DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Das Magazin für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °20

Mancher Gedanke hat einen unmittelbaren selbsterlebten Anlass, das sehr wohl. Mancher einen schon länger zurückliegenden selbsterlebten Anlass. Aber auch von anderen erlebt und mir mitgeteilt, kann er mir durch empathischem Nachvollzug zu einem wie direkt schon selbsterlebten werden, besonders wenn ähnliche selbsterlebte Erfahrungen diesem Nachvollziehenkönnen den Boden bereiten. Des ferneren ist, etwa in Träumen, auch das Aussinnen von Erlebnissen möglich, die erfahren werden könnten und die sicher vielmals auf der Welt real erfahren werden, auch wenn dies nicht gerade im eigenen Umfeld geschehen muss. Die etwas platte Frage darauf, die übrigens häufiger Frauen als Männern gestellt wird: „Was war denn los?“, ist in ihrer pathologisierenden Kümmerei so besorgtspielend, wie sie brisanzentschärfend, um nicht zu sagen entmündigend ist. Sie nimmt dem Gedanken die Brisanz, indem sie ihn aufs Persönlichste, in dieses sich unerbeten einmischend, zurückführt, anstatt ihn mitzudenken. Oder auch die häufig besonders unter Posts von Frauen gesetzten Männerkommentare „Was war jetzt schon wieder?“ oder „Sonst ist alles o.k.?“ scheinen mir wie eine probate, sich herumsprechende Waffe eingesetzt zu werden, Frauen nicht ernst zu nehmen. Das hat in diesem neukonservativen Kulturkampf, wo lächerlicherweise um jeden Quadratmillimeter Hegemonie gerungen wird, Methode.

„Wenn man Mitleid fühlt, so fragt man nicht erst andere Leute, ob man es fühlen soll.“ (Georg Christoph Lichtenberg) – Lichtenberg meint wohl, nicht abzuwarten, was eine höhere Instanz oder gar eine philosophische „Letztbegründung“ (Karl-Otto Apel) dazu sagt, wenn Not am Mann ist und der spontane Impuls zu helfen oder einzugreifen vorhanden ist. Die Lieferung von Letztbegründungen kommt immer zu spät und enthält zahlreiche Nachlieferungen, Postscripta, ist Stückwerk. Wenn ich einen verletzten Hund auflese und durchzubringen versuche, brauche ich nicht zuerst die Sinnstelle im All der Welten zu fixieren, innerhalb deren sich meine Handlung hundertprozentig rechtfertigen ließe.

Es gäbe für das Leben kein Rezept. Stimmt. Oder doch so eines: wie das eines Kräuterbitters, das strengstens geheimgehalten werden muss.

Manche meinen, deshalb weil sie recht haben, würde alles gleich rennen, um dieses ihr Rechthaben in die Tat umzusetzen – als wäre das Rechthaben der einen den anderen automatisch Befehl, es auszuführen. Es ist wie beim „Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward“, nur wird hier nichts. Nichts von selbst. Tausendmal kannst du trotzig darauf insistieren: „Ich habe recht, ich habe recht, recht habe ich!“, diesen Artikel aus deinem Laden will niemand, nicht einmal nachgeworfen.

„Kampf gegen die Metapher“ (Carl Sternheim) – auch so eine Zeitlosung. Auf die sich dann verspätete Starravantgardisten versteifen. Was hat die böse Metapher denn getan? Wen hätte sie gebissen? Vielleicht war es dies: Sie biss zu wenig.

