DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Das Magazin für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °16

„Luohan sah wiederum einen Mönch kommen und hob seinen Fliegenwedel. Dieser Mönch machte sogleich eine gehörige Verbeugung. Luohan sagte: ‚Du hast gesehen, dass ich den Fliegenwedel hebe, und hast gleich eine gehörige Verbeugung gemacht. Wenn jemand irgendwo einen Besen hebt, um den Boden zu kehren, warum verbeugst du dich dann nicht?‘“ (aus: Jingde chuandeng lu – Aufzeichnungen von der Übertragung der Leuchte aus der Ära Jingde, Berlin: Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag, 2014, S. 418f.)

In fremder Wohnung. Natürlich muss mir Blindschleiche der porzellanene Untersetzer beim Einräumen des Geschirrs herunterfallen und, fast im Flug noch erfangen, meinen  Glitschflossen dann doch noch entschlüpfend, in Scherben springen: der, wie ich kleinmütig höre, russische, schlechthin unersetzliche, nie wieder erbringbare, an den sich Geschichten knüpfen, die zu erfahren mir nicht zusteht. Da duckt sich die Maus in Erwartung opernhaften Katz-Melodrams und -Donnerwetters. Schuldhaft, die Brille einmal nicht aufgesetzt, es zerscherbt: ohne je zu erfahren, was hier alles mitzerscherbt.

„Bei welchen Meldungen wir mit ‚Hehe!‘ reagieren, verschweigen wir Einsiedler. Es bleibt tiefverborgen in der Mördergrube. Manchen Dolchstoß, der nicht saß, verlängert man in Gedanken. Und wie sich der grimme Unsegen des Ehrgeizes in Söhnen und Enkeln um die Wette weiterjagt, um dann…“, hier bricht das Manuskript ab. Die Seite scheint aus einem Schulheft gerissen zu sein.

Wenn etwas gerechtfertigt wird, handelt es sich doch immer um ein Übel, zumindest um Unangenehmes. Und es gibt nichts, wofür sich nicht begriffsfingerfertige Leute dingen ließen, sofern sie sich nicht sowieso schon freiwillig dazu herbeidrängen, es zu rechtfertigen: inklusive Zerstörung der Welt. Ist ein Übel gerade noch zu ertragen, ist es dessen Rechtfertigung nicht mehr. Dieses ja eigentlich doch nur Ideelle (Worte, Worte und nochmals Worte) kann das Fass zum Überlaufen bringen.

Gerade in der Philosophie braucht es manchmal eine außerwissenschaftliche Schwungkraft, um etwas – ein größeres Prosagebilde – hinzustellen. Dafür bieten besonders die von der deutschen Phänomenologie beeinflussten Franzosen Beispiele. Es ist eine zügige, atemlose Prosa, vielbelesen zwar, aber nicht akademisch akkordiert, die Sartre schreibt, ebenso auch Jankélévitch und andere auch schon. Eine dahinterstehende Subjektivität, der Wille, etwas in eine bestimmte Richtung zu bringen und zu zwingen. Man mag widersprechen, aber ich sehe eine solche Kraft bereits in Hegels „Phänomenologie des Geistes“. Es sind (auch) Kompositionsleistungen, wie im Fluge geschrieben.

Vom Kitzel der Rückständigkeit und ihrer Überkompensation. Wer nicht gleichauf ist mit der Zeitgenossenschaft, von der Spezifik seines Milieus und der geistigen Provinz, in die er hineingeboren wurde, den Rucksack der Rückständigkeit umgebunden bekommen hat, hat den Vorteil, die Stadien, die die andere Menschheit schon durchlaufen hat, in einer rasenden Aufholjagd gleichsam in Frischauflage eigens für sich erleben zu dürfen. So sah Günther Anders Heidegger in der Rolle eines antiquierten „Häretikers“: „Heidegger ist in einer Zeit, deren Kultur bereits seit mehr als hundert Jahren religiös indifferent gewesen war, in einer Zeit, da für den Positivismus die Nicht-Existenz Gottes schon nicht mehr zur Debatte stand, noch ein echter Häretiker: er hat persönlich, durch den Zufall seiner Herkunft, den ganzen Prozess der längst abgeschlossenen und für viele bereits uninteressant gewordenen Säkularisierung noch einmal zurücklegen müssen; noch einmal hat er Luthers Reformation durchgemacht, noch einmal die Autorität des individuellen Gewissens entdeckt; noch einmal sich auf die Beine seines Fichtischen Ichs gestellt; noch einmal wie Feuerbach oder Nietzsche die Erbsünde geleugnet; noch einmal, mangels besseren Kapitals, sich selbst ‚angeeignet‘ wie Stirner – und dies alles zu einer Zeit, da alle diese Schritte, die zum religiös neutralisierten Weltbilde des 20. Jahrhunderts geführt hatten, bereits halb vergessen waren – sofern sie überhaupt intensiv von der Mehrzahl der Menschen mitgemacht worden waren: denn mitgemacht werden nur Resultate. Die orientierungslos gewordene Mitwelt, die sich, bereits unbefriedigt von ihrem eigenen Positivismus, bereits misstrauisch gegen ihre eigene Moral, bereits gelangweilt von der eigenen Kultur gierig nach ‚Ernsterem‘ umsah, missverstand die religiösen Reste des gerade noch mit religiösen Worten redenden Nihilisten als die ersten Stücke einer neuen Religiosität. Und da die Unerbittlichkeit seines Tons den Eindruck erregte, er wisse, worum es gehe; und da er dennoch aufrief zur Flucht, war man glücklich, mit ihm zu fliehen: […] zu fliehen aus den ernsten Problemen in den Ernst als Beruf.“ (Günther Anders: Über Heidegger, München: C. H. Beck, 2001, S. 68f.)

