DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Das Magazin für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °10

Gestern Abend (10.5.2019) gegen dreiviertel neun beim Schloss Hellbrunn, ohne dass dort schon oder noch etwas von einer eigentlichen Veranstaltung zu sehen gewesen wäre (weit und breit keine Festgäste, also eine geschlossene Gesellschaft im Schloss?), beträchtliches Aufgebot von sogenannter „Militärstreife“ (gezählte acht Autos). Zwei Polizisten „streiften“ hinter mir schon im Park, ich war der einzige Besucher dort, blickte zu den Teichen hin und stopfte Erdnussflocken in mich rein. Aber ich streifte an der Streife nicht an. Den Park vor neun korrekt verlassend, sah ich einen meine Bewegungen scharf observierenden einzelnen fremdländischen Securitymann im schwarzen Abendanzug vor dem Schloss im weißen Kies stehen: wir fixierten einander aus der Ferne. Weiter drüben, bei den Wasserspielen, noch einmal ein solcher Mann (oder derselbe? War er mir hinter den Mauern bis zum nächsten Durchblick gefolgt?). Dann begann ich diese Autos zu zählen, alles „Militärstreife“, dabei aber mit dem Kennzeichen „BP“ (für „Bundespolizei“), nicht etwa „BH“ („Bundesheer“). „Was jetzt?“, dachte ich: „Militär oder Polizei nun?“ Da vermischt und verwischt sich etwas: das seit 2016, damals war noch kein Kurz Kanzler, sondern ein Kanzler Kern kurz, der Doskozil machen ließ.

Wenn Vergangenheit nicht vergehen will/kann. Das Problem von Nachgeborenen, deren Eltern traumatisiert wurden, besteht auch in der Abstraktheit dieses Leidzusammenhangs: so wird ein Phantomschmerz „vererbt“, besser: übertragen. Ein Unheil, das über den Kindern hing, das aber nicht zu ihrer Erfahrungswelt passen wollte.

„Der Krieg“ – wer war der für mich als Nachkriegskind? Ein Riese in Stiefeln, rußaufwirbelnd, häusereinreißend, vor dem sich die kleinen Menschlein in stickigen Stollen verbargen.

Gesicht als intersubjektives Ereignis. Ich blicke nicht ständig mein Gegenüber an. Das Gesicht läuft oft „einfach so mit“. Es ist möglich, dass ich nachher nicht mehr mit Bestimmtheit die Augenfarbe des anderen sagen kann. Bei diesem Nebenhersehen des Gesichts kann unbewusst aber viel mehr aufgenommen worden sein, als man annehmen möchte. Es gibt unterschiedliche Arten, ein Gesicht zu sehen. Darunter eindringliche, ausforschende, den anderen packende, aufdeckende oder überrumpelnde. Und andere so nebenhinschweifende, die Rede nur begleitende Blicke. Manche Menschen, mit denen wir sogar stundenlang geredet haben, haben wir dabei fast gar nicht angesehen. Auch selber fühlt man sich an gewissen Tagen geradezu „durchblickt“. Oft von Fremden, in öffentlichen Verkehrsmitteln, wo man sich wortlos gegenübersitzt. Wenn der andere eine Sonnenbrille aufhat und herstarrt (oder herzustarren scheint), ganz besonders. Zum Glück sind solche förmlich „hautlosen“ Tage nur selten, wo wir ungeschützt anderen (und meist Wildfremden) offenliegen.

Bestimmte Dinge am besten der Phänomenologischen Abteilung im Zentralinstitut des eigenen Gehirns zur weiteren Bearbeitung übergeben. So auch das Problem angeblich oder wirklich tiefergehender Gesichtserkennungen.