Die vielen doch so unfruchtbar gewesenen, leerlaufenden Debatten von früher. Wo Wort gegen Begriff ausgespielt wurde. Wie waren sie mir auf die Nerven gegangen, die Fetischiseure des Wortes! Welche immer so tief vom Wort reden, so allzu tief, so verdächtig tief, die kopfunter in die Wortzisterne gefallen sind, als wären das Konstruktive, das Konstruieren, die Komposition nichts, kommen mir vor wie Musiker, die immer nur vom Ton und vom Klang, oder Maler, die nur von der Farbe, oder Bildhauer, die nur vom Stein reden. Wie Sommeliers, die dir alles über Weine erzählen wollen, für die Rausch aber keine Kategorie ist. Weitaus fruchtbarer erscheint mir auch für die Künste noch immer und wieder Aristoteles zu sein: causa formalis, causa materialis, causa efficiens, causa finalis. Alles jeweils von Bedeutung, doch ineinander verschränkt und auseinander erblühend.

Als Kunsterzieher würde ich den SchülerInnen einhämmern, sich nicht von der wissenschaftlichen Wahrheitsliebe ins Bockshorn jagen zu lassen. Verfertigte mit 12 Jahren, als von keinem Tapir noch die Rede sein konnte, aus Ton eine thronende Ganeshfigur, die in ihren Händen aber Schlangen hielt und deren Sockel ich mit Phantasie-Hieroglyphen beritzt hatte. Meine Kenntnisse der Mythologie waren die minimalsten. Als ich viel später, ich war schon zwanzig, erkennen musste, dass Schlangen nicht in den üblichen Formenkreis des Ganesh gehören, hatte ich mich dieser doch ganz trefflichen Figur so geschämt, dass ich sie, in einer Nacht finsterer Nachdenklichkeit noch einmal aufstehend, mit einem Vorschlaghammer zerschmetterte. Erschwerend kamen die Phantasie-Hieroglyphen, die äußerlich an die ägyptischen angelehnt waren, hinzu, die „nichts“ bedeuteten und den Ganesh obendrein in einen falschen Kulturkreis stellten. Erst heute weiß ich, dass bis vor der Entzifferung der ägyptischen Hieroglyphen es üblich war, Phantasie-Hieroglyphen als Ornamentationen anzubringen, so bei Bühnenbildern zu Mozarts Zauberflöte, die acht Jahre vor dem Steinfund von Rosette uraufgeführt worden war. Die noch nicht archäologisch wiederverstandenen Hieroglyphen hatten etwa auch Eingang in die Symbolik der Freimaurerei gefunden. Dass kulturelle Transformationen durch Verschmelzung und Überlagerung sowie Einschleppung und einfach handwerkliches Abschauen stattfanden, zeigt sich exemplarisch an (dank des Alexander-Feldzugs nach Indien) hellenisierenden Buddha-Bildnissen. Der Mythos ist in ständiger Metamorphose, in ständigem Gestaltwandel. Was ich dazumal unbewusst-spielerisch als Zwölfjähriger machte, hatte eine tiefe Berechtigung. Ferner ja doch eine Parallele: der einem Menschenleib aufgesetzte Tierkopf! Beim Ganesh wie bei den meisten ägyptischen Göttern! Der Moralist allerdings, der mit zwanzig zum ikonoklastischen Hammerschlag gegen das vermeintlich unwahre Objekt seiner fröhlichen Kindertage ausholte, wich später dem Phantasten. Es war ein Ikonoklasmus aus vorschneller Wahrheitsliebe. Meine Scham, etwas Unerlaubtes geschaffen zu haben, war in meinen gesamten Zwanzigern noch sehr groß.  Zum Stein von Rosette noch: 1799 von einem französisch-napoleonischen Offizier im Nildelta gefunden. Und 1899 erschien Sigmund Freuds Traumdeutung, die er auf 1900 vorausdatierte. Mir scheint es sinniger, sie mit dem Rosettastein in Korrespondenz zu stellen – beide dienten dem Übersetzen: auch als Über-setzen.

Der arme Käfer, der ins Spinnennetz geraten ist und sich vergeblich da herauszuzappeln versucht, ist gut vernetzt – aus Sicht der Spinne.

Manche lassen sich nur so schubladisieren, dass immer etwas noch heraushängt.

