DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °21

Der Novembermensch. Die eigene Stärke kommt besser hervor, wenn alles rundum in den Nebel taucht. Auch durch die Kälte ist man gezwungen, sich mehr zusammenzufassen. Über die jetzt klischeefolgend Deprimierten bekommt der andersjahreszeitlich Deprimierte Oberhand. Er bezieht seine innere Kommandantur und nähert sich der Bestlaune. Der Nebel ist der Pulverdampf des Pazifisten. Dieses Nieseln, das nicht nass macht, durchs Fetzendach der verbliebenen Blätter.

Die kleine alte Nachbarin, die immer aufs Stockerl steigt, um zu ihrem Briefkasten hinaufzugelangen, stürzt mich ein wenig in Verlegenheit. Sie hatte mir vor einem Monat zwei rote Blätter gezeigt, bei denen wir rätselten, ob sie den Ahornen oder den Eichen zugehörig wären. Ich versprach ihr, die kein Internet hat, es für sie herauszufinden. Es handelte sich um Blätter der nordamerikanischen Roteiche (Quercus rubra), was ich ihr auf einem Zettel notierte und ins Brieffach legte. Jetzt treffe ich sie vor dem Haus und sie dankt mir übertrieben allzuvielmals. Gerade vorhin habe sie meinen Zettel mit „der so schönen Schrift“ sich wieder vorgehalten. Zum Dank werde sie mir das eine von den zwei roten Baumblättern schenken, die doch jetzt im Herbst draußen massenhaft herumliegen.

Die öffentlichen Verkehrsmittel sind idealerweise zu der Zeit zu benutzen, wo man mit ihnen, alleine darin sitzend, wie mit einem Privat-Taxi fahren kann. Die studierten kameralistischen Einsparungswissenschaftler wollen gerade diese Zweige des Träumerischen kappen. Früher zeigte sich in diesem unaufdringlichen Luxus die Güte einer Gesellschaft, deren Technik so läuft, dass sie ohne weiteres auch Unwirtschaftliches mitverkraften kann.

Zwei Zufälle. An dem Tag, als ich an einen Antiquitätensammler dachte, der bei seiner übergroßen Sammelleidenschaft als Katholik niemals zuließ, dass ein heidnisches Stück sich seiner Sammlung zugesellte, ich damit haderte, las ich dann abends von jenem Tschugguel, der heidnische, von Indigenen verfertigte Figuren schwangerer Frauen aus einer Kirche entwendete und in den Tiber warf. Und gestern abermals ein Zufall: Mich packte plötzlich die voyeuristische Begierde, in einen Kaisersarkophag hineinzuschauen, surfte danach im Internet, und abends las ich dann den Bericht vom Hochgrab jenes Habsburgerkaisers Friedrich III., auf dessen reichlich ausgestattete und nicht angetastete Überreste man einen Spaltbreit blicken kann. Friedrich III. regierte unglaubliche 53 Jahre lang, galt als „des Heiligen Römischen Reiches Erzschlafmütze“. Auf ihn geht das berühmte, noch immer nicht mit Sicherheit geklärte „A.E.I.O.U.“ zurück: „Am End Is Ollas Umsunst“? Vertauschung von Ursache und Folge: Wenn die Nachrichten NACH einem plötzlich aufgetauchten individuellen Bedürfnis einen sofort anschließend mit dem Angepeilten bedienen. Und man bei genauester Gedächtnisprüfung zu dem Ergebnis kommt, zuerst danach gesucht zu haben. Wenn man sich entsprechend auflädt, ist die Zufallsernte reich. Manche schwingen sich in diese Höhe, wo ihnen die Zufälle aus den Haaren des Schicksalshaupts ständig entgegengekämmt werden.

Zur Frage, ob das Christentum untergehen könnte – und mit ihm sogar, wie Kardinal John Henry Newman fürchtete, die Menschheit: Es hat schon mehrere Christentümer gegeben, nicht selten nebeneinander, auch innerhalb der Katholischen Kirche, die sehr verschieden aussahen. Und es gibt beträchtliche Übereinstimmungen mit dem Buddhismus, aber auch mit Aspekten des Hinduismus, einmal von den Schnittmengen mit den anderen abrahamitischen Religionen abgesehen. Wenn die Rede davon ist, dass das Christentum untergehen könnte (was Nietzsche sich erhoffte), müsste genauer hingesehen werden, was unter Christentum verstanden wird. Die Katholische Kirche? Die Mitleidsethik, die es mit dem Buddhismus gemeinsam hat? Wenn in letzterem Sinne es unterginge, wäre der Buddhismus noch da. Oder würde der in dem Fall mituntergehen? Das Christentum kennt in seiner Geschichte alles: das Gegensätzlichste. Revoltierende Bauern, Inquisitoren, Bettelorden, Baumeisterpäpste, Mystiker, Moralisten strengster Observanz, Hysteriker, sogar Libertinage, Ehelose, doch auch f(r)uchtbar sich Mehrende, Wörtlichnehmer der Bergpredigt, aber auch Exekutoren des Buchstabens, Gesetzliche, pure Eucharistiker und Sakralritualisten, Ritter sogar. Ebensowohl nun sind die Darstellungen des Jesus Christus beschaffen: da haben wir auch eine recht große Varianz. Vom Kind in der Krippe, ja in Mariens Schoß, zum Guten Hirten über den Gekreuzigten, den Auferstandenen bis zum Pantokrator. Oder der stillmonden wirkenden russischen Ikone.

