DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °14

Wie ich, bei der Hitze schon 15 Kilometer gegangen, so auf der Bank sitze und „nichts“ sich ereignet, auf den Fluss schaue und von weitem die Radfahrer ganz vereinzelt herankommen sehe, denke ich, dass ich jetzt gern ein großes Kuvert öffnen würde, in dem alle meine Lebensjahre betreffend die zu Fuß zurückgelegten Jahreskilometer aufgelistet wären. Da ich mein Leben kaum je signifikant verändert habe, würde mich interessieren, ob die Jahreskilometeranzahl trotzdem variiert beziehungsweise das eine oder andere Jahr ganz stark abweicht, ohne dass ich es bemerkt hätte. Dieses dann aus der Erinnerung rekonstruierend. Vielleicht war mein erstes Berliner Jahr 1996 die Spitze? Hatte ich nicht in der Pubertät die unwahrscheinlichsten Kilometerzahlen ansammeln können, ohne darauf zu achten? Oder ob ich inzwischen leider insgesamt immer weniger gehe, gar Jahr für Jahr weniger? Auf einmal wollte ich nichts als die Gesamtstatistik meiner Bewegungen und Zumirnahmen und Abgaben. Und dann den Vergleich mit anderen, Gleichaltrigen: habe ich gar von allen am längsten geschlafen? Am meisten gelesen? Die meisten Fußkilometer zurückgelegt? Die meisten Orgasmen erkopfjägert? Die sich am längsten hinziehenden Sexphantasien gehabt? Mein Leben: ein einziges Zeitluxusverbrechen? Irgendworin ist jeder Mensch ein Rekordhalter, verglichen mit denen, die er kennt. Sogar wohl in mehreren Punkten. Mehr Erdnüsse gegessen als ALLE. Solche Dinge meinte ich. Und ohne auch nur Spurenelemente von wie immer motivierter moralischer, konventioneller Bewertung, was auch für die anderen, die ich zum Vergleich heranziehe, gilt. Nicht ein ärztlicher Befund, oder fiskalischer, sondern der UNIVERSALBEFUND zwecks gegenseitiger Erheiterung. Am Ende sollte man Diplome austeilen.

„Nihilist!“ nennt sie mich. Von Zeit zu Zeit fällt von verschiedener Seite auf mich diese Bezeichnung, immer bei unbösartig Heiterem. Und es sagen Frauen. Dort wo ich das werde, wozu mein Vater mich immer hatte hinbringen wollen: SACHLICH. „Sachlichkeit“ hat noch eine andere Nuance, einen anderen, einen „deutsch-ideologischen“ Beiklang als „Objektivität“: einen Ethos-Beiklang mit dem Akzent auf Verzicht. Hart zu sein gegen sich, um gegen andere hart zu sein sich legitimiert zu glauben. Aber mein Vater dachte sich das so wohl nicht, sah es nicht für mich vor: dass ich zur nach meinen Möglichkeiten adäquaten Deskription nun der BEZIEHUNGSZUSAMMENHÄNGE meines Lebens mit dem Leben sowie dem Unbelebten insgesamt neige. Außermoralisch. Die sogenannte „Sentimentalität“ hätte ich durch sogenannte „Sachlichkeit“ niederkämpfen sollen, nicht die Moral.

Ich hasse ja Angestarrtwerden. Gestern auf einer Bank sitzend, beobachtete ich einen Radfahrer, der herankam, von weitem schon zu sehen. Aus einer bestimmten Perspektive sah es aus, als würde er Einrad fahren. Diesem Schauspiel hatte ich mich – und fühlte es sogar – genau zwei Sekunden zu lang ergeben. Wie er mich passierte, rief er zu mir her: „Penisgeil?“