Mir ist es oft so, als würde ich einer Sekte angehören, die den Entschluss als solchen verbietet. Nicht nur meide ich Entschlüsse, mir wird schnell übel, wenn ich auch nur von Entschlüssen lese, von deren Wichtigkeit, Unumgänglichkeit. Die Aborigines sollen gesagt haben: „Fasse nie einen Entschluss, über den sich andere freuen!“ Ein solcher Satz ist die absolute Ausnahme unter den ansonsten Entschluss-Lobhudeleien. Lediglich noch Oscar Wilde war skeptisch: „Nichts ist für die Persönlichkeit so verderblich wie dies: Einen Entschluss zu fassen.“ So frage ich mich demnach ernstlich, ob ein – sogar ganz gutes – Leben theoretisch lebbar wäre, das den Entschluss nicht benötigt. „Ich gehe jetzt hinaus“, müsste das immer so gesehen werden, als wäre gesagt: „Ich habe den Entschluss gefasst, hinauszugehen?“

Übersetzung für mich selbst. „Through those old grounds of memory, / the sauntering alone / is a divine intemperance / a prudent man would shun.“ (Emily Dickinson: Sämtliche Gedichte. Übersetzt, kommentiert und mit einem Nachwort von Gunhild Kübler; Hanser 2015) Gunhild Kübler übersetzt: „Einsames Schlendern durch das alte / Erinnerungsgelände / ist göttliche Unmäßigkeit / die sich kein Kluger gönnte.“  Sehr frei nutzanwendend nach der Übersetzung nun von mir übersetzt: „Einsam schlendre nie / durch die Erinnerungsdeponie! / Denn im Unmaß Gott zu sein, / fiele nur wem Dummen ein.“

Anekdote zu Ernst Buschor. „Als Buschor gefragt wurde, nach welchen Prinzipien er die griechischen Dramen übersetze, entgegnete er: ‚Ich singe, wie der Vogel singt, der in den Zweigen wohnet.‘ Auf die Frage, wie er zu seinen Einsichten in die griechische Kunst, vor allem der klassischen Zeit, gekommen sei, antwortete Buschor: ‚Durch einen Papagei sehr hohen Alters, der in seiner Heimat Athen Phidias und Perikles noch kannte, der den Bau des Parthenon und die Spiele im Dionysostheater miterlebte und den es nach langem Umherirren auf die Insel Syra verschlagen habe. Dort habe er den Papagei auf dem Weg nach Samos regelmäßig aufgesucht und von ihm authentische Berichte erhalten. Nun, da der Papagei tot sei, könne er zwar keine neuen Auskünfte mehr einholen, aber in seiner Schublade liege noch ein dickes Bündel Notizen mit den letzten Äußerungen des Vogels.‘ Als ich (Hans Walter) mich viele Jahre nach dem Krieg zwischen zwei Schiffen im  Caféhaus in Syra nach dem Papagei erkundigte, erzählte mir der Wirt, indem er nicht ohne Rührung auf das leere Stangerl am Balken der Stube zeigte, das Schicksal des Vogels: er sei zu Beginn des Krieges nach Athen gekommen und von Hunden zerrissen worden. Auf meine neugierige Frage, was denn der Papagei kurz vor seinem Tode Buschor noch mitgeteilt habe, warf der Wirt verneinend mehrmals seinen Kopf in den Nacken und meinte, der Vogel hätte mit Buschor Altgriechisch gesprochen und das verstünde er nicht.“

