DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Haarschneider

Vom Flanieren, Lösen durch Gehen und Gendergedanken

Gleich eines vorweg: Der Begriff „Haarschneider“, hier im Titel als Plural gedacht, vereint für mich immer noch Haarschneiderinnen und Haarschneider gleichermaßen. Vom Versuch, die deutsche Sprache rigoros durchzugendern und damit vielen Wörtern bzw. Begrifflichkeiten ihre ursprüngliche (Be)deutung zu nehmen, halte ich als Feministin nach wie vor nichts. Das Neo-Wort HaarschneiderInnen mit dem Binnen-I geht mir nicht in meinen poesiesinnlichen Kopf und offiziell auch nicht in die österreichische Verfassung. Die Haarschneider dürfen für mich weiterhin die Haarschneider bleiben.  

Geza Gold (Bildrecht GmbH) 2020

Solvitur ambulando – des Schriftstellers Gedanken gehen überall mit. Tatsächlich durch Gehen gelöst, oder bloß laterales Denken – als Schriftstellerin hänge ich allem, das meine Aufmerksamkeit erregt, ein Schildchen, ein Zettelchen mit (m)einer Bedeutungshoheit um. Eine Berufskrankheit sozusagen, die auszumerzen mir nicht gelingt. Wer meinen Blog und deren Beiträge kennt weiß in der Zwischenzeit, dass meine Beobachtungen samt freien Assoziationen als Zettelchen in meinem Zettelkasten, dem sog. Karteikartenpaternoster landen. Niemanden wird es daher verwundern, dass ich seit geraumer Zeit beim Dahinschlendern, mehr noch beim Dahinschauen während der unzähligen Straßenbahnfahrten durch Wien und andernorts, die vielfältigen Namensgebungen von Friseursalons sammle. Wie schon in meiner Anti-Hipster – Studie (Lettre International, Oktober 2020) festgehalten, erregen vornehmlich solche Bezeichnungen meine Aufmerksamkeit, die der ursprünglichen Begrifflichkeit, in diesem Falle dem Friseur bzw. Friseurladen, zeitgemäßere Synonyme zuschreiben.

Mein Favorit: Mr. Comb. Yeah, da würde ich mich richtig gerne frisieren lassen, ist aber leider ein Herrenfriseursalon. Ob ich Mr. Comb fragen sollte, ob er sich dennoch um mein Haar kümmern möchte? Ein fabelhafter Anmachspruch wäre das. Rein in den Herrensalon und lauthals vor den anwesenden Herren proklamieren: „Ich möchte Mr. Comb – und zwar nur Mr. Comb – an mein Haar lassen!“  

Liebe Friseursalonbetreiberinnen und -betreiber da draußen: Mein Namensvorschlag für Ihren Friseurbetrieb, den Sie vielleicht demnächst öffnen lautet:

Frau und Herr Fön versus Herr und Frau Fön

Für den Alten Weißen Mann unter Ihnen, diese im Aussterben begriffene Rasse (ich zitiere hier internationale empirische Studien), sei auch folgende Version erlaubt: Herr und Frau Fön. Ob es den FeministInnen nun gefällt oder nicht, diese Version, also mit dem vorangestellten „Herrn“ ist auch für mich als Lyrikerin eindeutig die klangschönere Version. Ja, finden Sie sich damit ab. Bei Frau und Herr Fön nimmt das zu stark intonierte und grobe „FR-“ den nachfolgenden Silben den Schwung und auch die Weichheit. Dass nach dem weicheren, gehauchten „Herr“, das lautlich stärkere FRAU folgt hat doch den positiven Nebeneffekt, dass das Wort wie Geschlecht nachhaltiger und kräftiger stehen bleibt. Ob Genderbeauftragte diese poetologische Feinheit in Rhythmik und Sound tolerieren können, ist mir schlichtweg egal.

Da die Begrifflichkeit Fräulein seit geraumer Zeit ausgestorben ist, vom deutschen Sprachgebrauch zurecht verbannt wurde (denn das Pendant „Herrlein“ bzw. „Männlein“ als Anrede gab es nie!), wäre die adrettere Version Fräulein Fön zu meinem großen Bedauern kultursoziologisch nicht mehr tragbar. Zu meinem Bedauern deshalb, weil ich auch hier rein poetische Betrachtungen walten lasse. Nicht auszudenken, wie viel mehr Umsatz ein Friseurladen Namens Fräulein Fön machen würde. Herrje, supercalifragilisticexpialigetisch heiß wäre so eine Namensgebung. Ich baue aber auf die eine starke Frau da draußen, die ihre Haarschneiderei genau so betiteln wird!

Floristen neigen ebenso dazu, ihren Blumenläden neue Bezeichnungen zu verpassen: Blumerei Klein, Flowerpower Reznicek, Frau Blume, Rosenschön, Die Blattwerkstatt, Blumensalon Vergißmeinnicht – alles schon gesehen. Glauben Sie nicht? Dann flanieren Sie während des Lockdowns durch sämtliche Gassen, die Sie sonst nie begehen und sammeln Sie!

Regina Hilber

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