DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Das Magazin für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °13

In einem Gastgarten. Eine Frau in einem altmodischen, möglicherweise selbstgeschneiderten hellen Sommerkleid mit schmalem weißen Ledergürtel nahm zwei Tische weiter vor mir alleine Platz, nachdem sie zuvor im Stehen einem ihr bekannten Ehepaar, das an einem anderen Tische saß, eine juristische Expertise über ein Testament, eine Doppelhaushälfte betreffend, abgegeben hatte – unter genauer Nennung der einschlägigen Gesetzesparagraphen. Kein einziges Mal sah sie dabei das Ehepaar an, während sie das Auswendiggelernte wie schräg vom Himmel herunter sich abrief. Die Dame war sicher schon Mitte Sechzig, sommersprossig, vollschlank, jenem Typ angehörend, der sich niemals schminkt. Besonders fiel mir dann auf, dass sie ununterbrochen sogar während des Essens in einem gewiss hundert Jahre alten Büchlein las, das mit einem nach Art der Wiener Werkstätten gestalteten Einband ausgestattet war. Möglicherweise ein Theaterstück oder Libretto las sie da. Sie gehörte also ebenso wie ich zu jenen Lesesüchtigen, die ständig am Tropf der Textzufuhr hängen, bei allen Gelegenheiten. Hinter ihr war eine Runde älterer Herrschaften versammelt, die bald eine sehr solide, erwachsenenbrave Volksmusik zu spielen anfingen. Zwei Akkordeonisten, die beim Spielen sich tiefe Blicke zuwarfen, aus denen ganze Lebensschicksale, die durchgestanden werden mussten, zu sprechen schienen: Blickerzählungen. Meine Dame, so traditionellgesinnt sie beim ersten Eindruck wirkte, wurde von der Musik im Hintergrund nicht im mindesten erweicht. Über ihr Gesicht liefen oder zuckten wie in einem physiognomischen Curriculum immer wieder dieselben fünf oder sechs Grundmienen, darunter unschön sarkastische,  auftrumpfende, während sie aß und weiterlas. In einem der Gesichtsausdrucke vermeinte ich einen schon lange verstorbenen großen Rechtsdenker erblicken zu können, der gleich in mehreren Fächern eine Lehrbefugnis hatte und der durch seine umfassenden Kenntnisse sowohl imponierte als auch erdrückte, grundiert von einem tiefen und am Detail aufgewiesenen, gegen eine sogenannte „permissive Gesellschaft“ gerichteten kulturkonservativen Pessimismus. War sie einmal seine Studentin, Dissertantin, vielleicht Assistentin gewesen? Während ich meine Blicke über sie uneindringlich schweifen ließ, kreiste am Himmel ein Raubvogel, der binnen weniger Minuten vom Untersberg weit ins Salzburger Becken hineinzufliegen verstand. Eines wusste ich mit Bestimmtheit anzugeben: dass mit Sicherheit sie mich nicht sah, dass und wie ich sie sah. Sie bemerkte mich nicht weiter, hatte ich doch ein Berghüttenabzeichen auf der Kappe, das mich als einen ihr Belanglosseinmüssenden, Unakademischen signalisierte. Nun zog ich selber ein Buch aus dem Rucksack, einen Italien-Band Kasimir Edschmids und las darin das Kapitel über Ferrara und den Herzog Borso d’Este, der sich anscheinend astrologisch als von den Sternen geführt erachtete. Wieder hatte die Sommersprossige das Professorengesicht jenes juristischen Doyens sich entliehen. Weit sich über den Rest des Wirtshausvolks erhebend, als eine, die „es besser weiß“. War sie seinerzeit an jenem Doyen gescheitert? Hatte sie jemals einen Mann gehabt? Hatte sie eine psychische Störung, zumindest einen Tick? Denn sie posierte bei ihrem Lesen doch unaufhörlich, ohne sich aus abpanzernder Schüchternheit rückzuversichern, dass sie auch gesehen würde. Ständig durchlief sie das Repertoire ihrer fünf, sechs Masken. Eine etwas doch ungesunde Unruhe, Künstlichkeit bei aller gezeigten „Natürlichkeit“. Ich stellte mir vor, wie sie sich mit kaltem Wasser und Hirschseife wäscht und ihren Rücken mit einer Bürste an langem Holzstiele schrubbt. Etwas zynisch Bitteres, Hartes, sich bis zur Hässlichkeit nachdrücklich Verkneifendes. Da grüßte augenblickshaft auch Scardanelli vom Zimmerschen Tübinger Turmzimmer her. Und Renaissanceanspruchshaftes. Wie sie dann zahlte, aufstand und über den Platzkies hinausging, wäre sie fast – man muss schon sagen: bei diesem Abgang von der Bühne – um ein Haar noch gestürzt und fing sich im allerletzten Augenblick.