Öfters denke ich, besonders unter vielen unbekannten Menschen (in der U-Bahn etwa, wo ich mir durch Phantasiegedanken oder Gedankenphantasien die Zeit überbrücke und mich angesehen spüre): „Du denkst im Augenblick viel zu kalt, zu hart.“ Nicht über diese anderen, sondern die dahinschnellenden Gedanken sind hybrisbeflügelt; doch ich kann das nicht auf Knopfdruck abstellen, wie auch andere, die eine Konstition mit noch größerem Schwierigkeitsgrad getroffen haben, sich wohl noch weniger entfliehen können. „Der Mensch kann sich nicht aus.“ Hier hängt es mit dem Gesehenwerden zusammen, es ist eine imaginäre Panzerung, auch um Fährten über mich zu legen, die ganz in die Irre führen müssen. Es ist ein zur Schau getragener unerweichlicher Optimismus, aber einer des ja direkt schon eisigen Grimms. Wie ich die Zielstation verlasse, mildert sich jener Anflug. So gestern, als ich dann mein verspätetes Frühstück in Gestalt eines Stanitzels mit heißen Maroni verzehrte. Ein heruntergekommener Skinhead in hellblauer Bomberjacke bat mich, ihm von meinen Maroni zu geben. Sein Gesichtsausdruck war der eines Dauergeprügelten und war alles andere als einladend. Trotzdem überließ ich ihm auf der Stelle die Hälfte meiner Maroni, entnahm keine neue mehr, obwohl ich noch nicht ganz satt war, und immerhin sagte er dann, der vermutlich mit der ganzen Negativität, die er ausstrahlte, schon lange kein menschliches Entgegenkommen mehr erfahren hatte, wie sehr er heiße Maroni liebe. Die Übergabe der heißen Maroni an ihn erfolgte meinerseits ruckartig, augenblicklich, ohne Zögern und ganz freiwillig. Der Mensch hatte nur Hunger. Ob ich einen politischen Feind kurzfristig minimal angefüttert habe?

Tapirismus auf dem Prüfstand. „Du hältst zu den Privilegierten! Nicht zum Hausschwein, nicht zur Kuh, sondern zu Tapiren. Nicht mehr weit zu den Pandas! Eher geht die Welt unter, als dass der Panda ausstirbt. Der Panda ist das Maskottchen des Weltuntergangs!“ Es ginge, hält mein Opponent entgegen, um die Leidensquanta, erfahren immer nur von je einem Individuum. „Ein aktuelles Schwein ist genausoviel wert wie dein ewiger Tapir, du Schnitzelfresser!“ Spezies – das sei ein bloßer Idealismus. „Mittelalterlich ‚realia‘!“, wende ich kühn ein. Und dann kam mein Opponent über mich: „Du erbärmlicher Romululus Augustululus! Du animulala, vagulala, blandulala!“

Wenn man abstumpft, muss man neu anspitzen.

Traum: hatte hinten am Hals einen Hebel, mit dem sowohl Schnabel auf als auch Schnabel zu gehandhabt werden konnte. Mir war der Schnabel zugemacht worden, was mich so verärgerte, dass ich aufwachte.

„Sollten wir keine Bücher von weißen Cis-Männern mehr lesen?“ Was ist das? Ich weigere mich, in den Diskurs einzutreten. Bin definitiv zu alt. Irgendwer, das ist sicher, macht ein Geschäft damit. Gut für ihn/sie (Singular) und für sie (Plural).

Lucke & Höcke. „Es kann kein Zufall sein“, so der kabbalisierende Jausner: „Der Autor sinnt noch. Der Weltgeist würfelt. Der maliziöse Malefikant probiert passende Namen und bevorzugt gelegentlich, wie auch früher vorgekommen, Namenszwillingspärchen oder ein Doppel, an dem es sich scheidet. Autor und Weltkarikaturist ist er ja bis zuletzt, der Malefiz: er sticht in den Faulnestfladen der Menschheit hinein. Die Dummheit der Menschheit reicht ihm, dem Porzellanmaler des Unheils.“ So Jausner.

In Momenten, wo man noch nicht einschlafen kann, der Traumarbeiter aber schon zur Sache kommen will, passieren dann solche unabstellbaren, sich mit dem Surrealismus verbindenden Halluzinationen wie die: Ich sah den großen Karl-Marx-Kopf von Chemnitz vor mir, der sich längs der Mitte teilen und wie eine Whiskybar öffnen ließ. Dann berührten sich hinten die beiden Flügel des nach innen gewendeten Marx wie zu einer Konfrontation Nase an Nase.

Peter Hodina

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