Wellengang an einigen Stellen der Salzach wie bei aufkommendem Sturm an der Meeresküste. Schlammig das Wasser. Bei der  Hitze jetzt schmilzt der ganze Schnee im Gebirge ab. Zwar noch kein Hochwasser, aber schon kommen Baumstämme wie Einbäume racherasender Indianer herangeschwommen. Für mich immer das erste Indiz, dass da noch mehr kommen könnte. Dieses Tosen auch, gewaltige Hochwallen und Walzen. „Wasserkraft“. Die Besitzer der neuen Häuser am Ufer stehen auf ihren Dachterrassen wie am Promenadendeck eines Schiffes bei aufkommendem Sturm und werfen bedenkliche Blicke hinunter. – Und am nächsten Tag dann an derselben Stelle ein Surfer im Fluss, wellenreitend. Kam zu Fall, erreichte schwimmend jedoch sogar problemlos das Ufer, dabei etwa 200 Meter abgetrieben.

Geschichten, die niemals aufgeschrieben wurden, darunter sogar Geschichten, die hauptsächlich nur im Kopf wieder und wieder sich abspielten, haben unzählige Opfer gekostet. Wie kompliziert manchmal die Verdichtungen der wenigen Elemente, aus denen ein Leben besteht, bis zum Nicht-mehr-entwirren-Können. Soldatenmütter, die ihr weiteres Leben damit zubrachten, die Feldpostbriefe der gefallenen Söhne um und um zu gruppieren, als entspränge daraus noch eine letzte Botschaft. Labyrinthik der Trauer. Jeder das Seine verdichtend ein Dichter. Und das Wenigste an äußerem „Material“ würgt am besten. Mit wenigen Fotos bestückt sich dieser verdorrte Strauß. Splitter eines Flugzeugpropellers und dann das finale Telegramm. Und manche deckten beim Abendbrot immer auch für den Toten auf.

Charivari. Die kindliche Verdichtung ist die der individuellen Bedeutsamkeit. Liebesverwebung um die Dinge, die ich MIR ins Album meines imaginären Museums klebe. Mögen es nur der Wegerich am Rande sein, ein billiger Armreif, die Anstecknadel eines Schützenvereins, die Plastikspitze einer Feuerwerksrakete, Steine vom Fluss: noch ist nicht das Lot des Szientismus hineingefallen.

Oben am Nagel, an dem das Kreuz hing, hing zugleich der Ehering ihres vor Jahrzehnten an den Spätfolgen des Ersten Weltkriegs verstorbenen Mannes. Wann immer der Ring sich schwärzte, so lautete ihr Erfahrungswert, sei jemand aus dem engeren oder weiteren Familienkreis verstorben. Der Ring war ihr zuverlässiges Totenbarometer. Allmorgendlich wurde es abgelesen. An ihrem eigenen Sterbetag tat sich nichts Auffälliges am Ring.

Laienhaft zwar, aber Überlegung. Wenn von „Schub“ gesprochen wird, speziell bei der Schizophrenie, könnte es nicht sein, dass es nicht ein Schub zu einem progredierend immer Schlimmeren ist, sondern ein Schub, Anschub innerhalb eines „zyklothymen“ Kreises, eine Beschleunigung wieder innerhalb jenes Kreises, wie man sie von Zeit zu Zeit schon kannte, sagen wir, vor 25 Jahren, nein öfter, oft schon. Dann verlangsamt es sich wieder: dies höchsteigenbedachte „Durchdrehen“, das wir seit jeher an uns kannten, bis zum horizontoffenen Stillstand dieses Rades ohne Bodenkontakt? Nur Bodenkontakt verbürgt Fortschritt des Rades. Der Fortschritt des Rades ist die zurückgelegte Strecke. Es wird nicht schlimmer, sondern schneller wieder, von Zeit zu Zeit. (Gedanken eines außerplanmäßig autotherapeutischen Schlingerers-in-Zuständen.) Ganz in uns hypochondrisch in Todesbängnissen  verkrochen, ohne zu wissen, wie je noch den Deckel zu heben, kommen wir unversehens heraus, wie wir schon immer herausgekommen sind. Hätte mir wohl öfters schon den Schizophreniebefund abholen können, aber ich bin kein Diplomesammler. Ärztefremd, der ich bin, existieren keinerlei Krankenakte.

