DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Das Magazin für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °19

Der Nachkräftiger. Persönlicher Nachtrag zu Handke: Doch viel über lange Lesejahrzehnte ihm verdankend. Auch eine Schule des Sehens und Achtens auf vermeintlich kleine Dinge. Und der mir Salzburg illuminiert hat, eine immanente Anleitung gebend, wie in Salzburg eine Kunstexistenz zu führen wäre. Die ganze Mönchsberggegend bis zum Rainberg und zur Moosstraße hinüber, Morzg, Gneis, Obuskehre und Almkanal, Walserfeld, Loig, Taxham, Muntigl, alles ist mir sehr lange handkeverzaubert gewesen. Weil ebenso Fußgeher. Obgleich es ein Leben aus zweiter Handke war, ein literaturentlehntes! Abwechselnd sah ich Salzburg durch Handke, dann wieder durch Bernhard. Ohne Handke kein Handwerkszeug, wie in Salzburg beseelt zu leben. Bis hin zu jener verborgenen, abschließbaren und wirklich von mir 1975 mit einem mitgebrachten Vorhängeschloss für mich nach Raubritterart kurzerhand dreist reservierten Zugangsleiter am verbotenen Rainberg, einem Schauplatz eigener Knabenabenteuer. Handke war, obwohl Zugereister, auch wirklich bis in jedes denkwürdige Loch vorgedrungen, wie ein NACHKRÄFTIGER eigener früherer, selbstunsicherer Eindrücke und Erinnerungen. Meinen abgelatschten Provinzstiefeln weltliterarische Absätze verpassend.

„Griffen im Ausnahmezustand: Man feiert den Preisträger mit Spanferkel und Knödel.“ – Wie weiland in jenem gallischen Dorf. Ist Troubadix auch schon gefesselt und geknebelt?

Immer fühle er sich schuldig, so Handke. Meine Assoziation: Mückenschwärme von Schuld, in die man hineinradelt, abends an der Stadtmauer von Ferrara, dass man das Maul zumachen muss. Und dann sogleich die richtige Straße findet, trotz notorischer Orientierungsschwäche. „Wie komme ich zu dieser Schuld?“, diese Schwärme damit bezeichnend. Von einer Minute auf die andere: Wolken von Schuld. Fremdschuld? Die Zikaden aber: sie zer-?, was eigentlich?, sie unterziehen dein Hirn einem gründlichen Dauerdurchwaschgang. Nachts auf die Mauer zurück, die eine Scherbe zu finden, die sich wiederfand.

„[…]  meint also Peter Handke, der in seinem Leben mehr als 11.000 Seiten vollgeschrieben hat.“ So der ORF-Nachrichtensprecher. Vollgeschrieben. Wie aufgegessen. Ein Kind hat das ganze Malheft vollgemalt. Also schreibt mal schnell 11.000 Seiten mit irgendetwas voll, dann werdet ihr Nobelpreisträger! Vielleicht mit euren Namenszügen. Und es schwingt noch mit, dass das Papier wertvoller sei als das darauf Geschriebene. „Er hat mehr als 11.000 Seiten Papier verbraucht.“ Das ist alles, was einem Geizhals zu Handke einfiele.

Als Handke noch ganz in den Anfängen stand, trug jemand Unbekannter, ich erinnere mich genau an jenes Foto in den Salzburger Nachrichten wohl aus den 1970er Jahren, in das Pilgerbuch des Salzburger Marienwallfahrtsortes Maria Plain eine fingierte Fürbitte für das eigene großartige Ich, gezeichnet mit „Peter Handke“, ein. Der erste Skandal war, dass der langhaarige Mensch aus Griffen es wagte, Ich zu sagen. Wer war Er denn? Und der Lebensmensch von Thomas Bernhard, Hedwig Stavianicek, behielt dieses altertümliche „Er“ wie bei einem Dienstboten ihrem schon berühmten Schützling gegenüber bei. Falco: „Was ist er denn / Was hat er denn / Was kann er denn / Was red’t er denn / Wer glaubt er, dass er is“.

