigstens ein originaler Satz über die Lippen kam. Und zwar aus einem Gefühl von vermeintlich innerem Anstand. Ihre die anderen ermüdende Praxis des MEIDENS. Die Bibel ist ihnen in lauter Zitate für den Hausgebrauch zersplittert. Abergläubisch können sie trotzdem sein, aber dabei immer um sich selbst besorgt. Nicht das faustische Durchdringenwollen, nicht der Flow der Mystik, sondern ein Dahinkrebsen als Besiegte. Was hat der Theosophie das Rückgrat gebrochen? Der über jedes Denken des Glaubens ausgesprochene Pantheismusverdacht. Die jahrhundertelange, ja ganz real gewesene Ketzerverfolgung innerhalb und außerhalb der Mauern der Theologie.

„Zu Venedig war in einem Wirths-Hauß ein verwegener Mensch, welcher sich vernehmen ließ, er möchte gern einen Spiritum Familiarem haben; Ein Marcktschreyer gehet nach der Mahlzeit auf den Heu-Boden, und fänget eine grosse Spinn in ein Gläßlein, verkaufft solche dem Italiäner um ein groß Geld; der böse Geist aber ist schon fertig und bereit, und setzt sich an der Spinne Stelle in das Gläßlein, und thut dem Menschen alles nach seinem Willen; also dienstfertig bezeiget sich der Teuffel eine arme Seel zu verstricken.“ (Johann Jacob Bräuner,  Vom Geheim-Geist oder Spiritu Familiari) – Ebenselbiger dem Aberglauben jedoch kritisch gegenüberstehende Bräuner erwähnte, „wie geschwind der Teuffel erscheinet, wann er geruffen wird. D. Faust erhielt solchen gar geschwind, begehrete auch von Plutone, ihm einen solchen Geist zuzuordnen, wie er ihn verlangete: und lesen wir in dessen Geschichten, daß ihm Anfangs ein solcher dienstbarer Geist gesandt worden, und da ihn D. Faust befraget, wie geschwind er in seinen Verrichtungen wäre, zur Antwort gabe, so geschwind als ein Pfeil, muste solcher wieder fort, und war Fausto viel zu langsam, endlich folgete ein anderer, der gab Bericht, er wäre so geschwinde, als der Wind, solcher aber war Fausto noch nicht zu seinem Gefallen; endlich kame der dritte, welcher meldete, er wäre so geschwind als der Menschen Gedancken: und dieser war Fausto recht, und nahm ihn auf 24. Jahr in seinen Dienst, worgegen er sich mit seinem Blut, samt Leib und Seel als eigen verschreiben muste: aus solchem ist abermahl der Unterscheid der Geister zu erkennen. Indessen ist der Teuffel unverdrossen, alles zu verrichten, wann er nur eine Christ-glaubige Seel erhaschen kann.“

Verschwörungstheorien haben insofern noch einen Ansatz von Restoptimismus, als sie im Hintergrund des Geschehens eine Intelligenz, obzwar eine böse, anzunehmen geneigt sind. Wenn es vor der Nase aber unmittelbar wasserfallgleich in die Dummheit und nichts als die Dummheit hinuntergehen könnte?

Gestern einfach so in eine, was an sich angenehm ist, nach dem Selbstbedienungsladenprinzip eingerichtete Gärtnerei hineingegangen. Sofort beschlug es mir die Brille. Sah fast nichts. Eine Glasschiebetür ging automatisch auf, und ich sah mich, wobei ich numerisch übertreibe, ganz alleine Millionen von Weihnachtssternen in sämtlichen Züchtungsvarianten gegenüber. Davon benommen, um nicht zu sagen allergisch gemacht. Alle wollen anscheinend jetzt Weihnachtssterne. Unsere Art von Nordkoreanismus.

Peter Hodina

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