DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Das Magazin für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °11

Kaum je mit den Eltern zufrieden gewesen. Aber im Traum dann dieses: Der Vater hatte ein Rokokomöbel gekauft, mit einem aus der damaligen Zeit stammenden Lichtbildprojektor. Dann kamen die auf eine Glasplatte gezeichneten Tierbildnisse: Nilpferd, Tapir. Nur momenthaft. Die Mutter lebte noch. Das Paar zog sich zurück auf ein hohes Bett. Etwas anderes, Besseres, um in diese Welt hier zu kommen, hätte ich nicht finden können. Eine Intimität umfing mich, aus der ich kommen und eintreten konnte. Dieser kurze Augenblick, wo das Lichtbild eines Tapirs sich einschob, war der konspirative. „Raffiniert“: stets ein Lieblingswort des Vaters, meist auf Möbel bezogen. Raffiniert mit Geheimfächern.

Alterstraum. Auf einer Burg, zu Fuß hinauf. „Du gehst auch schon ganz vornübergebeugt“, sagte die mir einmal bekannter gewesene, inzwischen arrivierte Autorin süffisant. „Du bist nun in dem Alter angekommen, wo man keine Ziele, sondern nur mehr noch Wege vor sich hat.“ Da erwuchsen mir Stelzen. Als künstlicher Riese mit an Drahtfedern hängenden Stielaugen beugte ich mich herausfordernd zu ihr herunter: „Wo ich also keine Komik, sondern nur mehr Humor hätte?“ Mein Aufgebaren war das denkbar komischste. Ziele – Wege, Komik – Humor. Es ging um das Antagonistische dieser Begriffe. Es war alles andere als Humor, wozu ich mich erwuchs, es war sich zur bizarren Groteske auswachsende Komik. Die Augäpfel federten.

Pinterest will mich, ohne mich zu kennen, kennen und schickt mir ebengerade folgende Message: „Bürgerkriege, Österreich und andere Themen, die zu dir passen“.

Die noch nicht erfundene Schimpfwortzeitachse behauptet, Betreffender habe am nächtlichen Heimweg letztens mehr als tausend Mal „Ausg’schissn habt’s!“ ausgerufen. Als würde dadurch irgendeine Erkenntnis einen Zuwachs verzeichnen.

Notiz zur Graugansvermehrung. Noch mehr sich vermehren? Diese Grauganswirtschaft, die die Wege zukackt, beim Leopoldskroner Weiher. Evasiv, invasiv, man kann ihnen zuschauen bei ungebremstem Vermehren. An denen ist eine Papstbotschaft, sich nicht wie die Karnickel zu vermehren, glatt verlorengegangen. Die Kinder grau, bei denen sind die Alten die attraktiveren. Dazu offenbleibende Gedanken und Kalkulationen, wie viele, wenn sie so weiter, es würden. Die Stunde der Graugans scheint dort vorerst gekommen zu sein. Und Zungen haben sie! Während ich noch sinne, ob ihrer Vermehrung geneigt oder weniger. Da gibt es viel deutlichere Graugansvermehrungsfeinde als mich doch hierin wie in vielem Zögerlichen, darum, ihr Geflügel, zeigt eure Zunge gegen andere, gefälligst! Faucht es mir nicht vollends weg, mein Wohlwollen gegen euch, Ducks!

„Menschenkenntnis“ hat eine praktische Wurzel. Ist eine „praktische Theorie“. Der Teppichhändler hat Menschenkenntnis als Kundenkenntnis. Der Lehrer, der Begabungen einschätzt. Der Kripoinspektor. Der Verführer. Es ist ein Zuschnitt auf das, was einer mit dem anderen vorhat, aus ihm herauskriegen will. Wozuhin ihn zu bewegen. Und sei’s zum Geständnis. Darüberhinaus gibt es eine Metatheorie der Menschenkenntnis. Im Nachlassen des Willens bezüglich des anderen. Diese ist Reflexivität, das Hervorkommenlassen des Potentials. Das Ohr, das die Kundgabe hervorlockt, das Staunen, das zur Versichtbarung reizt. Manche Leben schneiden sich nie tief in andere. Heiter und aufgeräumt, was Gespanntheit nicht ausschließt, haben sie den Spielraum, den anderen in seiner Art zu lassen, in seinem Hervortreten nicht abzuschneiden, sondern bei seinem Ins-Licht-Treten zu befördern, anzufeuern. Nicht gar so wenige kennen es nicht, haben es nie gekannt: dies Brennen auf dem anderen und in den anderen. Weil: die Relativitätstheorie ist interessanter, und im Theater, gehen sie mal ausnahmsweise hinein, spielt sich etwas ab, das sie lediglich tangiert oder ihnen sogar fremd scheint.