Freimütiges Geständnis eines seit jeher Ungernlerners. Der Satz von Handke aus seiner Obstdiebin: „Übervoll hatte der Zug sich in Bewegung gesetzt“ wurde von jemand Übergenauem (Sieglinde Geisel) als grammatikalisch unzulässig kritisiert. Ich habe NOCH NIE vorher davon gehört, dass man „ein Adverb nicht als Adjektiv“ verwenden darf (oder ist es hier nicht umgekehrt?). Geisel schreibt: „Was dasteht ist: ‚Der Zug hatte sich übervoll in Bewegung gesetzt […].‘“ Das steht eben NICHT da! Vielmehr steht da: „Übervoll hatte der Zug sich in Bewegung gesetzt […].“ Ich kannte bis zum heutigen Tag wie gesagt eine solche Regel nicht, weil ich von den Dichtern und nicht von den Grammatikern her komme. Finde aber wirklich gar nichts falsch daran! Ich lerne nicht durch Lernen Schreiben, sondern durch Lesen – und durch Schreiben selbst.

„‚Kommt her meine Kinder, und folgt meinem Rufen!‘ / Und aus dem grundlosen Strom blinkten die Heimkehrkufen / Das Gestell, das er hinter sich herzog, war kein böser Schragen / Sondern ein viersitziger Leiterwagen / Der Mann mit dem Bleistift saß vorne am Ruder / Fuhr freihändig und schrieb in die Luft: ‚Ich bin euer Bruder.‘“ (Peter Handke, Über die Dörfer) –

Hihi, aber die balladesken Handke-Reime hier sind witzig. Der Dichter wie eine alpenländische Sagengestalt. Wie ein Teufelskutscher. Oder wie „Hoch auf dem gelben Wagen“. Es kann solches auch als ganz grauenvoll empfunden werden, je nachdem man aufgelegt ist. Es braucht schon immer wieder viel zusätzliche Liebe, um Handke gut zu finden oder sich an ihm zu enthusiasmieren. Eine sich als kindersolidarisch zeigende Kunstmärchenwelt. Diese Reime sind delikat und blochziehen hart (und ich nehme an vollbewusst) am Kitsch vorbei. Ihre lausbübische Fuhrwerkerei riskiert das. Ein Heupferd ließe sich vorgespannt denken. Und auch der Rattenfänger von Hameln grüßt von weitem.

Es war ein Achtzigjähriger mit dem einzigartigen Namen Natterhirn, der so rüstig gewesen war, sich mit einem Stuhl zusammen in der Wiese überschlagen zu können, ein Akrobatenstück, das er manchmal vorführte, bis ihn, den starken Raucher, ein Kehlkopfkrebs ereilte. Er war Arbeiter gewesen und hielt auch als Operierter von den Gottesrednern nichts. Wie er sich mit dem Stuhl überschlug, war ein Stück für sich, ganz isoliert von dem übrigen Weltzustand.

Nachts Klosterfrauenliteratur. Von Maura Böckeler, Das große Zeichen. Apokalypse 12,1. Die Frau als Symbol göttlicher Wirklichkeit, verlegt bei Otto Müller 1941. Wer in solcher Zeit von „Auferstehung vieler in Israel“ (Lukas 2, 34) schrieb, bekundete, und sei es noch so indirekt, geistige Resistenz. Aber beim Lesen wird mir das Christentum immer fragwürdiger, besonders, dass die Toten zuerst hunderte Jahre in der Erde ruhen, man schon lange zu einem Frieden mit ihnen gekommen war, und dann sollen sie, wo man dachte, sie lägen gut, noch einmal zum Gericht herausgerissen und viele in die Verdammnis gestürzt werden. Wie konnte das alles geglaubt werden?, frage ich mich immer wieder, bei bestem Willen, es doch noch zu verstehen. – Überdies zu dem doch hervorragend geschriebenen Buch noch: Bei allen PlotinikerInnen kommt mir vor, sie bliesen solch hohe Töne auf ihrer Flöte, dass sie mir nicht hörbar sind. Und was stürzt mehr in Unruhe als das, was gehört werden können soll, und was man nicht hört?

Skulpturaler vs. skalpellarischer Blick. Der Hund schien außen noch ganz der alte, war innen aber von Tumoren befallen. Der Blick des Internisten ein anderer als des Plastikers (im bildnerischen Sinn). Mein archaisches Vertrauen auf die Hülle. Wenn ich von einem Inneren spreche, ist es nicht das Innere, das der Internist oder Chirurg vor Augen hat, sondern das Seelische. Skulptural aufgefasster Leib einerseits, dualistisch dazu (oder als sein Dual) die Seele seligen/unseligen Angedenkens.

