DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Das Magazin für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °12

Wenn irgendwo statt auf unserem auf einem anderen Planeten es einen Ort gäbe, der Großmugl hieße und nicht von uns so benannt, und sich dort andere Wesen versammelten, um mit Rohren den Sternenhimmel und uns darin als funkelnden Punkt zu betrachten, so erschiene dies uns unglaubhaft. Es kann nicht sein, dass auf dem Mars oder auf einem anderen Planeten von sich her eine Erhebung „Großmugl“ genannt sein könnte. Wir erlauben nur uns selber im Weltall ja ohne weiteres unseren terrestrischen Provinzialismus. Sähen wir einmal von uns ab (gewiss, wir können es nicht!), hielten wir solche Lederhosenträger wie uns in den Weiten des Alls für ganz unwahrscheinlich, all die zum Teil absonderlichen Landschaftsnamen, gar die Dialekte! Viel schwerer vorstellbar als außerirdisches Leben ist, dass dieses Dialekt spräche. Was WIR uns aber jederzeit herausnehmen. Rund um uns wollen wir die Sphärenharmonie, durch nichts getrübt, nach Möglichkeit ein großes vollkommenes Weltenuhrwerk objektiver Wahrheit, damit es uns unzweifelhaften Sinn spende. Damit wir in unserem Dorf, auf unseren Misthaufen sitzend und auf Fässern und Stockgeißen reitend, es desto ärger treiben können.

Traum: In einem Durchhaus, das mit einer Kurve versehen ist, wurde ich frontal von einem daherrasenden Radfahrer angefahren und niedergestoßen, der, um die Kurve kommend, zuerst noch einem anderen Passanten im letzten Moment auswich, um dafür dann desto besser in mich hineinzukrachen. Dort herrschte ja absolut Fahrverbot. Worauf ich den Radler hinwies, fragte ihn, wie er heiße. Er meinte nur keuchend, ohne sich bei mir zu entschuldigen, dass er dringend einen Essay bei einer bestimmten amtlichen Stelle abzuliefern hätte. „Aber zumindest den TITEL des Essays wollen Sie mir jetzt sagen!“, forderte ich ihn immer verärgerter auf. Er weigerte sich, denselben herauszurücken. Dann fing ich an, den Radler mit meinem Schirm ganz an den Rand zu bugsieren. „Zum allerletzten Mal: Sie sagen jetzt den Titel!“ Schon schlug ich mit dem Knirps auf ihn ein, dass es krachte und das Gestänge nach und nach auseinanderbrach. „Her mit dem Titel!“ Wie ich auf ihn einschlug, verwandelte sich mein Gewand zu einem altmodischen Frauenkleid. Ich bot den Anblick einer alten Schachtel respektive Fuchtel, wie sie in der Provinz noch gelegentlich vorkommen, die auf einen behelmten Radfahrer mit ihrem Schirm eindrischt, weil jener den Titel eines Essays, den niemand interessiert, nicht herauszurücken bereit sich zeigte. Weniger erboste mich, dass er mich angefahren und umgestoßen, weniger, dass er sich nicht entschuldigt hatte, weniger, dass er überhaupt hier bei Fahrverbot an der unübersichtlichen Stelle mit dem Rad dahergerast kam, weniger, dass er seinen Namen nicht nennen wollte, sondern viel mehr und schon mit hysterischer Ausschließlichkeit, dass er mir nun den Titel seines Essays einfach nicht und nicht verraten wollte, obwohl ich nach Kräften auf ihn einhieb. Dabei den Anblick nicht scheuend, den ich für andere bieten mochte. (Ein typischer Prokrastiniertraum: denn ich selber hätte derzeit dringend einen Essay fertigzustellen und bin nach einem Sturz vor ein paar Tagen noch immer etwas ramponiert.)

Jausner quälte sich ab, um dann auf einmal sich wieder gar nicht abzuquälen. Beides war relativ unmotiviert. Und hing wohl zusammen. So wurde er zum Wetterfrosch seines Innenlebens. Der mit fortschreitenden Jahren darauf achtgab, in seinem Glase nicht von der Leiter zu fallen.

