DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Das Magazin für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °15

Der Schweizer Notizenautor Ludwig Hohl, in der selbstgewählten jahrzehntelangen Einsamkeit seines Genfer Kellers, meinte, man schriebe letztlich nur für einen einzigen Leser. Für den Leser dann schlechthin. Und auch Nietzsche kannte die Sehnsucht nach einem fernen „Sternenfreund“. Sein Leben als Schreiber- oder Denkerleben zu verstehen, dieses dann in Form zu bringen, zu formatieren auf einen fernen geliebten, vielleicht erst auch zukünftigen Menschen hin… Oder eine Sinfonie, wie Bruckner, dem lieben Gott widmen. Oder wie Beethoven seine Eroica zuerst Napoleon widmen, sie dann aus Enttäuschung schließlich wieder zu entwidmen. Ein Gedicht oder Lied einer Geliebten zu widmen, es ihr zu schenken als Wegesblume, das ist schon feiner: annehmbarer nämlich. Doch gar sein gesamtes Lebenswerk, ja seine Gesammelten Werke en bloc der Ehefrau zu widmen, wie Martin Heidegger es bezüglich seiner Gattin Elfride, geborene Petri, tat, ist schon vor allem gesammelte Wucht. Hätte nicht Schopenhauer sein Werk gar einem seiner Pudel gewidmet – oder ist das nur ein Gerücht, das die Tierliebhaber unter den Philosophen verbreiten? Jedenfalls reimte Schopenhauer: „Ein Denkmal wird die Nachwelt mir errichten…“

Das Widmen scheint von seinem Wesen her dialogisch zu sein, tut dialogisch, aber ist es nicht oft eine Einbahnstraße? Manchmal ist es das formierende Prinzip, sogar der Attraktor eines sich ansonsten nicht fassen, einfach sich nicht und nicht zusammenfassen könnenden Autorenlebens. Es sprechen, wie Lichtenberg einmal meinte, eventuell die Hoden dabei mit. Es ist das Am-Köcheln-Halten einer meist fernen Liebe, ein Sich-Andienen. Dir weihe ich mein Leben gar. Doch auf diese Weise kann auch ich mich so ganz nebenbei zusammenfassen und aufraffen, was klar fürs Ego von Vorteil ist. Das Du, dem ich meine Sache, mein Projekt, meinen Endlosbrief, mein Lebenswerk oder sogar mein ganzes Leben widme, hüllt mich in seinen Schutzmantel. Doch lässt es ihn mir freiwillig? Oder habe ich ihm den Mantel entwendet, mir angeeignet? Wollen nicht viel mehr Menschen beschützt werden als selber dem andern Schutz gewähren? Zu dir hin, o Gott, habest du uns geschaffen, meinte der Heilige Augustinus. Vielleicht ist Gott der Platzhalter für dieses utopische, weil maximal beanspruchbare Du.

Es ist mit persönlichen Widmungen wie mit Geschenken oder auch einem angebotenen Duwort: wir sollten sorgsam uns fragen, ob der Andere sie überhaupt annehmen kann und will. Auch, ob diese Widmung nicht vielleicht, obwohl sie an eine Beziehung appelliert, in Wirklichkeit beziehungslos ist: wenn etwa einer meiner philosophischen Freunde seinen recht abstrakten Kommentar zu Hegels Logik seinem Töchterchen widmete, das zum Veröffentlichungszeitpunkt noch ein Kleinkind war. Mit einer solchen Widmung wäre dann ein Auftragverknüpft, wie ihn pathetische und anspruchsvolle Väter noch immer gerne an ihre Kinder als Vermächtnisweitergeben. Man will ja Sinn gehabt haben – und sich als ein sinnvoll gewesener Mensch in den Augen des Andern gespiegelt wissen, ja schon zu Lebzeiten voyeuristisch dabei zusehen können, wie mein angeblich Essentiellstes sich im andern Auge, von diesem treuaufgenommen, spiegelt. Hätten wir je wirklich beim Widmen an den Andern wie er/sie ist gedacht oder ging es uns um uns selbst? Brauche ich – oder missbrauche ich  – den Andern, um vor mir gerechtfertigt zu sein, als Bestätiger meiner selbst?

Häufig werden Diplom- und Doktorarbeiten den lieben Eltern gewidmet, die das Studium finanziert hatten. Das ist dann halt Konvention. Schon anspruchsvoller war da die folgende Widmung, die der Verfasser eines Anti-Kriegsbuchs diesem voranstellte: „Den Toten des Dritten Weltkriegs“.