Hass ist ein Anzeichen, von etwas, das einen gegen seinen Willen bindet, loskommen zu wollen. Manchmal sind es bloße Wörter, die einen besessen machen. Mit diesen Wörtern sind Leute verbunden, die sie bis zum Nichtmehrhörenkönnen gebrauchen. Man hasst, was einen unfrei macht. Aber es gelingt fast nie, sich HERAUSzuhassen: denn der Hass ist selbst eine Bindekraft. Im Hass kann man der Person, aus deren Abhängigkeit man sich befreien will, desto mehr verfallen. Die Worte sowie Personen, die einem nur mehr verhasst sind, die einem unausstehlich sind und gegen die man allergisch reagiert, können wechseln. Inneres Gefesseltsein, meist auf äußeres rückführbar, blamiert uns, weil dieses negative Hängen an einem Wort oder einer Person, dieses Zappeln und Sichverfangenhaben als Selbstfalle der Veridiotung empfunden wird. Weil außer der Gebundenheit nichts anderes da ist als das ohnmächtige Fortkommenwollen von ihr. Das deprimiert die Kreativität und Weltoffenheit. Wörter, die nicht aus dem Kopf gehen wollen, und auch Personen und deren Gerede, die uns aufsitzen und sich in uns einfressen. Einem solchen Komplex gegenüber unfrei (gemacht): im Denken, Fühlen, Handeln. Besessen sein von fremden Vorstellungen, die sich eingenistet haben und uns auf Schritt und Tritt wie ein kommentierender Schatten begleiten. Zumeist will ein solches Netz sich so zusammenziehen, dass man darin gefangen aufgeben soll, konform werden und auf sich verzichten soll. Darauf läuft die ideologische Machenschaft dieser werthaltigen Gebilde hinaus. Sie sind in gewisser Weise verschmutzt-werthaltig. Nicht reiner oder klarer Wert, sondern vermischt mit Tyrannei und Unfreiheit, allerhöchstem Unbehagen. Die Marter des Repetitiven. Es stimmt die intelligente Beweglichkeit herab. Und dieser einen ständig begleitende Schatten, dieses bösartige, einem aufgedrängte „Pseudogewissen“, wird, da anklebend, gehasst. Man will es von sich herunterbekommen, und weil es nicht wirklich gelingt, hassen wir es. Es fällt uns in unseren schwachen Tages- und Nachtstunden an, vampirisiert uns. Insbesondere viele Begriffe der Religion haben eine solche Natur. Weil sie in uns zu Leiern geworden sind. Diese ewige, uns ins Unrecht setzende Leier in ihrer Repetierlichkeit ist das Verhasste.

Sartre über sein Verhältnis zu Camus: „Wir hatten uns überworfen, er und ich: aber ein Zerwürfnis – selbst wenn man sich nie mehr sehen sollte – bedeutet nichts, ist lediglich eine andere Art, MITEINANDER und ohne sich aus den Augen zu verlieren in dieser engen kleinen Welt zu leben, in die wir gestellt sind. Es hinderte mich nicht daran, an ihn zu denken, mir vorzustellen, wie sein Blick auf der Buchseite oder der Zeitung ruhte, die er gerade las, und mich zu fragen: ‚Was sagt er dazu? Was sagt er DAZU IN DIESEM AUGENBLICK?‘“ (Jean-Paul Sartre: Porträts und Perspektiven, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1971, S. 102)

„Es ist traurig und unbefriedigend geliebt zu werden, während man es selbst nicht schafft, den Anderen gleichfalls zu lieben.“ (Paul Dreistein) – Stimmt. Die Liebe wird oft einseitig von der Passion des Liebenden (griechisch „Erastes“, nett eingedeutscht als „Liebler“) her betrachtet, nicht aus der Sicht des von diesem angezielten und häufig überforderten „Eromenos“. Jene Begriffe stammen aus der Welt antiker Homoerotik, wo der „Erastes“ seinem (fast immer um einiges jüngeren) Liebling zum Beispiel einen Hasen schenkte. Dieses Verhältnis ist aber auch adaptierbar für das Verhältnis von Mann und Frau. Wohin mit den vielen Hasen? Die Hasen können auch Rosen sein.

Geschichten anderer. „Hättest du je an armen Bauern g’sehn? I ned!“, sagte der alte, verbitterte Mann, der immer langsam ein Bier nach dem anderen trinkt, zu niemandem, und trat in den Regen hinaus. Ohne Schirm.

Flugtraum. Allein durch Ausbreiten der Arme geflogen. An meinen Armen Girlanden, die dabei zu brennen anfingen, bei welcher Prozedur jedoch leuchtende, diaphane Edelsteine entstanden, die sich teilweise von den Girlanden losrissen, um wie Sterne im Raum zu funkeln. Im Traum selber mir gesagt: „Verdammt, sind das jetzt diese Lichter, von denen das Tibetische Totenbuch spricht?“ Denn die Schönheit dieser geschliffenen Steine war unvergleichlich. Da mir in dem Moment das Ab- oder Hinscheiden ungelegen kam, zu einer ganz wohlbedachten Landung mit sicherer Sohle angesetzt, wonach aufgewacht.

