DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °17

In der Bewunderung für Eriugena, diesen bedeutenden spekulativen theologischen Denker des 9. Jahrhunderts, kamen Hegel und Schopenhauer überein. In der Synode von Valence 855 sprach man hingegen von „irischem Haferschleim“ und einer „Erfindung des Teufels“. Eriugena war der Erste, der die anachronistische Zuordnung des Pseudo-Dionysius Areopagita in den neutestamentlichen Gestaltenkreis als angeblichen Schüler des Apostels Paulus und ersten Bischof von Athen erkannte – darin der Forschung um 800 Jahre vorgreifend. Sein Hauptwerk „Periphyseon“, vortrefflich komponiert, anscheinend zur Gänze erhalten, versetzt uns in einen langen Dialog zwischen einem Lehrer und einem fortgeschrittenen Schüler, welch letzterer nicht die Rolle des Dummen spielen muss, sondern, ausreichend zu Wort kommend, intelligenteste Fragen stellt und wichtige Probleme aufwirft. Ein Beispiel für ein sehr schönes „Symphilosophieren“. Ergiebig auch hinsichtlich des heute modischen Themas der Geschlechterdifferenz. Denn nach Eriugena ist die Menschheit bereits vor-geschaffen, präexistent, und differenziere sich durch den Sündenfall in die Vielheit. Der ursprüngliche Mensch, über den Wassern seines In-Erscheinung-Tretens, habe wie die Engel kein Geschlecht, Jesus als sich in den nunmehrigen Menschheitsschlamassel hineinkniender Erlöser habe beide Geschlechter in sich vereinigt, den ganzen Kosmos erlebend und durchleidend ausgeschöpft, die äußersten Extreme miteinander verbunden, selbst die Tierwelt ins Erlösungswerk einbegreifend, und in dem schließlich spiritualisierten Zustand, dem die noch zersplitterte Welt kraft des Christuswirkens (ich würde fast sagen „Christusvolumens“) gesamthaft entgegenginge, würde auch die Geschlechterdifferenz wieder aufgehoben. Hier haben wir einen Denker der Differenz mit dem Wunsch, diese aufzuheben, in Reingestalt. Die ewigen Versuchungen zur Eins. An ihm lässt sich studieren, was metaphysisch das Christentum ist, und mancher wird ihn mit pathographischen Nebengedanken lesen, was alles nicht für mächtige Gedanken- und auch andere Gebäude die organisierte Illusionsmacht zu bewirken vermag bzw. einmal vermochte.

Mal wieder in Hegel hineinschauen. In die Charakterologie zum Beispiel. „Solch ein Gemüt ist wie ein kostbarer Edelstein, der nur an einzelnen Punkten zum Scheinen kommt, zu einem Scheinen, das dann ein Blitzen ist.“ Wer denkt hier nicht an bestimmte, vor allem junge Menschen, die einem begegnet sind?

Aber was kannst du machen, wenn dein Gegenüber immer nur „erogen“ versteht, wenn der Name „Eriugena“ fällt. Wie ich das Wort „erogen“ hintippen will, ändert das (anscheinend von Puritanern programmierte) Autokorrektur es um, indem es diskret ein Z einfügt: zu „erzogen“.

Schreibt mir gerade eine gute Freundin, die ganz alleine nach Eggenburg wandert: „Keine Menschenseele sonst unterwegs.“  Antwortete ihr: „Ich war dort als Kind, wohl keine Erinnerungsspur hätte sich erhalten. Wie aus einem anderen Leben. Trotzdem sind solche Gänge Abklärungen des Gedächtnisses. Ob nicht wenigstens ein Futzelchen. Aber wie aus einem früheren Leben, mit amnestischem Schnitt. Oder anders gesagt: „Meine mich innerlich ständig beschäftigende Kindheitsverliebtheit in eine Heidi war stärker als jede Landschaft.“

Das Diktierprogramm, gerade ausprobiert, erkennt sogar Dialekt und übersetzt ihn in Hochsprache. Nur bei „Heast Oida!“ übersetzt es: „He asked Elena.“

Auf einem Flohmarkt eine schwere Metalltrophäe, einen sitzenden Raubvogel darstellend, nicht nur gesehen, sondern wirklich mit einiger Mühe gehoben, so schwer war diese. Würde sich als Hantel für Fortgeschrittene eignen. Aufschrift am Sockel: „Krimi-Krimi“ sowie mit dem damaligen Logo des ORF. Aus dem Jahre 1989. So gediegen waren damals die Trophäen noch: Kanonenkugeläquivalente. War das ein Krimipreis oder sogar DER Krimipreis schlechthin? Nichts darüber gefunden.

Schreibzeug, zweckentfremdet. Der Theologe August Neander habe beim Vortrag mit Vorliebe abgenutzte Federkiele mit den Händen zerstoßen, las ich, seine Studenten hätten ständig für Nachschub gesorgt, und tausend Jahre vorher, las ich einen Tag später andernorts, der Theologe Johannes Scottus Eriugena wäre von seinen Studenten in der Abtei Malmesbury mit Schreibgriffeln ermordet worden, weil er dem Neuplatonismus Eingang verschafft hatte.