In der altpersischen Avesta gibt es eine psychologisch und überlebensstrategisch sehr gescheite Gebetzeile: „[…] worum ich dich bitte, o todzerstörender Hom, ist, dass ich sehen möge den Räuber – Mordzerreißer – Wolf; dass ich ihn sehe zuerst; dass kein bösewirkendes Wesen mich sehe, ehe ich gesehen habe!“

Notiz zum Pessimismus. Solche, die allein für sich, was die Welt betrifft, bei möglichst objektiver Einschätzung der Gesamtlage pessimistisch sind; und solche, die mit dem Pessimismus andere anstecken wollen, doch nicht, damit diese sich noch zu einem Gegenhandeln aufraffen würden, sondern um jegliches noch mögliche Gegenhandeln im Keim zu ersticken. Die Pessimisten der zweiten Sorte haben sich an die Rolle gewöhnt bzw. sich dieselbe angemaßt, FÜR ANDERE statt primär für sich selbst zu denken. Nicht allein erkennen sie die Welt als schlecht, sondern die Schlechtigkeit der Welt will tatkräftig bedient sein: der Umschwung des zum Untergang rollenden Rades darf nicht nachlassen. Sie warten, bis das Gift, das sie dir einträufeln, auch wirkt.

„Luxardo pur und Theosophie, du Weibischer! Du esoterische Buchtel, die geistererwartungsvoll erbebt, wenn nachts ein Waschlappen zu Boden fällt“, so zu mir Jausner, der Aufklärer und Ebensojunggeselle, der aber noch immer Muttern bei sich putzen lässt. „Wer Sorgen hat, hat auch Likör“, wie schon bei Wilhelm Busch steht. Und Jausner, als ehemaliger Mitschüler des humanistischen Gymnasiums, als solcher immer durchschnittlich und unauffällig gewesen, inzwischen aber im Selbststudium in den Klassikern bewandert, zitiert gegen mich Seneca: „Nihil adhuc consecutus es; multa effugisti, te nondum.“ Auf Deutsch: „Du hast noch immer nichts erreicht, hast vieles gemieden, dich selbst noch nicht.“

„Die Ungeduld verlangt das Unmögliche, nämlich die Erreichung des Ziels ohne die Mittel.“ (Hegel) – Indem Schopenhauer zumindest bei solchen Stellen nicht konspirierte, war er gegen Hegel negativ parteilich.

Gestern im Bus sprang mir versehentlich der nasse Knirps auf. Umbrellaspreading?

„Mir ist das in die Myriaden gehende mikroskopische Gewusle in und auf meinem Körper genausowenig geheuer wie einem Autokraten das Volk“, sagte der antimedizinische Jausner. „Ich suche die Enveloppe dieser ganzen Kurvenschar zu sein, in der ich meinen – bedrohten? – Frieden finde.“

Noch gibt es nicht den 3D-Drucker für Träume, mit dem man die Gegenstände, die man im Traum schon in Händen hielt, ins Tagleben hinüberrettet. Von Zeit zu Zeit der Traum, der mich bei Einbruch der Dämmerung in eine alte Stadt mit gotischem Münster führt, wobei ich mich immer an einem Bücherstand blätternd verliere, der bereits vor meinen Augen abgebaut wird. Einen ganzen Stapel in Eile auftürmend, alles neue Autoren, wie wenn es noch einen zweiten Platon, einen zweiten Aristoteles usw. gäbe, mir im ersten Anblättern schon sehr bedeutend erscheinende Werke meist einer Buchreihe, die die Welt nicht kennt, doch wie ich sie kaufe und zahle, mir die Papiertasche mit ihnen ausgehändigt wird, ich in heißbegierlicher Vorfreude des Lesens bin, reißt der Griff und ich wache ohne die Bücher wieder auf.