Dauerlust-Gedanke. „Wenn aber nun das höchste Gut, wie ihr sagt, in der Lust bestünde, wäre es zu wünschen, dass man sich ohne Unterbrechung Tag und Nacht im Zustand höchster Lust befände, wobei sich alle Sinne von jeder Wonne gleichsam überflutet fühlen würden. Wer aber, der den Namen eines Menschen verdient, kann wünschen, auch nur einen Tag lang völlig in dieser Art von Lust zu leben?“ (Cicero, De finibus bonorum et malorum, II, 114) – Das eine ist der in eine Frage gefasste moralische Nachsatz, das andere die zuvor skizzierte utopische Erotologie, die in solcher Radikalität also bereits in der Antike gedacht wurde. – Kontrastierend (oder als Abschattung dessen), was Nietzsche, Cicero als solchen verabscheuend, in den Notizen zum „Willen zur Macht“ schrieb: „Die normale Unbefriedigung unsrer Triebe, z.B. des Hungers, des Geschlechtstriebs, des Bewegungstriebs, enthält in sich noch durchaus nichts Herabstimmendes; sie wirkt vielmehr agazierend auf das Lebensgefühl, wie jeder Rhythmus von kleinen, schmerzhaften Reizen es stärkt, was auch die Pessimisten uns vorreden mögen. Diese Unbefriedigung, statt das Leben zu verleiden, ist das große Stimulans des Lebens. (Man könnte vielleicht die Lust überhaupt bezeichnen als einen Rhythmus kleiner Unlustreize.)“ (Der Wille zur Macht. Versuch einer Umwertung aller Werte, Leipzig: Kröner, 1930, S. 470)

Ohne ausgestattet zu sein wie ein U-Boot oder eine Tauchkugel, sondern reagibel und dünnhäutig, sind uns auch in Regionen des Geistes gewisse Tiefen unbekömmlich. Aus Mangel an entsprechender „Haut“ sind wir gezwungen, zu dissoziieren: als vergeblicher, spontaner Versuch einer Wandbildung. Dass das Tiefere auch das Wahrere ist, lässt sich nicht verallgemeinern. Manche Tiefen sind mit der technisch unbewaffneten Menschennatur zunächst unvereinbar.

Traumsplitter. Durch Mundzuhaltung zu verhindern war ich aufgefordert, dass einer seinen Namen (er klang russisch) „in die Sonne hineinruft“: sie ginge nämlich dann auf der Stelle unter. Aber in dem Sinne, wie die Welt untergeht. Dass „Sonnenuntergang“ im Unterschied zum „Weltuntergang“ etwas Harmloses, sich jeden Abend Ereignendes ist, kam im Traum gar nicht in Betracht. Der Name, den ich im Dunklen auf einen Umschlag kritzelte, ist nicht mehr entzifferbar, eventuell „Apkzew“. Ein Unname eher. Residuale Namensmagie also, sonst nie für mich ein Thema. – Nachbemerkung: Durch Anrufen der Sonne dieselbe zwar nicht zum Untergang, aber zum Stillestehen veranlassen zu können, wurde im fünften sogenannten „Buch der Sibylle“ dem Messias nachgesagt: „Und wiederum wird ein heiliger Mann vom Himmel zur Erde kommen, dessen Hände an einem Schmerzensholze ausgestreckt, der beste unter den Hebräern, der einst die Sonne hatte stillestehen lassen, als er mit lauter Stimme und reinen Lippen sie anrief.“ (In: Richard Clemens: Die sibyllinischen Orakel, Wiesbaden: Fourier, 1985, S. 204. “Es wird hier geradezu Jesu das beigelegt, was im Alten Testament von Josua erzählt, in welchem man um so eher ein typisches Vorbild des Messias finden konnte, als Jesus und Josua im Hebräischen ein Name ist.“ [ebd., S. 221])

„Manchmal sitzen wir da und schauen uns an. Und sagt ja nicht, das sei wenig: das ist noch nie getan worden.“ (Christiane Rochefort)

Komm ich spätnachts heim, erwartet mich schon die existentialistische Mail eines befreundeten Verlegers mit der entmutigenden Frage: „Lohnt es sich noch, Bücher zu schreiben?“ Darauf nur die Gegenfrage: Was ist ein Buch? – Versuch einer Antwort: Ein Buch ist ein Bauch, in dem sich die Fragmente, Bissen für Bissen hinuntergeschlungen, versammeln. Früher nannte man die Bücher „Schwarten“. Sollen wir kein Fett ansetzen dürfen? Feist der Buchrücken, der Buchnacken. In Erwartung des fehlgehenden Todesstoßes. Unser Schweinekamm als Hirnfortsatz.

Traum. Direkt unter meinem Schreibtisch wäre ganz frisch mein Großvater begraben. Da geht es aber nicht so tief genug hinunter. Ich schlucke diese Tatsache und denke dabei an Verwesende in Schützengräben. Und summe eine Hymne vor mich hin: die der italienischen Decima Flottiglia M.A.S., mit der der Großvater ja gar nichts zu schaffen hatte. Faschistisch? Aber tauglich genug, um dem Verwesungsgeruch allemal tapfer standzuhalten. Der mir schon die Stuhlbeine heraufzukriechen beginnt. Oper, Pathos, Widerstand. Zu schaffen, aber riecht es nicht doch schon?

Eigenliebe, selbst Beharren auf Eigennutz, bedeutet noch nicht, dass man nicht sich schadet. Der Seelenwurm bohrt sich eigensinnig durch die Frucht und suhlt sich in den fäulnisbefallenen Stellen.

