DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °18

Zum Zeitbegriff von Zenon bis Augustinus. Sehe mich 1979 um diese Jahreszeit an einem ähnlich schönen Nachmittag wie jetzt mit der dunkelgrünen Schultasche über den Salzburger Kapitelplatz, vorbei an den Hinkelsteinskulpturen Pino Castagnas, eilen, mit dem WWF-Aufkleber (damals schon) „Rettet den Regenwald!“ Spüre, wie der Griff sich in die Handfläche gräbt, weiß, dass ich zu spät kommen werde. Renne innerhalb eines im damaligen Moment wie ewigen, unüberspringbaren Zeitsegments. Als könnte ich nie aus der Zeit rutschen. Hechle mit heraushängender Zunge. Würde wohl nie ankommen. Es geht durch den kühlen modrig riechenden Mönchsbergstollen. Noch nicht einmal die Hälfte zurückgelegt. Danach geht es bergauf. Ich renne auf einem unebenen Zifferblatt. Nur Zuspätkommen, direktorale Schelte winken. Stelle mir magisch vor, angekommen zu sein, bin dadurch nicht angekommen. Undenkbar, aus diesem Präsenzbann heraus, ist dieser scharfe Ausschlag nach unten, nach dem Jahre 2019, welch ein Zeitcrash! Dem Knochenmann ist die Sense ausgerutscht. Was habe ich falsch gemacht, indem ich aus dem Nachrennen, ohne noch pünktlich ans Ziel kommen zu können, jemals herausfallen konnte? Warum renne ich dort und damals nicht noch immer?

Was geschähe bei uns mit Eltern, die ihren schulpflichtigen Kindern das Internet hartnäckig verbieten wollten? Den zu erwartenden Fall ausgenommen, dass diese Kinder trotzdem den Weg ins Internet mit Leichtigkeit finden würden. Schritte da dann das Jugendamt oder die Schulbehörde ein? – Die Frage tauchte auf, als ich mich in die Zeit vor und um 1968 zurückversetzte und den Gedanken durchspielte, 1968 und die Folgen hätten damals unterdrückt werden können. Zwar nicht unbedingt so brutal wie beim Tian’anmen-Massaker in China 1989, aber doch durch ständige Abdichtung der Familien und Institutionen von Außeneinflüssen und Bevormundung des Nachwuchses bis weit ins Erwachsenenleben hinein. Es durchgespielt, wie es dann vermutlich gekommen wäre. Die Technik hätte trotzdem diese geschlossenen Zellen erreicht und die Monaden aufgesprengt. Wenn um „1968“ abermals kulturkämpferisch da und dort mit der Absicht, dessen Folgen zu liquidieren, gestritten wird, müsste man sich in der Phantasie genau in die Zeit damals zurückversetzen. Und die Entwicklung der Technologie im Auge behalten. Die Mediologie. In der technologischen Entwicklung, potenziert durch den Massengebrauch, liegt etwas wie eine in diesen Dingen selbst befindliche List (wie einst Hegels „List der Vernunft“, hier die „List der Technologie“), die nicht im vollen Umfang antizipierbar und nicht restlos verhinderbar ist. So hilft es auf Dauer nichts, ganzen Bevölkerungen etwa das Facebook zu sperren. Auch die Gottesstaaten dürften von der Technologie transformiert werden. Wobei ich damit nicht gesagt habe, dass solche abgedichteten Gesellschaften nicht auch ihre Glücksmöglichkeiten bereithielten, wie umgekehrt offene Gesellschaften nicht auch ihre Unglücksmöglichkeiten.

Das wohl unerfundene Gerät: der Fremd-Auren-Scanner. Man fährt mit dem sensiblen Stab um den Kopf, die Halspartie, ja den ganzen Körper des zu Untersuchenden herum und könnte die Fremdeinflüsse, die teils negativen, ablesen. Die Besetzung der verschiedenen Teile des ganzen Kerls. Und durch wen jeweils. Wie Afrika ist mancher wie mit dem Lineal durchschnitten.

Wenig Träume. Nur neulich eine Windhose, die ein Haus nach dem anderen einsog, gezielt auch einzelne Radfahrer und Fußgänger. Und wie gezielt sich die Großtrombe nach einzelnen Objekten, sie einzuziehen, richtete! Dass da auch ich drankommen würde, war voraussehbar. Es war nichts als optimistischer Wahnwitz, darauf zu setzen, dass sie an mir vorübergehen würde. „Der Rüssel holt uns alle!“, bei diesen Worten lachte ich, obwohl mir das Lachen im Halse steckenblieb, wie ich sah, dass der Rüssel die ganze Landschaft gezielt absuchte, um einen nach dem andern zu eliminieren. „Wie wenn ein Gehirn dahintersteckte!“

„Um originelle, außerordentliche, vielleicht gar unsterbliche Gedanken zu haben, ist es hinreichend, sich der Welt und den Dingen auf einige Augenblicke so gänzlich zu entfremden, dass Einem die allergewöhnlichsten Gegenstände und Vorgänge als völlig neu und unbekannt erscheinen, als wodurch eben ihr wahres Wesen sich aufschließt. Das hier Geforderte ist aber nicht etwan schwer; sondern es steht gar nicht in unsrer Gewalt und ist eben das Walten des Genius.“ (Arthur Schopenhauer, Parerga und Paralipomena II, § 55)