Mühlen, auch ohne außen schon sichtbare Mühlräder, haben eine immer ganz besondere Atmosphäre. Wie ein Totlebendhaus. Am Feiertag ist es stiller noch als bei anderen Betrieben. Mehlstille. Eine Müllerstochter abends zu umschleichen, die aus dem Fensterchen der Mühle blickt, heißt, es mit dieser Mehlstille aufzunehmen.

Um Mitternacht zu Fuß am Heimweg. Ein Tier querte schnell die regennasse, wie ausgestorbene Aigner Straße. Und wie sich der träge Blick schon auf „Katze“ eingestellt hatte, musste er nun auf „Marder“ UMSCHALTEN, was einen Ruck aus der ganzen Schläfrigkeit bewirkte. Der Mustelide floh nicht einmal, huschte nur unter die Hecke und blickte mich von dahinter an – die scharfen Zähnchen des Pelzfrechlings waren zu sehen. Im Moment des „Umschaltens“ von „Katze“ auf „Marder“ hatte mich sogar in Sekundenbruchteilen Feierlichkeit befallen, ein leichter Schauder, bis der Name für das Gesehene gefunden war. In dieser Zehntelsekunde, da der Name noch nicht da war, aber schon auf der Bewusstseinsschwelle stand, hatte das gesehene Wesen magischen, urbildhaften Rang. Mit einem Ruch von „Illegalität“. Vielleicht war es Punkt 00:00 Uhr. Der Mitternachtsmarder.

Wieder mal ein Meisterstück des lieben Autokorrekturprogramms, das sonst es ja weniger mit eingegebenen Eigennamen hat, unbedingt „Doderer“ ganz eigenmächtig, diesen erfolgreich verhunzend, zum „Toterer“ machen muss: aber diesmal, als ich von einer Frau schreiben wollte, die Noriker hält (eine Pferderasse), machte es aus „Noriker“: „MÖRIKE“. Wie ich „Grillparzer“ eingeben will, wird mir „Grillparty“ vorgeschlagen. Das Netz ist anders eingestellt als meine Bedürfnisse, „meint es nur gut“.

Von einem „wirklich Wahnsinnigen“, so Jausner, unterscheide er sich auch dadurch, dass er niemals meine, von Angela Merkel oder Außerirdischen verfolgt zu werden. Die „inneren Stimmen“, die ihn nicht selten plagen, seien „Sprechblasen“ von früher zu ihm Gesprochenem, von ihren einstigen Sprechern „und mehr noch Schreiern!“ losgelöste Sprechblasen, die nun „wie Wolken“ dahintanzen, „wie Schäfchenwolken, nein: Wolfswolken, deren Ränder sich zerfetzen“.

Das alte Grauen. Ein junger kleiner schüchterner Kassier in einem der kleinsten Lebensmittelläden der Stadt wurde von einem etwa 65-jährigen Mann in kurzen verwaschenen Jeans und grässlich kariertem Kurzarmhemd mit Fragen nach seinen beiden Brüdern bedrängt. „Im wievielten Semester studiert noch einmal der ältere Herr Bruder?“ „Ist schon fertig.“ „Was, fertig? Ja, was macht er aber dann? Und der jüngere?“ „Im elften Semester.“ „Was? Bist du narrisch, im elften Semester. Informatik im elften Semester und noch immer nicht fertig! Da kannst dich gleich erschießen.“ Der aufdringliche Frager kaufte nichts. Zog eine Schleife durch den Laden, um weiterzubohren: „Und du bist gleich gar nur Kassier geworden.“ Der Junge hielt sich wacker, aber ganz in die Defensive gekommen. Der Alte sah nicht danach aus, je ein Studium absolviert zu haben. Nie hätte ich selber anzugeben gewusst, in welchem Semester meine Brüder studierten. Sogar selber wusste ich es meist nicht. So war es beim Studium: zuerst bist du zu jung, dann zu alt. Kaum begannst du, fragten sie: „Wann wirst du fertig?“ Die STUDIENANTEILNEHMER, diese Aasgeier.