Wenn für ein paar Minuten erst im Sonnenuntergang die Sonne, die den ganzen Tag über verborgen war, sich doch noch in aller Klarheit zeigt. „Was sie gewesen wäre.“ Ist es ein Stück simplifizierten Adornos oder Walter Benjamins in mir, das mich den an sich banalen Vorgang als melancholisch-geschichtsphilosophisches Gleichnis erleben ließ? Im abschiedlichen Untergang deutet sich an, was Aufgang und „Großer Mittag“ hätten sein können.

Meine gelegentlichen illuminierten Nachtheimgänge durch die wie ausgestorben dastehende Stadt gleichen apokryphen Stadtführungen, denn ich bleibe vor dem, was mir dann gerade denkwürdig erscheint, stehen und kommentiere es halblaut. Ist man lange genug in seiner Heimatstadt bewandert, kennt man schließlich alle Kleinigkeiten bis zum hintersten schiefen morschen bemoosten Grabkreuz für ein vor achtzig Jahren beerdigtes Kind in der Armenparzelle, in dessen Querbalken der Vorname „Ferdinand“ falsch eingraviert ist: „Ferdinant“. Wie oft ist man bei allen diesen Stellen schon vorbeigekommen, manchmal viel intimer damit in Rapport – man war mal feiner, kindlicher -; es ist ein Wiederbegrüßen dieser Plätze und Stellen und von ihnen Wiederbegrüßtwerden. Wie ein Gang über einen Text, ein Lesen auch dies. Und beinahe, obzwar halblaut und jederzeit rücknehmbar in die Lautlosigkeit, ein Deklamieren. So letztens war das „Thema“ meiner Privatstadtführung die sogenannte „Vergeistigung“, von Novalis bis Ernst Jünger ein Ziel, aber nicht von mir durchgängig bejaht. Überall nun, von den Schaufenstern an und ihren Dekorationen, bis hin zu Plakaten sah ich Spuren des Tierischen in unserem Leben. Dass die Plakate auf Holzständern affichiert waren, in einem schlampigen Durcheinander wie in Erwartung der Axt dastanden, begrüßte ich. Überall schien mir bei diesem Heimweg der Mensch noch tief im Tier zu stecken, mehr als zur Hälfte. Überall sah ich an dem Warenblitzblank schon den Zahn des Gebrauchs, der subjektiven Aneignung am Werk. Es war eine Bildersprache letztlich der Subjektivitäten. Der alte Mann, den ich einmal als „DEN alten Salzburger“ beschrieben hatte, kam mir jetzt tiefnachts über den Zebrastreifen entgegen. Er wirkte sehr von dem drückenden Wetter angegriffen. Auf seinem Kopf – es begann leicht zu tröpfeln – hatte er ein Stofftaschentuch als Kopfbedeckung, dessen vier Zipfel jeweils mit einem Knoten versehen waren, wie dies mein Vater vor vierzig Jahren bei unseren Urlaubswanderungen noch machte. Würde sich der mittlerweile noch viel verzweifelter wirkende Greis oder würde richtiger „es“ sich nun rächen, dass ich ihn im Text verewigt hatte? Er war nur beschäftigt damit, sich obenauf zu halten und nicht zusammenzubrechen. Wie sehr ist mein Blick für solches inzwischen geschärft, den anderen als älteren Bruder in dem uns bestimmten Los der Gebrechlichkeit erkennend. „ZEBRAstreifen!“, sagte ich mir. „Überall noch die Tiere, in den Wörtern und Dingen.“ In dem Reisebüro, an dem ich vorbeischritt, dann überhaupt nur die Tiere als Poster an den Wänden, die Tiere der Savanne, der Tropen, die Löwenfamilie, Koalas, der Tukan, um zu locken. Auch die Natur arbeitet stets mit Lockung. Alles lockt, aber wehrt auch ab. Je nachdem. Zur Hälfte mindestens stecken wir noch in der Tierwelt, und die „Erdvergeistigung“ kann warten, und wird durch mein Leben, wie schon deutlicher abzusehen ist, nur wenig beschleunigt worden sein.

Peter Hodina

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