DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °°2

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Zu einem, der meint, nach drei geäußerten Sätzen bereits so gut wie den ganzen Menschen zu kennen: Früher nannte man’s einfach „Schlauberger“. Doch ein Blick auf die „Zeitachse“ beim Smartphone genügt, das ganze Ausmaß unserer Überwachtheit und passiven Transparenz zu erahnen. Wer über den Browserverlauf verfügt, hat in Zeiten wie diesen die kompletten Charakterogramme der überwiegenden Mehrheit. „Menschenkenntnis“ aufgrund von drei geäußerten Sätzen oder von Kleidungsstil wirkt dem gegenüber altmodisch. Und hätte jener seine Bauernschläue auch mit Diplom zertifiziert bekommen.

Es noch nie genau beobachtet, wenn so ein Wasserfall – wie jetzt sogar die Niagarafälle – vereist. Ob der Wasserfall so nach und nach oder gar mit einem Schlag vereist. Dass, wenn die Temperatur absinkt, wie mit einem Zauberschlag auch die allergrößte Wucht an Wassermassen stillestünde? Ein Gleichnis auch: wie wir uns auch bewegen mögen, tüchtig alles, was uns hemmt, von uns herunterstrampelnd, es kann einmal insgesamt gesellschaftlich unter den Gefrierpunkt gehen. Und wir bleiben dann als Eisheroe stehen, als gefrorenes Denkmal mit zum Protest geballter Faust.

Fragment ad Masturbation. Die Masturbationsphantasien könnten einmal analysiert werden. Ich meine, dass hier immer ein Differenzpunkt ausmachbar ist, bei jeder solcher Phantasie. Wäre sie auch noch so festgefahren oder gar zwanghaft, ist da immer noch ein Hiatus, in dem sich ein Fragezeichen einschleicht, ob es denn so sein MÜSSE. Oder „verdankt“ sich dieser Hiatus lediglich einem Masturbationsverbot oder einer Masturbationsverdächtigung aus dem Jugendalter? Ein katholischer Moraltheologe schrieb einmal, Masturbation befördere ausschweifende, „utopische“ Phantasien und sei DESHALB abzulehnen. Der Differenzpunkt innerhalb der Masturbationsphantasie scheint mir einiger Betrachtung wert zu sein. Und bestünde er nur darin, mit der Sache aufzuhören oder dieselbige zu beschleunigen oder zu verlangsamen. Sicher ist die Masturbation ein Medium sinnlicher Selbsterkenntnis, ein Aushorchen des Innenraums und einer anderen Seite in sich selbst, wobei die Frage nach einer triebdialektischen Versöhnung im Raume steht. Die aber auch von unserem Ichhäftling bzw. Masturbationsvirtuosen mit dem Beharren auf grimmiger Dissonanz zu jeglicher Harmonie beantwortet werden kann. Aber es ist ein Ausstrecken der Flügel in größtmöglicher Spannweite und insofern auch gesund, weil sie uns in nie nachlassender Praxis lehrt, die beiden Pole in uns auszuhalten. Und bei Männern obendrein, wie einige Studien zeigen, Prostataleiden vorbeugt. Sie ist auch geeignet, sowohl sich in die Wachheit zu reißen als auch in den Schlummer zu befördern: mit ein- und demselben Akt, bei allerdings jeweils anderer intentionaler Begleitphantasie. Sie ist sozusagen ein Pferd, das zu unterschiedlichen Zwecken gesattelt werden kann. Doch gibt es ja auch noch jene Masturbation, die nicht alleine – als sozusagen „einsames Laster“ – vollzogen wird.