Fragment übers Auf-Lesen. Kulturgut von Jahrtausenden ist gespeichert, ruht in den Bibliotheken, Archiven, ist virtualisiert, aber deswegen noch nicht in die Köpfe übergeführt. Und der Tod, schließlich ganzer Generationen, macht wieder einen Schnitt, unterbricht die Wissenszufuhr und Informationsverarbeitung durch den menschlichen Kopf. Stirbt ein alter Gelehrter, ist sein ganzes aufgespeichertes, in ihm aktuiert gewesenes Wissen weg. Es mag in den Büchern, die er geschrieben hatte, ruhen oder sogar brisanzlatent lauern – doch es ist in den anderen Köpfen noch nicht wieder aktuiert. Durch Lernen, Auf-Lesen wird hier nachgeholfen, aber es ist manchmal wie ein Schöpfenwollen eines Meeres mit dem Kübel. Auf-lesendes Lernen heißt so gesehen, das, was der Tod jedesmal wieder abreißt, fortzusetzen oder wiederaufzunehmen versuchen. Unmengen ruhenden, stillen, nicht-aktuierten Wissens. Wie ein Schatten, der vor dem Wesen da ist, das ihn wirft.

Das Allererste, was mir zu einer Kairo-Reise einfallen will, ist, wie man ins Nildelta kommt, ob dort zu reisen sei. Wozu in die Großstadt, wenn die erste Begierde, noch bevor man die Stadt gesehen hätte, einen sogleich wieder aufs Land zieht?

Viele Zwänge waren einmal Freiheiten. Ein Satz, der beste Chancen hat, nicht von mir zu sein.

„Ihm ging es noch um etwas“, so Jausner über seinen damaligen Doktorvater. „Ihm ging es darum, dass es mir um das, um das es mir ging, nicht mehr geht. Deshalb umging ich ihn schließlich.“

Notiz eines durchaus Bescheidenen: Ich finde es großartig, dass der rote Plastikdeckel der leeren Erdnussdose zufällig exakt auf die halbvolle Hundefutterdose, um sie in den Kühlschrank zu stellen, passt. Davon ausgehend sogleich sich eine Welt vorstellen, die auf dieserart Mehrfachverwendbarkeiten durchdesignt ist. Die Freude des Steinzeitlers: in einer Steinhalde lauter potenzielle Werkzeuge zu finden, egal welchen Stein man zur Hand nimmt.

Wer schon seufzt, dem Caniden nach dem Gassigehen bei Regen die Pfoten abzuwischen, macht, gemessen am Aufwand, aus einem Vier- einen Achtbeiner. Vom Dysökonomischen schnappatmenden Jammerns oder Kräfteverschwendende Lebenstheatralik.

Die Möglichkeit außerirdischen Lebens ist meist mit Pathos verbunden. Aber wir haben an der Erde Tag für Tag einen Anschauungsunterricht, wie solch ein sogenannter belebter Planet aussehen kann. Wenn auf Kepler-452b auch solch ein Trumpartiger herrschte, ebenso lauter beleidigte Leberwürste einander verklagten, dort vielleicht statt Vier-, geflügelte Sechsbeiner zu einer Beißkorb- und Flügelzusammenbindepflicht angehalten wären. Und am schlimmsten: wenn dieser Planet dann kein Lachen kennen sollte.

Fehler aus Überschuss. Das Vergnügen jedesmal, wenn ein Skirennläufer trotz Fehlern als Schnellster ins Ziel kommt. Sich Fehler leisten konnte. Wie ein Maler, der noch einen Fahrer hineinmacht, ein Konditor, der sich einen subjektiven Spritzer, einen Schnörkel zur Festtorte noch erlaubt. Ein ejakulantes Subjektil hinterlässt. Aus der Sicht des Toten ist das Lebendige voller Fehler, wenn nicht sogar DER Fehler als Quelle aller Fehler.

C. J. Weber im Jahre 1818 über die alten mistigen Einsiedler (eine wahre Landplage der Zivilisationsflucht zu jenen frühen Zeiten): „Sie krochen in einen Ruin.“ Wobei „Ruine“ gemeint war. Davon belustigt.

„Krokodille“ schrieb Carl Julius Weber boshaft hin, um bei aller ungemeinen Ansammlung von illustrativem Stoff zur Möncherei sich und delikatierenden Lesersinnen einen Spaß zu machen. Zur Weltflucht der sogenannten „Wüstenväter“ nach Ägypten: „Das Vaterland der Pest und der Krokodille ist auch das Vaterland der Mönche.“ Manchmal sind Fehlerchen vom Autor mit Absicht gesetzt, um wie mit dem Daumen noch hineinzudrücken.