Wenn ich von dem nun nicht mehr lebenden Hund Lopez sage, er WAR ein so netter Hund, dann erstreckt sich dieses WAR in eine Ewigkeit aus. Dieses WAR umfasst nicht nur die kurze Lebensspanne des Hundes, sondern strahlt bis hinter die Vorschöpfung zurück und bliebe, selbst wenn einmal das Nichts käme, als Nageleinschlag im Nichts zurück. So sann ich, immer mehr noch spinnend. Schließlich verstieg ich mich gar noch zu „Heiliger Lopez, bitt für uns!“, kraulte dem Nichtmehrvorhandenen in Gedanken die Ohren und schlief weiter.

Überschrift: „Dramatisches Pferd stellt sich tot, wenn man es reiten will“. Das Adjektiv  „dramatisch“ hier hat was Lustiges. Oder ist es ein gebräuchlicher, mir entgangener Ausdruck? Ein dramatisches Pferd hat etwas Eigenopernhaftes.

Den Ameisenbären, dessen Anblick mich überforderte, vorher noch nie richtig angeschaut. Auch von Salvador Dalí gibt es solch ein Foto, wo er 1969 mitten in Paris einen Ameisenbären am Strick führt. Was auf den ersten Blick für ein Durcheinander so ein Ameisenbär verkörpert! Sind es mehrere? Hätte er mehrere Hälse und Köpfe? Oder kleben diese Ameisenbären als Ehepaar zusammen, mit Kind auf dem Buckel? Ich hatte mich diesem surrealistischen, sogar unheimlichen Kuddelmuddel bislang nie stellen wollen. Dabei ist es einfach zu entwirren. Es liegt an den buschigen Beinen und an der Zeichnung des Fells. Und an dem riesigen Schwanz!

Die Beeinflussbarkeit. Jemand hatte etwa ein Kilogramm weißes Pulver in einer durchsichtigen Packung in ein Gebüsch geworfen. Schnupperte kurz daran. Ein Windstoß trug mir einiges davon in die Nase. Koks? Legte es zurück. Auf einmal schritt ich aufgeputscht dahin, immer euphorischer, erkühnter. Bis ich schreitend jenes dubiose Pulver schließlich wieder vergaß und auf sich beruhen ließ.

Facebook, so einen nicht gleich der Entfreundungsteufel juckt und man nicht dem Reiz-Reaktions-Reflex erliegt, gibt bei entsprechendem Sample von unterschiedlichen Meinungskundgaben einen Einblick in die instabile Gemengelage des ideologischen Bewusstseins der Gegenwart. Wobei „ideologisch“ hier neutral und nicht pejorativ verstanden wird und „Bewusstsein“ massive Unbewusstheiten miteinschließt. Wie das Aufblubbern der Methanblasen im Permafrostboden sind hier manche Meinungskundgaben: Symptome für eine zunehmend instabilere Lage mit unabsehbaren Konsequenzen. Zum anderen ist dies hier auch ein Ventil, ein Marktplatz, ein Warteraum, ein Forum, eine Wandzeitung, auf die jeder affichiert, ein Ansteckungsort, ein Karpfenteich, eine Jauchegrube und eine Kunstgalerie, manchmal sogar ein Sakralsimulakrum. Zu lernen ist: Wenn einer niedergemacht wurde, heißt das noch nicht viel. Es wird andere geben, die ihn schätzen und willkommen heißen. Facebook ist auch eine Wandelhalle und ein Spiegelkabinett des Relativismus. Der Blick über manche Schulter zeigt, wie wenig manche Dinge halten, auf die wir uns sonst verlassen hätten. Die Ziegel, die die Epochen stabilisierten, waren auch aus Unbewusstheit gebacken, und sie hielten, indem man ihnen vertraute. Bis sie dann über einem wieder einmal zusammenbrachen.

Immer im Herbst an einem Tag in Salzburg jene zwei Detonationen aus der Ferne, wie dumpfe, nachgrollende Paukenschläge, deren Ursache ich nie nachgegangen bin. Würde es nur ein Gewitter werden oder stiegen gleich Atompilze auf? Beklommenheit, doch geht man deshalb schon ans Fenster? Wären es die ersten Atomschläge, viele hunderte Kilometer entfernt, man würde doch im Buch noch weiterzulesen versuchen. Einige Minuten alles still, sonnenfinsternisstill. Drunten im Hof spielen nun die Kinder lärmender weiter. Die Nachrichten vermelden nichts. Und alle Jahre wieder diese glücklicherweise folgenlosen Paukenschläge aus der Ferne – dieses akustische Déjà-vu, das uns mahnt, dass die atomaren Pulverfässer noch weiter existieren.

Peter Hodina

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