DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Giorno uno

SommerLAVOIR #ITALIA 01

Wieder macht der sich ausbreitende Virus unseren sommerlichen Reisebestrebungen einen Strich durch die Rechnung. DIE LAVOIR startet daher die literarische SommerLAVOIR #ITALIA. Wenn Autorin dazu verdammt ist in Erinnerungen zu schwelgen, statt neue Augusterfahrungen andernorts zu machen, kann die Antwort nur eine poetische sein. Los gehts mit GIORNO UNO, dem ersten Tag meines letztjährigen Schreibaufenthaltes in Paliano, südlich von Rom. Jener begann zwar am ersten September, aber das mediterrane Stimmungsbarometer drängt hier und jetzt an das Sehnsuchtsauge, muss prompt meinen realen August in Wien (Achtung Hundstage!) überdecken.

Geza Gold (Bildrecht) 2020

Il Gommista (Der Reifenhändler)

Mit dem Mietwagen vom Flughafen Roma Fiumicino nach Colleferro. Ein seltsames Schlackern, ein Knall, plötzlich auf dem vierspurigen Außenring von Rom. Gehupe. Nein, das kann, darf nicht sein. Acht Jahre lang kein Auto mehr gelenkt und die sechzig Kilometer gegen Süden müssen, ja müssen, ohne Panne, ohne Unfall, bewältigt werden. Augen zu, Intuition zu, Gehupe weg, Realität weg, einfach weiterfahren bis ans Ziel. Vor dem Atelierhaus kokelt ein Feuer vor sich hin. Giftige dünne Rauchsäulen steigen auf. Der Wind weht den Gestank zu den Fenstern, hinein in die kargen Räume, hinein in meinen Schlaf. Contemporaneamente. War da was mit dem Reifen?

Domenica mattina. Vuote le strade. Und auf dem Weg vom Atelierhaus nach Colleferro wieder ein Schlenkern, ein leichtes, dann unüberhörbares, ein Reifenplatzer, kurz vor der Autobahnauffahrt. Wie lange man offensichtliches ignorieren kann. Erschreckend. Il signore, meccanico di cuore. Der erste Signore, den ich in meiner Unbeholfenheit anspreche, ist (dem Zufall sei Dank!) Mechaniker und hat in Windeseile den Reservereifen montiert. „Il gommista apre domani“, sagt er und schon ist er weg, mein Retter und Helfer.

Wie sicher man sich plötzlich fühlt mit Reservereifen am Wagen, so sicher, dass ich gleich dem ursprünglichen Plan folge, den Sonntags geöffneten Supermarkt aufzusuchen. Gerade noch glaubte ich, der Reifenplatzer würde den ganzen Tag bestimmen, oder gar den ganzen Monat: Versicherungsabwicklung, unzählige Telefonate, Formulare ausfüllen, Streitfrage, Schuldfrage, zweisprachig alles, Restitution der Kaution.

Zurück im Atelier stehen wir zu viert vor dem kokelnden Feuer, das meinen Kaprizen nach gelöscht werden muss. Subito. Ricco, sein Helfer und Raffaella stehen zur Stelle. Ein Schlauch wird ausgerollt, schnell ist der kokelnde Haufen gelöscht. Vorerst. Denn kaum sind Ricco und Co weg, beginnt der Misthaufen von neuem vor sich hinzukokeln. Die Reifenmisere bestimmt den Mittag. Fammi vedere. Dové la gomma? Riccos Helfer wird mich morgen zum gommista begleiten. Ti costa settant´ Euro. Al minimo.

Montag Morgen zum Gommista eskortiert. Genau denselben Reifen bestellen bitte, sage ich dem Werkstattleiter, auch wenn er teurer ist. Die komplizierte Abwicklung mit dem Autoverleiher umgehe ich stillschweigend, indem ich das Auto hinten rechts neu bereife und fertig. Kostet mich ungleich weniger Energie und Mühen, als zahlreiche Telefonate zu führen, Formulare zweisprachig auszufüllen, von einer Polizeidienststelle bestätigen zu lassen und noch einmal nach Fiumicino zu fahren (auf Eigenkosten), um einen anderen Mietwagen anzunehmen, nachdem dieser hier abgeschleppt worden wäre. Das wäre das offizielle Prozedere gewesen. Lieber siebzig Euro zahlen für den neuen Reifen trotz Vollkaskoversicherung und eintauchen in die Lichtlandschaft Frosinone. Mietwagen in Italien? Nie wieder.

P.S.: Contemporaneamente ist so ziemlich das längste italienische Wort, das ich kenne. Gesprochen dehnt sich das Adjektiv unendlich in die Länge, einem vollständigen Satz gleich, wirkt wie ein Fremdkörper innerhalb der italienischen Sprache.

Regina Hilber

(Erinnerungsprosa an eine Sommerverlängerung)

Folge uns auffällig.