Wie gestern bei dem rothaarigen Iren, mit dem ich ein paar Worte wechselte, wobei wir aneinander sofort erkannten, nicht nur nichts miteinander anfangen zu können, sondern einander sogar arg antipathisch sind: Er musste in mir den verschlossenen, gefühlsabwehrenden, verkniffenen Typ sehen, ich in ihm eine apriorische Lässigkeit, die wiederum nicht meine ist und mich überfordert. So verschanzten wir uns beide hinter unserer jeweiligen Typik: wobei der Lässige den Augenschein des Vorteils, der Überlegenheit hatte. Als ich dann weiterrecherchierte, war hinter dieser seiner Offenheit viel weniger als gedacht, etwas viel Engeres als bei mir, dabei ganz andere Hobbys, ganz andere Musikrichtungen. Einander zunächst unbetretbare Gelände, die man jeweils zu betreten scheut. Der erste Eindruck sagt alles und dann auch wieder nichts: wenn jemand entsprechend verkorkt ist, sagt das noch nicht, dass sein Wein ein schlechter ist; und wenn der andere sonst blütenbereit sich auftut, mag das der Biene gefallen, doch nicht der Krähe.

Gott entzöge einem Zeitalter, das sich dessen nicht würdig erweise, das Schöne. Diesen Gedanken fand ich unter anderem in den vielen Notizen von Albert Schweitzer zu seiner Ethik, die ich im übrigen bewundere, einmal sinngemäß formuliert. So höre ich in meinen Ohren diese bibellesenden Laien, diese Bibelzünftler auch über die Zerstörung der Regenwälder reden, die ihnen als apokalyptische Quittung für den Sittenverfall erscheinen mag. Mich macht eine solche Religiosität regelmäßig wütend, die immer nur in Strafphantasien sich guttut und aufspielt. Sie macht mich so wütend, dass ich in dem Streit, den ich mir nur ausmale, mich hineinschreien höre: „Die Bibel kann man gleich noch ins Feuer nachwerfen!“ Stehe ich dann aber vor der Karlskirche in Wien oder höre die Messe in f-Moll von Anton Bruckner, verfliegt sogleich mein Zorn komplett. Allergisch bin ich gegen eine vermeintlich bibelfeste im tatsächlichen Sinne Laientheologie (nämlich einer Theologie von dilettierenden Laien), diesen engen Krampf der Sündenbuchhaltung über andere, die alles mit Ausnahme einer behaupteten Kollektivschuld außer dem Blick lässt und mit ihrem Pessimismus die letzten Kräfte, die sich dagegen noch regen, zum Erliegen zu bringen sucht – bis hin zu dem vermessensten Wahnsinnsgedanken, in Gottes Gericht dürfe der Mensch nicht eingreifen. Ich brauche sozusagen die Kirche in ihrer größtmöglichen Pracht, um mich des Alpdrucks frömmelnder Hausväterschaften und evangelikaler Plattheiten zum Massengebrauch zu erwehren.