„An Zwiespalt ich leide.“ – „Ist es nicht Tri-Spalt?“ Was sofort beruhigte. Und man war wieder eins mit seiner alten Ursuppe. Synthesebedampft bis zum Intimen die Fenster des Labors. Bis draußen der Kehrer kommt und erfreulich nickt, dieser Mäeut.

Die Pumpe, obzwar schmerzlos. Aufsteigendes Bild: ein Sklavenschiff, doch des Osiris. Wie die Sardinen lagen sie da im Zwischendeck, jenseitsausgerichtet. Warf mich vor dem aufgestiegenen Bild panisch auf den Bauch, Frosch nun. Und suchte in den imaginierten Muskeln eines strahlenden Alius Griffe und Trost.

Wann immer Alexandra David-Néel sich, früh schon, von Todesahnungen bedrängt fühlte, war es Zeit, aufzubrechen. Und am nächsten Tag, in der Karawane, war sie munterer denn je. Und wurde insgesamt dann doch über Hundert. „Folge deinem Stern!“, ihr Lieblingsspruch.

Diese Leere manchmal direkt unter dem Schädeldach: ich spüre sie physisch. Panikdosierend. Und lasse dagegen die innere Feuerwehr ausrücken. Als Hypochonder jedoch fehlalarmanfällig. Wie gut verstehe ich Giacometti, der jahrzehntelang nur bei Licht schlafen konnte, um den Tod von sich wegzuscheinwerfern.

Miniaturweltgeschichte. Vor dem Einschlafen mich der Rührseligkeit ergeben, mir einen Marco Polo des Marses vorzustellen, der es damals unternahm, den inzwischen ausgestorbenen Planeten sich zu erwandern.

Für mich alleine. Die Innenschau, in der Matratzengruft im Zimmer, konfrontiert mich mit geschätzt einer neunzigprozentigen Plaque von pluraler Zombifiziertheit. Nur ein gallisches Dorf von Selbstkritik als Weltkritik will standhalten und braut am Zaubertrank. „Es gibt kein Rezept“ – das rezeptieren die Michbelächler. Mächtiger als mein Gebräu ist der reichziselierte altmodische Umrühr-Löffel. Sind wir denn der Karneval, der einladend sämtliche massenmedial vorpräparierten Sinnesdaten fragt: „Wolle mer se reinlasse?“ Einmal aber werden in dieser Höhle Platons an Stangen die Wildschweine im Schattenspiel vorbeigetragen und Troubadix, noch gefesselt, singt den Knebel wie falsch und kakophon auch immer sich aus der Kehle.

Die Abfindung. „Der Österreicher findet sich mit jeder Tatsache ab, oder er geht zugrunde, wenn er nicht dadurch längst zugrunde gegangen ist, dass er sich abgefunden hat.“ (Thomas Bernhard) – In diesem Lande muss auch der einzeln Widerstrebende und noch Dissidente, der, um sich im labilen Equilibrium zu halten, sich ewig auf die Selbstsuche begibt, aufpassen, dass er, indem er sich hier vergeblich sucht, sich nicht in Wirklichkeit schon abfindet, während er noch vermeint, sich abzusuchen. Welch klägliche Erscheinung: ein Spürhund, der immer nur sich selbst aufspürt! Werdet lieber Sprühhunde!

RUBNER TEICH. Die können noch ganz ander(e)s. Klein mit Groß, Gruppensex in Trauben. Und sie dürften dafür besondere Tage im Jahr haben – oder nur EINEN? Hab es nicht erforscht, nur einmal im Rubner Teich am Tannermoor im Mühlviertel gesehen, wobei ich zufällig angespannt den „Aufstieg zum Berge Karmel“ von Juan de la Cruz, auf einem Badetuch sitzend, las. Hunderte, wenn nicht sogar Tausende Frösche in jeglicher Formation. Unregelmäßige zuckende Verficktheit. Dann in den Pausen reglos wie Tote, Angeschwemmte, Zertretene, ausgebleicht vor Erschöpfung. Postorgastisch. Scheintot. Rudelbumsende in Trauben, Paare: ganz Klein mit Riesig, Schlank mit Fett, Jung mit Alt. Ihr Honeymoon, eine Massenhochzeit. Bei ganz klarem blauen Wasser. Allerreinstes Taufbecken der Natur, bei wolkenlosem Himmel. Davor und darin das Treiben, das am Menschen die Kirche verdammt und monogam kanalisieren will. Ein dynamischer „Populismus“ sozusagen: in metapolitischer Bedeutung, der Population dienend. Dass der Froschschenkel zuckt, ist von Galvanis Experiment her bekannt. Kopulationsmaschinismus dort im Becken, am Teich. Ekstase im Klebrigen. Orgonproduktion für uns alle? Man sollte ein Kreuz von der Wand nehmen und es den Fröschen an diesem Tag ihrer glitschigen Orgie, ihres Sichvergessens am Großen Mittage hinstellen. „Sei kein Frosch!“ heißt eigentlich: „Sei ein Frosch!“

Peter Hodina

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