„Benedikt von Nursia verlangt in seiner Benediktsregel von seinen Mönchen, zumindest mit einem Hemd bekleidet zu schlafen: ‚Bekleidet sollen sie [die Mönche] schlafen, damit sie zur Stunde des Gebetes schnell bereit seien, und weil es sich nicht gehört, dass sie ihre nackten Gliedmaßen berühren, denn dies reget die Leidenschaften an.‘“ (Wikipedia)

Es müsste doch zu messen sein, wie schnell jemand auf der Timeline bei gewissen Visagen gleich weiterscrollt. Dass diese gar nicht mehr die Chance haben, den Mund aufzumachen. Es ist förmlich ein Wegkicken. Daraus müsste der wachsende Unzufriedenheitsgrad mit bestimmten Politikern etc. ablesbar sein. Wieder rechtzeitig weggekickt, bevor deren Sprechblase sich ausschütten kann. Nur wie ein Fisch hinter Glas kann er kurz sein Maul aufmachen, aber wir werden nicht sein Brocken sein.

Über eine Wichtige. Wie in der Liebe: Wenn du aufstehst, schon an jemand denken, wenn du einschläfst, so denkt sie schon beim Aufstehen an ihre Wichtigkeit und die Fassung dieser Wichtigkeit. Da hat sogar die Katze Schwierigkeiten, sich in eine Lücke dazwischen morgens noch hineinzuquetschen.

Nachts aufgewacht, an Schimpfwörtern schleifend. Trifft „Dreckhund“ stärker als „Dreckshund“ oder umgekehrt? Sich hineinsteigernd zuerst in das eine, es sei das beleidigendere, dann in das andere, es sei das noch mehr beleidigende. Schließlich erschöpft feststellen müssend, dass sie beide exakt gleich offendieren. Und: was können die armen Hunde dafür? Danach zurücktauchend in den Schlaf.

Ich bin vormittags doppelt so langsam (vom Gefühl her), aber doppelt so viel kommt objektiv zustande. Man muss sein Frühaufstehen den Frühaufstehern entreißen, eine Eigenintelligenz gegen die sogenannte „Schwarmintelligenz“ durchsetzen und durchhalten, wie früher die Piloten im Cockpit mit Brille.

Wenn der Gärtner der Mörder. Sage ich dann: „Ich habe einen vorzüglichen Gärtner, der NEBENBEI auch ein Mörder war“? Oder überwiegt der Mord nun alles Sonstige, auch sein Gärtnersein? Mehr noch: ungesühnt IST er ein Mörder, obwohl der Mord vielleicht schon länger WAR. Wie ein schwarzer Fleck verdunkelt der Mord den ganzen Menschen, auch wenn inzwischen unter seinen Händen Jahr für Jahr der allerschönste Garten erwachsen sollte. All sein übriges Tun wird, wie bei einer Sonnenfinsternis die Landschaft, in den Schatten des vielleicht auch nur EINmaligen Mordes getaucht, nur dass diese Finsternis nicht weicht.