„Verzweifelt man selbst sein wollen, verzweifelt nicht man selbst sein wollen.“ (Kierkegaard) – „Verzweifelt“ heißt hier (auch): ganz dringlich, ganz vehement. Vor dem Hintergrund, „zu wenig“ – hier: man selber – zu sein. Sich noch nicht zu haben, sich noch nicht befestigt zu haben. Wenn mich jemand auf der Straße grüßt: „Servas Beda!“, brauche ich mich nicht eigens zusätzlich zu wollen, weil ich dem anderen zur ausreichenden Genüge als derjenige, der ich nun mal bin, feststehe. Umgekehrt, auch der andere ist mir genug. Er braucht sich nicht auf sein „eigentliches Wesen“ hin anzuspannen, sich im Scheitern dieser Überhebung auch nicht zum Unwesen verkrampfen und pervertieren. So nach dem Motto: Kann ich schon kein Heiliger sein, so kann ich doch noch ein Teufel werden. Indem wir noch auf der Straße erkannt und namentlich gegrüßt werden, haben wir unser Wesen also noch nicht bis zur Unkenntlichkeit verloren oder verwischt, wie uns selbst manchmal in unserem Kämmerlein erscheinen möchte, wenn wir in die Retorte hineinblasen, worin wir selbst als Zwerg sitzen, der sich bei trübem Lichte übel verfärbt.

Sätze zum laut Auflachen (was nicht bedeutet, dass sie falsch sein müssen): „Die Bergliebe der Nihilisten ist ungeheuer charakteristisch.“ (Günther Anders)

Türkis war eine Zeitlang meine Lieblingsfarbe: aber ein tieferes, volleres Türkis, ein herausfordernd künstliches Schwimmbadkachelntürkis! Nicht jenes gedämpfte Türkis von Pharma- und Versicherungsprospekten. Dieses Seniorenresidenzprospekttürkis, bei dem nach gehöriger Eintrittsgebühr alle Hoffnung hochkompetenzbegleitet fahren gelassen werden kann.

Beim persönlichen Manipuliertwerden ärgert mich am meisten, wenn ich einer dahinterstehenden erlernten Technik gewahr werde. Allein dass jemand solche Techniken erlernt, dass nicht alles in ihm selber sich gegen eine solche Ausbildung wehrt, verunmöglicht mir eine Freundschaft mit ihm. Dass das Persönliche also nur ein falsches Persönlichgetue ist (Betrugsversuch an meinem Vertrauen), um mir etwas, das sich für mich als nachteilig herausstellen wird, unterzujubeln, mich zu etwas zu bewegen, was ich aus Eigenem niemals machen würde und was ich sofort wieder bereue, wenn der andere abgezogen ist, was danach jedoch bindet. Wie solche geschult sind, jeden Moment des Zweifels abzufangen, den anvisierten Kunden oder Wähler nicht mehr auszulassen. Ihn zu hypnotisieren. Man ist Beute – und weiß es erst nachher.

Während ich auf den Plakaten die immer angegriffener wirkende Kandidatin erblicke und denke, egal was sie auch unternimmt, egal was sie verspricht, es hilft nichts, die Partei steckt fest, kommt nicht von der Stelle, hinten taucht ein Konkurrent auf, sie auch noch zu überholen, sie mir leid zu tun beginnt, ich mir sage, alles kann sie jetzt versprechen, sogar das Himmelreich, den Lottosechser für alle, sie würde trotzdem verlieren, ich schon überlege, sie ganz entgegen dem Landesgesamttrend zu wählen, wobei ich ihre Partei bisher erst einmal in meinem Leben gewählt hatte, spreche ich vor mich, auf ihre Plakate blickend, hin: „Wenn du solche Wähler bekommst wie mich, dann zeigt das nur weiter den Untergang an. Das ist keine Wählerschicht, die du mit meinesähnlichen dir erschließt, sondern ein Wählerfilm, was sage ich: nur ein Wählerhäutchen, ein Wählerrinnsal!“

Dass Kursiva bzw. Hervorhebungen einen Sinn haben können, zeigt mir gerade das Hängengebliebensein an einer Stelle in Gampopas 900 Jahre altem „Juwelenschmuck der geistigen Befreiung“, wo von der Ehrerbietung dem spirituellen Lehrer gegenüber die Rede ist: „dass man sich vor ihm verneigt und ihn umwandelt“. Wobei es doch einen Unterschied macht, ob ich ihn umWANDLE oder UMwandle! Aber vielleicht würde dann und wann und wenn einer durchs Umwandeltwerden umgewandelt?

Dem imaginären Postboten, der mit dem Moped fahrend den ganzen Tag vergeblich nach dem Tapirtal gesucht hat, um ein gepolstertes Kuvert mit einem Schleich-Tapir zuzustellen, sei des Tapires Dank!

Auf der Gstättn, wo alles auf Abbruch steht, stadtinmitten, der allerprächtigste und sonst bisher nirgendwo sonst gesehene Admiralsfalter das Zeichen setzt: seiner selbst. Als Wirklichkeit seiner jederzeitigen Wiedermöglichkeit.

Peter Hodina

Folge uns auffällig.