Um vier Uhr nachts, nur in Shorts, auf der Terrasse eine Genusszigarette rauchend, eher gegen meine Gewohnheit. Es ist Ende September, aber eine, was nun: eine Grille oder Zikade, Singzikade? Ist zu hören, wie die Nächte vorher schon. Ihre grundverlässlich in die Nacht gestoßenen Laute, als wenn der Sommer noch immer nicht weichen wollte, sind regelmäßig wie Atemzüge. Ein Echo aus einiger Entfernung ist zu hören: ein Kollege. Diese Laute haben für mich etwas Planetarisches. Signale von Inneraußerirdischen, drahtlos landüberbrückend. Wären es nur die Männchen, die dieses akustische Fernmeldewesen betreiben? Der altgriechische Komödiendichter Xenarchos, um Gleichberechtigungsfragen hier unbekümmert, meinte: „Glücklich leben die Zikaden, denn sie haben stumme Weiber.“

Regel-Egel. Zu beschließen aus einer Willkür: fortan nur mehr Illkür zu schreiben, allen Ubstantiva den ersten Uchstaben wegzunehmen. So vernünftig sind manche Egeln. Wäre mit solchen Aßnahmen die Oderne zu bewerkstelligen?

Wenn es nach sogenannten „Schreibschulen“ und dergleichen gegangen wäre, gäbe es keinen Rabelais, keinen Tristram Shandy, keinen Joyce, keinen Arno Schmidt, keinen Albert Vigoleis Thelen, keinen Hans Henny Jahnn, kaum etwas von dem, was wir Leser lieben und was bis heute die Literaturwissenschaften auf Trab hält. Keine Mayröcker, keine Marianne Fritz. Keinen Walter Pilar. Auch keinen Doderer. Nur fade, nicht vom kleinsten Schwirrinsekt einer Ironie bevölkerte Monokultur, die dann im Monsanto Verlag erscheinen darf. Wobei nach dieser Totendecke man sich noch streckt.

Conflictus confligans. Wenn ein neuer Konflikt alte abgestandene Konfliktmassen überlagert, sodass, obgleich die Fetzen fliegen, wir unsere anders kontextuierten Bleikammern endlich verlassen haben. Und während die unsäglichen Wörter hereinhageln, wir doch zugleich uns als durchfrischt empfinden müssen, wenn wir ehrlich sind.

Ein Witz muss aufgrund der Witzhaltigkeit eines Stoffs gemacht werden, dieses Material, das da in Richtung des Witzes funkelt, will ans Licht gehalten werden, unabhängig davon, ob jemand glaubt, der Witz würde speziell auf seine Kosten gemacht. Eine echte witzige Materie macht die vorschnell sich betroffen Bedünkenden zu Neben- oder Zufallsdarstellern. Eine echte Witzigkeit liegt in der Sache an sich selbst. Diesen Witz sich zu sparen und zu verkneifen ist eine unverzeihliche Knauserei in einer sowieso schon wieder viel zu sehr humorbefreiten Welt. Der Obulus, einmal zur Abwechslung selbst in den Lichtkegel eines trefflichen Witzes zu geraten, ja den Witz selber herbeizuziehen, sollte gerne den Satyrn entrichtet werden. Das Treffliche ist es so sehr, dass das zusätzlich dabei Treffende ein Nebenaspekt ist, ein Eintrittspreis zur großen Komödie des Lebens.

Was einen jahrelange Haft unbeschädigt überstehen ließe, muss als starke Lebensquelle gelten und verdiente als solche Achtung. Zum Beispiel der brachiale Yoga des Onanisten. Eine verschärfte Haft: eine ohne Bücher, die pure Inklusion, wie sie von den alten Tibetern her bekannt war. Sie kommen diamantgestählt aus ihrer diesfalls freiwilligen Ummauerung zurück. Wie immer sie es anstellten: so oder so. Ob hypsitarisch oder wurzelumgreifend. Sich sein eigenes Kino, sein eigener Oscar sein. Treue zur eigenen, in der Pubertät sich kristallisierenden Ornamentation. Aus der Zeit, da die fertigen Sätze aus einem herauszuschießen begannen. Der spanische humanistische Dichter Luis de León (1527-1591) nach fünfjähriger, durch die Inquisition verhängten Haft, nahm unmittelbar nach seiner Freilassung 1576 seine Vorlesungstätigkeit in Salamanca wieder auf – mit den berühmten Worten: „Hesterno die dicebamus“ („Wie wir gestern sagten …“ ).

Eine Gemeinschaft unterschiedlich gefärbter Bücherwürmer mit jeweils unterschiedlichen Bohr- und Fresswerkzeugen und ihnen spezifischen Gangfindungen, die von Zeit zu Zeit symposional sich treffen und beratschlagen, wie der große Weltapfel ihnen jeweils erschiene. Jede Fressspur ist von Wert.

Seit längerem keine Träume. Wären es lediglich leere Seiten im Traumbuch oder wäre gar dessen hartschweinslederner Hinterdeckel erreicht? Das Traumbuch ist massiv gebunden, wie um gewisse traumfeindliche Ohren fliegen zu wollen, wobei im Flug es sich zugleich entstaubt.

Peter Hodina

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