„Sich zusammenreißen“. Ein Widerspruch in sich? Wenn ich einen Karton zusammenreiße, um ihn durch den Schlitz des Containers zu bringen. Es ist ein „Zusammen“ hinsichtlich der sonst zu schmalen Öffnung. „Mich zusammennehmen“ ist klüger. Auf der Linie bleiben, realistisch; mit wenig, dafür Verbürgtem. Eine enge Heranfahrensweise. Indem ich in einer einzigen Nacht noch einmal Herbert Marcuses „Eros and Civilization“ las, hatte ich das Gefühl, mich zusammengenommen zu haben – unter Verzicht auf die Schalmeienklänge idealistischer Ausflüchte. Auf meiner konkreten Linie die Dinge entwickelnd, risslos, kontinuierlich.

Sollte man sich in Zeiten wie diesen eigentlich noch vermehren? Es gibt verschiedene Arten, „sich“ zu vermehren: es müssen nicht immer Kinder, es können auch Streuzettel oder Bücher sein. Nach Art „unserer“ Löwenzähne, also „ihrer“.

Verschachtelter Alptraum, daraus ein Element:

Ich werde in einer fremden Stadt die unterqualifizierteste Bürokraft zweier gegeneinander konkurrierender Psychologie-Institute und versuche meine Doppelbeschäftigung ihnen jeweils, solange es geht, geheimzuhalten. Zu trauen ist den Kollegen niemals. Sie taten zwar auffällig freundlich, dann aber drückte mir einer ein lumpig aussehendes Sträußchen mit Maiglöckchen in die Hand, das ich zu einem Restaurant gegenüber tragen sollte, wofür es etwas Geld gäbe. Zu diesem Laufburschendienst vergattert, fliegt mir, als ich dieses Elend von einem kurzstieligen Sträußchen überreiche, aus der Küche mit voller Wucht eine noch grüne, harte Zitrone als „Belohnung“ entgegen. Indem ich von diesem Schock etwas Trost im Institut II suche, gibt mir der senile, vermeintlich „gütigere“ Chef dort ein Manuskript, das den Holocaust leugnet, zum Vervielfältigen. Ich benütze die Rauchpause, um auf einen wenig begangenen Stadtberg einstweils zu entfliehen. Von dort oben gilt das alles nicht mehr, trügerisch der Liebreiz der Landschaft.

„Rationalisierungen“ im Sinne der Psychologie sind janusköpfig. Sie haben einen „konservativen“ und einen „progressiven“ Aspekt.

Einerseits dienen sie der Bespiegelung, warum es so ist, so gekommen sein musste, nicht anders mit einem kommen konnte. Sie sind etwas wie eine klüglerisch protestierende Ergebung. Es überwiegen die fremden Stimmen, die über einen ein Urteil fällten, sogar manchmal nur vorgestellte fremde Stimmen, die von sich herunterzureißen nicht recht gelingen will. Andererseits zeigen Rationalisierungen, dass die Ratio Tritt zu fassen versucht, mit Differenzierungen dem Unbewussten zu Leibe rücken will. Dabei aber nicht selten in Wiederholungen „durchdreht“, noch nicht wirklich „greift“.

Ohne noch zu greifen, verschafft sie sich dafür selber Abriebe. Nie um Worte verlegen, hält sie sich, ähnlich der „konservativen“ Version, immer die gleichen Einsichten vor, mit dem Ziel, den Zustand einmal abzuschütteln und nicht einen einzigen „Syllogismus der Bitterkeit“ (Cioran) als existentiell gebrochene Endfigur zu verkörpern.

Schließlich aber krabbelt das Insekt doch noch heraus aus dem Sirup: „The whole man must move at once.“ (Addison)

DER REDAKTOR

Aus der Psychologie – vor allem der Kinderpsychologie – kennen wir den Begriff des sogenannten „inneren Begleiters“, der meist eingebildet, phantasiert ist. Manchmal ertappe ich in meinen Träumen bzw. im Umfeld meiner Träume den, den ich den „Redaktor“ nenne. Vorläufig bediene ich mich dieses schweizerischen Ausdrucks. Mir will vorkommen, jemand ist anwesend und „blättert“ in meinen Träumen. Er ist sowohl Leser als auch Umsteller, Umschreiber, Gegenschreiber, Überschreiber, Auffrisierer. Ich würde ihn nicht mit den herkömmlichen Begriffen beschreiben. Ihn nicht etwa „Spion“, „Schutzgeist“, „Lehrer“, „alter Ego“, „Therapeut“ usw. nennen. Vielleicht aber ist er abgesandt, ein Abgesandter. Von wem aber? Er ist jedoch ein sich verselbstständigt habender Abgesandter. Ein Adjunkt, der einige Parzellen des Forsts in Eigenregie zu bewirtschaften begonnen hat.