Gestern Nachmittag: Baumschnittarbeiten in der Hellbrunner Allee mit Kran, wobei der in den Baumkronen Arbeitende aber („gottlob“?) nur kleine Äste herausschnitt. Dann das kleine Gefährt eines Laubsaugers, der aber doch durch Hin- und Herfahren den Weg von dem Blättergeldspeichergold staubaufwirbelnd freimachte. Dieses Fahrzeug im Nebel erinnerte mich atmosphärisch an den Ostblock. Gute Zeit infolge Wenigbegangenseins der Wege jetzt. Fund einer Tasche mit Geldbörse, Personalausweis, e-card und anderen Lebenswichtigkeiten einer Pensionistin, die ich aufgrund ihrer beiliegenden Visitenkarte anrief; sie wohnte am Rand des Morzger Waldes, ich brachte ihr das unversehrte Verlustgut gleich persönlich vorbei und wurde mit einer Flasche sehr guten Rotweins belohnt. Dabei auf dem inzwischen schon dunklen Wege im Nebelnieseln die Theosophie wieder von mir abschüttelnd, weil sie eine karmische Streberei ist, höhere Ebenen für das Ego zu erklimmen. Es sollte das Leben auch ein Spiel der Zufälle sein, der Geschenke, des Unverdienten, nicht nur ernsthaft-lineare, den eigenen Hierarchiestellenwert jederzeit berechnende Streberei. Und auch die Schau der Symbole eine zufällig einen ereilende, nicht in ein Koordinatensystem einzuordnende, sich immer wieder anders und manchmal auch nicht ergebende und einstellende. Als Theosoph herumgehen, hieße künstlich wie auf einer Stelzenleiter herumgehen, nicht aufnahmebereit und eindrückeoffen wie als Kind.

„Meine Schuld, mein Versagen, liegt nicht in den Leidenschaften, die ich habe, sondern in meinem Mangel an Kontrolle über sie.“ (Jack Kerouac) – Ich bin kein Fan davon, aber dieser Satz entspricht exakt dem, was der Katechismus der Katholischen Kirche zu diesem Thema ausführt.

Zufall und Notwendigkeit. „Es gibt keinen Zufall.“ (Prädestinationsglaube) – Naja, das ist dann halt ein Zufall mit Etikett. So wie bei dem jetzt, der mir mein Notebook gestohlen hat. Der reißt das Etikett herunter und das Ding ist seins. Die Zufälle sind die Perlen auf der Kette der Notwendigkeit, so einmal sinngemäß Schopenhauer. Zufall ist die subjektive Erlebnisinnenseite objektiver Kausalverkettungen. Oder der Zufall ist die Zugabe großer Wirklichkeitsbewandertheit: Pflückglück. Weil die Sensorien geschärft sind. Zufallsarme Phasen wechseln mit zufallsintensivsten, den Strauß der Unwahrscheinlichkeiten schwenkend, das Schicksal zu begrüßen.

Auf eine neue Gesichtserkennungskamera: Sehen Sie ihn sich nur an, den Gesichts-Erkenner! Den Einäugigen! Der Sie ohne Fehl und Tadel erfasst. Diesen Objektiven, was sage ich? – dieses OBJEKTIV! Dieses objektive, Sie ganz und gar erfassende Insekt. Diesen Alien Ihrer Alienierung. Diesen kalten hässlichen sowohl als auch welldesigned-delikaten weißen Engel polizeilicher Cleanic. Dieses Stück technisch materialisierter, zugespitzter Partial-Metaphysik. Und ihn, der Sie erkennt, werden Sie selber niemals erkennen! Ihr rettungslos-antiquiert nach dem Kindchenschema vorgehendes Auge, das nach dem Motto „Punkt, Punkt, Komma, Strich: Fertig ist das Mondgesicht“ dem Gegenüber unbeirrbar ein Antlitz geben will, wird von dem Anblick jenes Einäugigen erfroren, im wahrsten Sinn des Wortes kaltgestellt. Es braucht den ganzen Aufwand eines Medusenhaupts mit Schlangenhaaren und Schweinshauern, glühenden Augen und heraushängender Zunge nicht länger, Sie erstarren zu machen. Der Panoptismus von Jeremy Bentham bis Michel Foucault findet seine Erfüllung. Wo bleiben die Tauben? Wo bleibt die Taube des Heiligen Geistes, die dieses Auge Gottes zuschisse?

Aus irgendeinem Grund hatte ich immer die Marie Luise Kaschnitz und die Gertrud von le Fort in einen Topf geworfen, aber der Blick auf die Fotos zeigt deren gänzlich unterschiedliche Wesensart, wobei ich jetzt klar zur Kaschnitz tendiere. Es ist ähnlich wie bei Ina Seidel und Agnes Miegel, nur dass letztere zeitweise zum Nationalsozialismus tendierten. Es geht um das Brennen oder Gelöschtsein des inneren Dämons.

Die Pfeifenraucherin Marie Luise Kaschnitz. „Sie war eng mit Dolf Sternberger und dem Ehepaar Adorno befreundet. Sie kannte sich aus in der Antike, doch sie lebte in der Gegenwart. Sie schrieb Gedichte und solidarisierte sich mit den rebellierenden Studenten von 1968, sie sympathisierte mit den Hausbesetzern im Frankfurter Westend, und sie blieb: Dichterin.“ (Martin Lüdke)

Bakunin. „B nannte Netschajew in seinen Briefen: Mein Kleiner; mein Sergej; Boy; mein kleiner Boy; kleiner Tiger; mein wildes Tier.“ (Horst Bienek: Bakunin, eine Intervention, München: Carl Hanser, 1970, S. 72)

Peter Hodina

Folge uns auffällig.