Dass diese jungen DiskutantInnen – an sich ja gut, dass Junge auch in der Politik einmal ausgiebiger zu Wort kommen! – offenbar gebrieft sind, lässt sie wie Puppen, wie Aliens erscheinen, denen zwischendurch manchmal als unfreiwilliges Zeichen ihrer Menschlichkeit und Jugend noch ein einzelnes, erratisches Dialektwort entfällt. Das Briefing ist die heutige Form der Verbravung. Der Sternchenlack auf der gesellschaftlichen Verkrustung. Die Kruste hat historisch immer wieder ein etwas anderes Aussehen. Und wird durchbrochen werden, wenn sie dumm genug geworden ist. Und es den Menschen zu dumm wird.

Zur Staude, die aus dem Asphalt bricht: „Gegrüßet seist du, die du unabhängig vom Wahlergebnis gedeihst!“

Selbst schon der Geruch alter freigeistiger Bücher, deren Papier, der Druck, ermöglichen mir, kraft psychometrischer Erborgung, von zweihundert Jahren her Anlauf zu nehmen, um die konformistischen Unerträglichkeiten des Heute wenigstens privatim zu rammen. Dabei mich im Einverständnis des schon lange verschiedenen Autors zu wissen. Auch ich werde dadurch zu den Zeitgenossen verschieden.

„Das Bett ist die unwichtigste und offensichtlichste, die unbefriedigendste und dümmste Möglichkeit, sich ein kontinuierliches Bild vom Leben zu machen.“ (Anaïs Nin) – Was meint sie hier mit „Bett“? „Bett“ einfach direkt als Bett verstanden (wie Tisch, Stuhl usw.) erscheint mir ganz konträr zu Anaïs Nin als der ideale Ort, das Kontinuum des Lebens und Stundenvergangs zu erfahren. Alleine im Bett liegend, kann man sich als rinnenden Sand im Stundenglase empfinden. Im Bett ist das kontinuierliche, introvertierende Bei-sich-Sein. Das Zuziehen des Vorhangs vor der Weltzumutung.

Morgenbetrachtung: Der Morgen beginnt mit der Arbeit des Sichwiederherstellenmüssens. Aber auch Katzen „müssen“ ihr Fell lecken. Mich stört am Morgen, dass ich nicht sofort übergangslos auf die Spur kann. Morgens ist man partiell ruiniert. Nicht nur ausgeruht, sondern auch ruiniert. Man hat Traumsäcke geschleppt. Heraklit schon meinte, dass wir auch träumend „arbeiten“. Manche sind besonders freudige und genießende Frühstücker. Oft auch Paare, die den Willen zum Kind haben, den Positivsinn. Und dann noch die Zeitungleser. Daran, wie wichtig oder unwichtig ihnen die frische Zeitung ist, kann man die Menschen unterscheiden. Es ist das Weltekelhafte auf Zeitungspapier besser zu verkraften als online mit Fotogalerie. Indem es in die Zeitung gepresst und formatiert ist, ist es bereits zum Teil magisch bewältigt. Einmal wird die heutige Katastrophe Teil eines vergilbten Jahrgangs sein, der sich auflöst wie die „Titanic“ am Meeresgrund.

Obwohl man weiß, dass man mit jedem Tag noch schuldiger wird, wenn man einen Brief nicht beantwortet, obwohl man immer mehr, schließlich sogar schon dauernd an den Menschen positiv denkt, dem man aber noch immer nicht antwortet, wobei außer Prokrastinage kein Grund vorliegt, nicht zu antworten, man früher hunderte Briefe ohne weiteres schrieb, reizt man das Unbeantwortetlassen immer mehr aus, es ist wie ein Kraftmessen, um auf Teufel komm raus das telepathische Vermögen ans Licht der Welt zu ziehen, das dann Briefe verüberflüssigt. Die telepathische Brücke zum Anderen bauend, die der Andere in ungeduldiger Fehleinschätzung des Falls auf seiner Seite abreißt.

Wenn der Demiurg es so eingerichtet hätte, vermittels des Feuers zu befruchten und das Leben zu vermehren, wenn weiters er es so eingerichtet hätte, dass im Tod man die allergrößte Lust empfände, wären alle Machenschaften der Massenmörder fehlgelaufen und hätten nichts als das Gegenteil von dem bewirkt, das sie bewirken hatten wollen. Dann müssten die Menschenfeinde umlernen und umschalten: was durch Töten sie nicht erreichten, müssten sie nun erstreicheln.