In der konventionellen, nicht liebestollen Spielart des Widmens wird ein Werk nicht selten jenen gewidmet, mit denen man zusammenlebte und für die man wegen des Arbeitens an ebendem Werk keine Zeit hatte. Entschädigung für Anwesenheitsentzug oder für manch harsches „Stör mich jetzt nicht!“ Und dann blättert die Lebenspartnerin, die den Haushalt besorgt hat, in einer mathematischen Abhandlung, die aus lauter rätselhaften Formeln nur besteht…

Wenn ich einem Großen der Vergangenheit ein eigenes Werk widme, stelle ich mich mit ihm auf eine Stufe, glänzte – bei aller Verehrung  –  auch in seinem Licht. Ein wahrlich allergrößter, wirklich revolutionärer Musiker müsste man sein, um einem Bach oder Mozart Jahrhunderte später eine Partitur widmen zu dürfen. Die diskretere Form dessen sind Variationen (etwa Max Regers Bach-Variationen, opus 81).  Nicht zu vergessen ist die ironische, sofern nicht sarkastische Widmung: wenn ich als Krausianer den verblasenen und wortschwulstigen Deppen des Tages eine Kritik ihres Treibens widme.

Im Laufe seines Lebens, dem entsprechenden Reifegrad nach, können Phasen der Widmungslosigkeit solchen folgen, in denen man noch leidenschaftliche Widmungen verfasste. Wiederum ist zu unterscheiden zwischen einer handschriftlichen von einer gedruckten Widmung.  Konrad Paul Liessmann schrieb einmal in ein dickes Buch von ihm lässig mit der Hand hinein: „Für euch!“ Das Buch trug den Titel Ohne Mitleid.

Ja, wir wollen alle letztlich geliebt und anerkannt sein, das befiedert den Schritt und gäbe Elan. Der Teufel will es, dass man oft die Anerkennung erst dann bekommt, wenn man sie nicht mehr braucht, nicht mehr danach sich streckt und zu diesem vermeintlichen Leckerbissen lechzend hinaufhüpft.

Einer der allerbesten Literaturkenner, von dem ich vor einem Vierteljahrhundert hoffte, in meinem Menschsein beglaubigt zu werden, saß mit einer Frau in einiger Entfernung an den Tischen beim Waldbad Anif. Ich hatte soeben einen Poetik-Essay fertiggebracht und fuhr noch zwei Stunden mit dem Fahrrad aus, am Fluss entlang, entspannt. Durch das Zustandebringen des Textes war ich in dem Grundgefühl, auch in ein adäquateres Verhältnis zur umgebenden Natur mich auf einmal gesetzt zu sehen. Ebenso aber nahm ich wahr, durch diese Konkretisation gealtertzu sein. Mein jetziges Naturerleben verglich ich mit früherem Naturerleben, das seinerzeit Anstoß für manche – missglückte – Gedichte war. Seinerzeit –  das war damals, als ich unbedingt einen Menschen gebraucht hatte, der mich doch beglaubigen würde. Was immer das heißt: beglaubigen! Das tun doch Notare… Mit solchen Gedanken fuhr ich langsam meditierend dahin. Gelangte schließlich zum Waldbad, trank dort ein Bier. Auf einmal bemerke ich jenen Germanisten mit seiner Begleiterin – auch er, der früher ewig Junge, dieser „puer aeternus“, war inzwischen deutlich älter geworden: auf einmal grauer Kurzhaarschnitt. Mag sein, dass auch er mich nicht mehr wiedererkannt hätte. Hat er mich vielleicht gesehen? Ganz rasch wechselten die beiden ihre Plätze – der Germanist wandte mir nun sogar den Rücken zu. Dieses aber war mir sogar eine Erleichterung. Die Wirkung war fast die eines psychoanalytischen Setting. Meine Gegenübertragungen kamen zu mir selber zurückgeflogen. Wir waren älter geworden. Einen Menschen – und wäre es ein noch sehr junger – zu beglaubigen, einfach nur so, auf keine Leistung hin, ist wahrscheinlich einfach zu viel verlangt. Was wollen wir? Wir sind nur Menschen. Es gibt solche Ritterschläge nur in der Einbildung, aber die Einbildung kann mächtig sein. Wie Dr. Samuel Johnson über einen der Menschen, der ihn als einer der ersten anerkannte und erkannte (nämlich Warburton), schrieb: „Er erkannte mich an, zu einer Zeit, als Anerkennung für mich von Wert war.“