KONZEPTE. Sartre über den Künstler Wols (ursprünglich Alfred Otto Wolfgang Schulze – den Künstlernamen bildete er aus den Initialen WOLfgang Schulze): „Er hatte kaum Pläne: er war ein Mensch, der unaufhörlich von vorn anfing, ewig im Augenblick. Er sagte immer alles, auf ein Mal, und dann von neuem alles – anders. Wie ‚die kleinen Wellen des Hafens, / die immer wiederkehren, ohne sich je zu wiederholen‘.“ (Jean-Paul Sartre, a.a.O., S. 325; die zitierten Zeilen stammen aus einem Gedicht von Wols)

Die prokrastinierte Rasur. Witold Gombrowicz: „Seit ich wieder in Buenos Aires bin, habe ich meine Lebensweise wieder geändert. Ich stehe ungefähr um 11 Uhr auf, verschiebe aber das Rasieren auf später – es ist so langweilig. Frühstück, bestehend aus Tee, Brötchen, Butter und zwei Eier, an geraden Tagen weichgekocht, an ungeraden hart. Nach dem Frühstück gehe ich an die Arbeit und schreibe, solange die Lust aufzuhören gegen das Rasieren nicht überwiegt. Ist die Wende eingetreten, rasiere ich mich mit Vergnügen. Die Rasur verleitet mich zum Ausgehen […]“ – Erinnert mich insbesondere an Georg Büchners „Dantons Tod“ (2. Akt, 1. Szene), wo Danton beim Ankleiden seufzt: „Das ist sehr langweilig, immer das Hemd zuerst und dann die Hosen drüber zu ziehen und des Abends ins Bett und morgens wieder herauszukriechen und einen Fuß immer so vor den andern zu setzen; da ist gar kein Absehen, wie es anders werden soll. Das ist sehr traurig, und daß Millionen es schon so gemacht haben, und daß Millionen es wieder so machen werden, und daß wir noch obendrein aus zwei Hälften bestehen, die beide das nämliche tun, so daß alles doppelt geschieht – das ist sehr traurig.“

 Camille daraufhin: „Du sprichst in einem ganz kindlichen Ton.“

Ich würde, im Unterschied zu jenem großen, dicken, alle Minuten schnaubenden jungen Mann, nicht in einem Bus mit einem anderthalb Meter langen Pfeil mit der Aufschrift „Hier geht’s lang!“ herumgehen. Und wenn, dann die Botschaft für den Transport überkleben. Er saß neben mir, dieser plumpe Riese, schnaubte; der vertikal aufgestellte Pfeil reichte ihm bis zu den Nasenlöchern. Er sah nicht gerade aus wie einer, der sagen könnte, wo’s lang ginge im Leben, auch vor allem in seinem eigenen nicht. Der große Pfeil, möglicherweise dem Sperrmüll einer Tierfutterhandelskette entnommen, war wie das stumme Musikinstrument des Dicken, so wie es, unverborgen von einem Instrumentenkasten, zwischen seinen Beinen stand und ihm bis zu den Nasenlöchern reichte, aus denen es alle sechzig Sekunden deutlich und unangenehm schnob. Man muss ja eigentlich gar nicht wissen, wo es langgeht. Hauptsache man hat einen solchen Pfeil. Ist ein solcher Pfeil aufgestellt und zeigt eine Richtung an, „weiß man, wo’s langgeht“. Mit einem Inhalt hat das gar nicht viel zu tun. Wird der Dicke, der fast zu allem unbrauchbar schien, so ungelenk war er, diesen Pfeil daheim bei sich aufhängen? Party geben?

Dass Laurin nicht ein Zwergenkönig, wie angenommen, wäre, sondern ein Riese, hat mich dann so durcheinandergebracht, dass ich jedesmal sagte: „Ein Riesenkönig, aber ich dachte früher immer: ein Zwergenkönig“, bis sich jetzt nach Konsultation von Wikipedia herausstellte, dass er doch ein Zwergenkönig war. Glaube nur Tirolern. Was Laurin betrifft.

Der weiße Kater aus der Nachbarschaft hat mich gestern auf der Straße angemault, als sei ich für den Kaltregen persönlich verantwortlich. Was mich mental nicht hob. Ein anklagender nässetriefender Borstenpinsel.

Der feine Unterschied, ob man in der oder in die Versenkung verschwindet. Für den oberflächlich soziologischen Betrachter läuft es aufs selbe hinaus.

Peter Hodina

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