Vom Altern der Zeitalter. Wie es kommt, dass ein Zeitgeist, der allzu fest im Sattel saß, einem anderen weicht. Jedes Zeitalter hält sich für das bleibende: aufgrund einer kollektiven Illusion derer, die im „Großen Mittag“ ihres eigenen Lebens sich befinden. Dann wird gleichwohl im Geschichtsbuch abermals umgeblättert. Dabei gehen auch Qualitäten verloren. Alexander von Humboldt in unsere Zeit verlängert gedacht: er hätte gegen die Tropenzerstörung sich aufgebäumt. Wie sein Zeitalter aber zurücktrat, so trat später das kommunistische ab, die Basen und Brückenköpfe einmal möglich erschienener Menschheitszukunft sind nun Ruinen. Ihre Schriften Ausbeute der Archivare und Antiquare. Konserviert von den Häuflein Unverdrossener, die in ihrer Verunsicherung am Buchstaben festhalten und mit ihrem Stoff nicht mehr schöpferisch umgehen. Auch was jetzt ist, dürfte keineswegs bleiben. Der ganze Bestand diesmal modischer Wörter wird ebenso veralten. Auch die managerale Maske wird einmal abgelegt. Der Mensch, in dessen Möglichkeit es lag, ganze Totenstädte zu bauen, riesige Tempelanlagen für inexistente Götter, ist noch nicht in den Endbahnhof eingefahren. Da kommt noch was. Kommt noch was? Nicht mehr? Decken wir uns bis über die Augen zu mit dem Ende?

Traum, von diesmal selten deutlicher Surrealität: Unmittelbar vor dem Einschlafen mir vergegenwärtigt, manche Personen, die mir definitiv und langwierig geschadet hatten, in meiner Erinnerung nicht mehr länger zusammenhalten zu wollen und somit ihrer Auflösung nicht mehr entgegenzustehen. Ich ließ meine Verantwortlichkeit für sie, in meinem Trauma sie, die sich wohl selber nicht mehr genau erinnern können, zusammenzuhalten, fallen. Ich sperrte die in mir verschlossen Gewesenen auf. Bei diesen Gedanken, die aber kein eigentliches Verzeihen oder Verjährtseinlassen waren, weggeschlafen. Ich sah, wie sie sich aufzulösen, sich zu demoralisieren begannen, was im natürlichen Gang der Dinge ja längst fällig geworden war, so wie Holz morsch wird und Blätter verfaulen. Im Traum erschienen sie mir wieder: höchst anmutig, charmant, sie tänzelten, lüfteten die Hüte (Zylinder sogar, als hätten sie sich der Requisitenkammer des Surrealismus bedient), machten einen Knicks. Besonders fiel mir auf, dass ihre Hosen am Knie aufgerissen waren und Augen daraus blickten.

Gestern im Einschlafen mein Ur-Problem ruminiert und plötzlich zum Ergebnis gekommen, dass es eigentlich die „creatio ex nihilo“ ist. Notierte: „Imitatio creationis ex nihilo“. Und befand dann, eine Imitatio sei schon kein „ex nihilo“ mehr. Ich gehöre zu jenen komischen Vögeln, die sich über Sätze wie den des Eriugena stundenlang freuen können, dass in Gott Sein und Wille eins wären. Als fiele damit das ganze Willensproblem in sich zusammen, und auch man selber wäre dadurch frei wie nie.

Eriugenas „Periphyseon“ lese ich liegend, die Versuchung zum Schlaf ist immer präsent, knapp über dem Einschlafpegel mich haltend und über diesen langen, über tausend Jahre erstaunlich komplett erhaltenen Text mit unterschiedlicher Strömungsgeschwindigkeit treibend, manchmal dahinschnellend oder da und dort in Strudel geratend. Ein Lehrer und ein Schüler handeln in diesem riesigen Werk die gesamte sichtbare und unsichtbare Natur ab, auf der Grundlage des damaligen christlichen Weltbildes, dabei Gefahr laufend, der Ketzerei bezichtigt zu werden. Gott habe, so dieser Lehrer, die Menschen „in der Gattung der Thiere“ geschaffen: „Er hat nämlich im Menschen die ganze sichtbare und unsichtbare Creatur geschaffen, weil wir demselben die ganze geschaffene Natur einwohnen sehen.“ Der Lehrer aber sieht zugleich auf konkretistische Weise das Problem, das sich aus dieser im Menschen versammelten Allnatur ergeben mag: „[…] so kannst du mich mit der schwierigen Frage in die Enge treiben, ob denn auch die Unvernunft und Thierheit im Menschen mitgeschaffen sei, Vieh und Geflügel und Unterschiede der mancherlei Thiere und die übrigen Dinge, die Arten und Eigenthümlichkeiten und zufälligen Bestimmungen und unzähliges Andere, was von der menschlichen Natur so weit abzuliegen scheint, dass der Mensch, wäre er damit behaftet, nicht für einen Menschen, sondern für das schmählichste Ungeheuer gelten müsste.“ (J. S. Eriugena: Über die Einteilung der Natur. Übersetzt von Ludwig Noack, Hamburg: Meiner, 1994, 4. Buch, Kapitel 7, S. 35 u. 37)

Peter Hodina

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