Warum nenne ich einen, der EINmal gemordet hat, in einer mich selber gar nicht betreffenden Sache, einen „Mörder“, obwohl er vieles andere auch noch „daneben“ sein mag? So sehr überwiegt der Mord, der ungesühnte Mord alles andere, dass dies andere nur mehr ein „Nebenbei“ wird, das nichts mehr zur Sache tut. Der Betreffende mag ein EINZIGES Mal nur, in einer erhitzten Sache, sich vergessen haben, es mag Jahrzehnte her sein, trotzdem „klebt“ die Tat, die einem anderen das Leben nahm, an ihm. Wenn mir nun dieser Mörder ein vorzüglicher Gärtner ist und ich mich vor ihm nicht fürchte, kann ich dann sagen: „Er ist mein schon jahrelanger guter, zuverlässiger Gärtner und NEBENBEI einmal ein Mörder gewesen“? Er WAR ein einziges Mal ein Mörder, wöge das denn so schwer, dass er es nun für immer IST, ja dass dieser Mensch nun ein Mörder ist und nichts außerdem? Ich habe keine Angst vor ihm, der Mensch, den er umbrachte, war obendrein ein Unsympath, mein Gärtner ist nicht nur zu den Pflanzen gut, sondern auch zum Hund, der ihm vertraut. Wie könnte man hier es philosophisch argumentieren? Nicht SO argumentieren, dass er ein „angeborener Mörder“ wäre, mit „Mörder-Chromosom“ u.dgl. Auch nicht religiös und auch nicht strafrechtlich argumentierend. Wieso wäre er noch immer ein Mörder, wo er doch nebenbei vieles sonst auch war und ist, und die Tat lange zurückliegt? Wäre nicht mit größerem Recht zu sagen, dass er NEBENBEI ein Mörder gewesen war, doch überwiegend vieles andere auch noch, auch vieles Gute? Was macht das WAR des Mordes zum IST? Ja möglicherweise sogar zum ihn bestimmenden SEIN dieses Menschen? Hätte er nun MICH damals umgebracht statt jenen anderen, wäre ich seitdem ein WAR, d.h. wäre nicht mehr. Wäre aller meiner Möglichkeiten beraubt. Mein Lebensbegehren wäre abgedrosselt worden. Indem ich durch die Hand des Mörders zu einem WAR geworden bin, ist er nun als Mörder ein IST. Er schleppt den anderen Menschen mit sich herum, der wegen ihm nicht mehr lebt. Auch unsichtbar schleppt er mich mit sich, und wenn er mich auch abschütteln will, schleppt er mich weiterhin mit sich. Im anderen wurde ein ganzer individueller Weltaufblick beendet. Ein Weltkreis, den ein Subjekt aus sich wirft. Die ganze Welt geht unter, wenn ein Mensch stirbt. Eine solche subjektive Totale hat der Mörder auf dem Gewissen oder Kerbholz. Und das macht einen Mord zu einer so totalen Tat und den Mörder zu einem so totalen. Indem die Gesellschaft den Mord ahndet, handelt sie so, als wäre sie in dem Ermordeten gemordet worden, doch so, dass er sich selbst wieder zum Leben erweckt und die Tat – und sei es nur symbolisch – revidiert, indem er durch die Gesellschaft die ihm zugefügte Totalität (des Nichtmehrseins) zurückerteilt, indem der Mörder als Mörder benannt, verurteilt und bestraft wird.

„Der Sonne und dem Tod kann man nicht ins Gesicht blicken.“ (La Rochefoucauld) – Zu ergänzen: auch sich selber nicht. Höchstens momentweise im Spiegel, wenn man schneller als der Spiegel zu sein versucht, oder langwierig per Selbstporträt. Es sind immer nur Annäherungen. Derb zu sagen: „Schau dich doch an!“ fordert ein Ding der Unmöglichkeit. Das wäre dann nur ein „Sich-anschauen“ etwa hinsichtlich seines abgelaufenen Schuhwerks, das an sich ja sofort ausgewechselt werden kann. „Sich anzuschauen“ ist die Aufforderung, sich als Ding zu betrachten und vor diesem Ding, das man wäre, in aufgenötigter Übereinstimmung mit dem, der einen dieserart offendierte, die Achtung und somit die Selbstachtung zu verlieren. Auch der Sklavenhändler betrachtet die Sklaven als „Ding“. Der Sklave soll „sich anschauen“, das heißt, sich nach seinem Marktwert selbstbemessen und diesen seinen Marktwert mit sich selbst zu verwechseln lernen*). Er darf nichts anderes sein als der Marktwert, auch vor sich selbst nicht. Sonst wäre er noch nicht ganz ergeben gemacht, es glömme in ihm noch der Funke der Rebellion. Oder auch der Verbrecher, um reuig zu sein, soll sich als nichts sehen denn als Verbrecher. Die Tiefen der Seele und die „bacchantischen Taumel“ der Selbsterkenntnis zählen für den verdinglichenden Blick nicht: nicht das Potenzial gegenüber dem Faktischen.                   

Distanziertheit des Chronisten. Statt es aufzuheben, schreibt er das Flugblatt ab. Oder ein Gedicht des Wiener Zetteldichters Helmut Seethaler fände er zur freien Mitnahme, zückt stattdessen das Notizbuch und schreibt mit Kopfnicken dessen Satz hinein: „Man darf die Welt nicht denen überlassen, die immer weniger von ihr über lassen.“

*) Zu beachten: was „lernen“ in solchem Zusammenhang bedeutet. Etwas anderes, als die naiven Optimisten des Lernens damit meinten.

Peter Hodina

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