Dieses Nicht-Antworten von ursprünglich von mir geschätzten Personen, deren Urteil mir etwas bedeutet hätte – wie sehr hätte mich gefreut, von ihnen etwa zu hören: „Dein Buch wirkt als Kraftzufuhr“ oder: „Einige schöne Stellen sind darin“ (wenigstens) – lässt mich im Unklaren, ob ihnen mein Buch-Geschenk nicht etwa missfallen hat, ja sie eventuell das Buch sogar in den Mülleimer oder in den Ofen geworfen haben… Ich will es auf Agonie, Trägheit zurückführen, Vielbeschäftigtheit – auch ich antworte oft nicht, obwohl ich es sollte; bin dafür in Gedanken bei diesen von mir unhöflicherweise Unbedankten. Man soll nicht immer gleich das Ungünstigste hinter einem Schweigen vermuten. Etwas zu schenken, um Dank dafür zu bekommen, hat auch einen subtilen aggressiven Beigeschmack: andere aus sich herauslocken, um sie zu einer Stellungnahme zu mir zu zwingen. Dem kann widerstanden werden, dem wird widerstanden. Eine Postkarte wenigstens könnte ich ihnen aber doch wert sein. Wenn es sich um Profis handelt (manche haben sogar ein eigenes Sekretariat), ist allerdings ihr Nichtreagieren schon nach dem Sprichwort „Keine Antwort ist auch eine Antwort“ einzuschätzen. Ich habe Gründe, anzunehmen, dass sie mir nicht geneigt sind. Dass sie die Antwort verschleppen, ist immerhin auch möglich. Genug, ich habe es versucht, die Geste eines Geschenks gemacht – in Zeiten, in denen außer Reklame und Rechnungen so gut wie nichts mehr in den Briefkästen liegt. Wochenlang geradezu das Unpersönliche; da kommt einmal etwas Persönliches, irgendwie sogar Nettes angetanzt  – wie ein Vögelchen, das in den Briefkasten hineingerutscht wäre – man könnte sich doch ein bisschendarüber freuen, zumindest in dem Sinne: „Endlich einmal etwas anderes“, aber es scheint den Adressaten die Fähigkeit sich zu freuen gründlich abhanden gekommen zu sein. Sind sie nun endgültig tote Seelen?

Aus einem glücklicherweise von mir dann nicht abgeschickten Beleidigungs-Brief: „Es war Ihnen von mir mein Buch aus Überschwang geschenkt worden, meine Ihnen hineingeschriebene persönliche Widmung machte das deutlich. Offenbar wollen Sie nicht beschenkt werden, wollen sich durch nichts mehr überraschen lassen. Keine Euphorie mehr teilen, sich von keinem Übermut mehr anstecken lassen. Ich will nicht denken, dass es etwa Neid sein könnte… So schlecht möchte ich nicht über Sie, so gut nicht über mich denken. Neid auf eine Seifenblase zu haben? Auf einen, der so spät kommt wie ich? Oder ist der Neid inzwischen unendlich kleinlich geworden, analog zur Knauserei? Dass man buchstäblich niemandem mehr etwas gönnenmöchte, so sehr man selber überreichlich Gratifikationen eingefahren hat? Ist es – daskönnte es ja auch noch sein – Klassenstolz, dass Sie meinen: Was will der da noch? Wieso gibt er immer noch nicht auf? Ist es nun die Methode des Stilllegens, Kaltstellens durch Totschweigen, was mir im Moment zuteil wird? Wäre solches bei einem alleine Ziehenden wie mir denn nötig?“

Dem Wanderer verschlossene stolze Bürgerhäuser. Der Wanderer zieht weiter – er hinterlässt den nach ihm da Vorbeiwandernden ein Zeichen, einen Zinken: „Hier ist kein Einlass, kein gastfreies Haus. Dort schon…“ Denn es gibt für mich und für andere auch solche Dorts.

Nietzsches Morgenröthe, obwohl er sie als ein entscheidendes und wichtiges Buch ansah, stieß bei Erscheinen auf wenig Resonanz, ja Verständnislosigkeit. Am 14. 8. 1881 beklagte sich Nietzsche in einem Brief an seinen Freund Köselitz: „Zuletzt – wenn ich nicht meine Kraft aus mir selber nehmen könnte, wenn ich auf Zurufe, Tröstungen von außen warten müsste, wo wäre ich! Es gab wahrhaftig Augenblicke und ganze Zeiten meines Lebens (z.B. das Jahr 1878), wo ich einen kräftigenden Zuspruch, einen zustimmenden Händedruck wie das Labsal aller Labsale empfunden hätte – und gerade da ließen mich alle im Stich, auf welche ich glaubte mich verlassen zu können, und die mir jene Wohltat hätten erzeigen können. Jetzt erwarte ich´s nicht mehr und empfinde nur ein gewisses trübes Erstaunen, wenn ich z.B. an die Briefe denke, die ich jetzt bekomme, – alles ist so unbedeutend, keiner hat etwas durch mich erlebt, keiner sich einen Gedanken über mich gemacht, – es ist achtbar und wohlwollend, was man mir sagt, aber ferne, ferne, ferne.“

Peter Hodina

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