Er nimmt in meinem Zimmer Platz und bemüht sich, von mir nicht bemerkt zu werden. Gelegentlich macht auch er, dieser so überaus Sorgfältige, einen kleinen Fehler und hinterlässt eine Spur. Wie wenn ein Leser, der sich in die Bibliothek eingeschlichen hat, dort ein Lesezeichen oder Einlegeblatt mit Notizen vergisst. Der Redaktor versucht gleichauf mit mir zu atmen, gleichauf mit mir zu erwachen und dabei augenblicklich sich aus dem Staub zu machen, um in der nächsten Nacht abermals sein konzentriertes Werk an mir fortzusetzen.

Es ist vorgekommen, dass ich um einen Moment zu früh aufwachte und ihn wahrnahm, wie er gerade sich verflüchtigen wollte. Ich hörte ihn öfters schon in mir blättern, über mir sich räuspern, auch lachen, zustimmend (?) brummen. Geseufzt oder gestöhnt hat er über mir noch nie. Er ist etwa wie ein Kreuzworträtsellöser an mir am Werk oder wie jemand, der ein Puzzle legt.

Seine Aufmerksamkeit, so präzise sie einerseits ist, ist andererseits schweifend. Er ist zu musivisch, um als schlichter Seelenklempner oder Manipulateur durchgehen zu können. Vielleicht hatte er ja einmal einen klaren Auftrag Anderer in Bezug auf mich (Außerirdischer?, Verstorbener?, Freimaurer?, einer „unsichtbaren Kirche“?, was auch immer oder keines davon), doch er hat sich schon lange wie gesagt verselbständigt und arbeitet sozusagen frei, wie jemand, der nach der Arbeit noch anderthalb Stunden sich in eine Bibliothek setzt, um dort ad libitum zu schmökern, sich an irgend etwas festzusaugen oder festzubeißen, das ihn aus irgendeinem Grunde zu faszinieren begonnen hat oder von dem er sich etwas verspricht. Er raucht vielleicht Pfeife, aber das hätte ich riechen müssen; ich kann ihn mir nur als Raucher vorstellen: von Pfeifen oder Zigarren.

Will er mir wohl?

Ich bin zur Annahme gelangt, er wolle mir wohl, dieses aber nicht übertrieben, sondern in einiger sogar meditativ-tändelnder Gemächlichkeit. Ich betrachte ihn nicht als Eindringling, sondern als Kollegen, der sich wie am Tisch einer Bibliothek neben mich gesetzt hat, um vermittels eines geheimen Spiegels zu lesen, was ich lese, sowie, wie ich das Gelesene in meinem Kopf abbilde und wie das von mir Gelesene auf meine Gesamtverfassung wirkt. Dabei unternimmt er in mir behutsame Umstellungen, Streichungen, Radierungen, bläst dann den Radierstaub weg; er regelt gewissermaßen in mir die Lautstärke. Er ist geduldig, aber nicht wie jemand, der mit jemandem auf Pädagogenweise „geduldig“ ist, weil er mit diesem eine Absicht verfolgt und diese dabei nie aus dem Auge verliert. Er fordert nicht – fordert auch mich nicht –, sondern erntet die ihm von selbst zufallenden Erträge, die er – „Die Guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen“ – auswertet, wiederum bedächtig, wägend, ab und an förmlich auspendelnd. Ich fühle mich dabei keineswegs ausgebeutet.

Dass er ein Lektor wäre, ist schon zuviel gesagt. Ich bleibe bei „Redaktor“.

Heute am frühesten, noch in Dunkelheit getauchten Morgen war ich ein paar Sekunden zu früh erwacht und er hatte nicht rechtzeitig das Licht löschen können. Eine halbe Minute gewahrte ich einen horizontalen leuchtenden breiten Strich über meinem Schreibtisch, etwa wie eine Leuchtröhre. Dort steht aber kein Beleuchtungskörper solcher Art. Schließlich knipste er das Leuchtgebilde lautlos ab, der Unbekannte, mit dem ich aber schon seit längerem rechne und für dessen Existenz sich die Gründe häufen.

Peter Hodina

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