Aufgeschnapptes: „Jeder, der bei mir lernt, wird wieder zum Nackerpatzl.“ Welcher Film rennt denn in dem?

Denen, mit denen nicht gespielt wurde, wird mitgespielt. Manches Außenseitertum erklärt sich so einfach: aus einer spielfeindlichen Herkunft. Was soll mit einem solchen dann auch groß anzufangen sein? Diese Spielfremde in der Kindheit bedeutet noch nicht überhaupt späteren Ernst im Leben. Der angeborene, nicht zum Zug gekommene Spieltrieb introvertiert sich. Der Witzbold hält sich schadlos, er spielt mit und in sich. Schließlich vor anderen, aus sich heraus: als Clown oder Kabarettist.

Wie wäre es anders gekommen, wenn es statt „der Allmächtige“ geheißen hätte: „der Allmähliche“! Der würde dann auf den Plötzlichen gestoßen sein, als Widersacher.

Im Licht der Taschenlampe sehe ich erst, wie viele Staubpartikel um meine Bücher tanzen. Wie die unzähligen Sterne im Weltall. Staubmilchstraßen. Und jetzt lese ich, dass wir angeblich so viel Plastikpartikel in uns aufnehmen, pro Woche vom Gewicht einer Kreditkarte. Jede Woche eine zermahlene Kreditkarte! Diese Nachrichtenmeldung aus der Welt des Wissens lässt mich den Bücherstaubdämonentanz nun wieder gnädiger sehen.

Mit dem Staubsauger schließlich einmal doch wieder unters Bett kriechend, höre ich im Geiste die Bibelhausierer meiner höhnen: „Im Staub sollst du kriechen!“ So hast du ein Übel immer gleich verdoppelt und auch aufgeräumt werden muss dann doppelt.

Über eine beredte Pannenfängerin. Wie eine Krähe, die sich alles verstaucht und einen Verband an immer anderer Stelle trägt: nur nie um ihren Schnabel.

EHVOR. (Den Panischen gewidmet) – Wer auf dem Floß des Hirnes steht, wer fürchten muss, dies Hirn nicht abschalten mehr zu können, während über seiner Fontanelle das Blaulicht rundumkennleuchtet, wessen Arm sich kaum mehr heben kann, lichtein-, lichtauszuschalten, wessen Reaktorkühlung unterbrochen ist, wer nicht nur VOR dem Abgrund steht, gar droht, durchs eigne Hirn ins Bodenlose reinzufallen, dem winkt die nachgeworfne Grütze, den Kopf gerade noch zu streifen, ehvor er nichte(t).

Gestern hatte mich A. ein Foto von mir auf ihrem Handy sehen lassen, das unbeabsichtigt einer Karikatur gleichkam. Ich auf mein Handy starrend,  schwarze Kappe auf, die Augen wie bei einem Pongiden eng zusammenstehend, surfend, das Gesicht vierschrötig breit. Dabei ging an dem Abend in mir so viel wohlig Harmonisches und Konvaleszentes vor. Aber abkonterfeit ward’s als – Affe.

Am Abend ein erzürnter Halter zu seinem Wolfshund, dessen Bellen er fürs erste mit größter Not niederzuzwingen vermochte: „Von jetzt an hör ich von dir für heute aber KEIN WORT MEHR!“ – Erinnere mich dessen deshalb, weil ich eben gerade bei Habermas lese (und Mühe damit habe): „Wahrheit nennen wir den Geltungsanspruch, den wir mit konstativen Sprechakten verbinden. Eine Aussage ist wahr, wenn der Geltungsanspruch der Sprechakte, mit denen wir, unter Verwendung von Sätzen, jene Aussage behaupten, berechtigt ist.“ Ist Bellen ein „Sprechakt“, der aber keine Sätze verwendet? So viele Fragen, aber gar so viele!

Peter Hodina

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