DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °°1

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Zur Struktur einer pädagogisch-manipulativen Masche. Beispielsatz, den draußen einer ins Publikum wirft: „Warum macht es nichts aus, wenn Tapire aussterben? Richtig: weil in der Evolution immer Arten, die im Überlebenskampf nicht stark genug waren, ausgestorben sind.“ Man stellt eine Frage in den Raum und beantwortet sie nicht ohne vorturnerische Präzeptoren-Arroganz, die ein Tempo vorlegt, im Handumdrehen sogleich selbst, wobei man diese seine eigene Antwort penetranterweise mit „Richtig:“ einleitet, als hätte das Publikum, das noch nicht einmal zum Nachdenken gekommen ist, dieselbe Antwort schon gefunden. Damit wird einerseits dem Publikum geschmeichelt (gleichzeitig mag als Idiot sich fühlen, der nicht sofort begreift), andererseits ihm die Antwort als eine fixe – als DIE vorgeblich und vorgegeben einzig „richtige“ – anmanipuliert, unterschoben und eingeimpft. Solche Praxis kommt aus einer niederen, nicht hochentwickelten „Scholastik“, aus der definierwütigen Schulform, aus einlernender Thesen-Paukerei. Lehrer, die das taten, waren mir immer auf der Stelle unsympathisch und ich ihnen. Sie rammten einem ihre Thesen ein, ohne Zeit für den Widerspruch zu lassen. Sicher kann es auf hohen Höhen der vif zu sein beanspruchenden Logik geschehen, doch meist geschieht es in den Niederungen und im Dienst der einen oder anderen Ideologie.

Der Schnee deckt viele bauliche Wunden zu. Außerdem macht er zum Beispiel Bergstrukturen besser sichtbar, ERSTARKT das Weichbild einer Landschaft. Autos bekommen einen Hut – so würde man niemals für sie werben, wenn das Produkt dann fast ganz unter dem Schnee verschwindet. Die Jahreszeiten, die Unordnung machen (Herbst durch Laub, Winter durch Schnee, Frühling durch Blütenfall, Sommer durch Gewitter), sind mir die liebsten, weil sie den glatten rationalen Ordo anarchisch relativieren, unterlaufen. Wie ich auch Rost schätze, Spuren des Alterns, des Vergehens, der Erosion der Dinge.

Messerfantasie. Habe so gut wie nie ein Messer mit und dann ein Tafelmesser für einen Apfel. Kaum führe ich das Messer einmal mit, kommt in der Landschaft schon ein Gewitter, und ich weiß nicht wohin mit dem Messer, weil sonst der Blitz… Davonlaufen vor dem eigenen Messer? Der Blitz trifft jeden, den er will, ob mit, ob ohne Messer.

Gefragt wurde: „Was ist der Unterschied zwischen leben und existieren?“ – Der Theologe Hans Küng schrieb einmal einen Bestseller mit dem Titel „Existiert Gott?“. Noch nie gelesen, dass jemand die Frage gestellt hätte, ob Gott LEBE.

Der Sittenmiesepeter wäre einer, der durch keine Galerie und keine Bibliothek gehen kann, ohne nicht zu meinen, dass fast alles, was sich darin vorfindet, wenn es mit rechten Dingen zuginge, verboten sein müsste. Manchmal steht er sogar auf einem ausgesprochenen Vernunft- und Herrenstandpunkt oder auch nur nüchtern-utilitaristischen. Am Ende muss er erkennen, dass das Leben selbst verboten gehörte. Oder er kommt zur Selbsterkenntnis der eigenen weltabtötenmüssenden Lebensfeindlichkeit. Die asketische Rechnung geht nicht auf: Statt im Verzicht sich über alles und alle erhebend, muss er erkennen, ein Tropf nur zu sein, der einem Betrug aufgesessen ist.

Die mir persönlich liebsten und ergiebigsten Lehrer waren und sind wie Bücher, die man jederzeit auch wieder zuklappen und wegstellen kann, die man auch nur halb verstehen darf. Sie aber jederzeit auch wieder zur Hand nehmen will, um besser zu sehen oder auch nur sich wiederzuerinnern, wo man einst bei ihnen, wie bei einem Bildstock oder einer Jausenstation, hielt. Oder die uns einfach über den Weg liefen wie die Gams. Und sich in dieser Wiedererinnerung selber zu erneuern: als einem ANHALT, einem SPROSSPUNKT. Wer wirklich seine entscheidenden „Lehrer“ waren, bestimmt am Ende der einstige „Schüler“ allein. Die anderen waren Problemwerfer.

Jeden Tag ein Gedicht schreiben? Aber wie schon Nietzsche reimte: „Nicht zu freigiebig: Nur Hunde scheißen zu jeder Stunde.“ Auch die lyrische Produktion kennt Ebbe und Flut.

Denken heißt für mich mehr, eine Sache nach allen Seiten hin ausschmecken.

Ein aus sich heraus folgerichtiges Individuum zu werden, entspricht der uns innewohnenden Entelechie. Erziehung und Moral wollen hier stets stutzen. Nach allen Zurückstutzungen abermals aussprießen, unverbesserlich. Immer wieder zu seinen Sprosspunkten zurückkehren. Lange verläuft manchmal ein Ast mit sich schon überdehnender Geduld in der Horizontalen, bis er jäh, sich eines Besseren besinnend, nach oben kandelabrierend abwinkelt, wie ein gewaltiger vertikaler Stinkefinger der Selbstbehauptung, ein Selbstdenkmal. Gleich kommt das Gartenamt und sagt, das gehe nicht.

Peter Hodina

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