DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Das Magazin für freien Diskurs

GENDERFRAGMENTCHEN

Peter Hodinas Kommentar zu „Wie im Film!“*

Die gesamte Sprache – das hieße hier aber zunächst die deutsche – hinsichtlich alles Genderbetreffenden durchscannen, will manfrau die Genera nicht überhaupt abschaffen, was aber eine sehr weitreichende Umgestaltung der Sprache bis zur Unkenntlichkeit zur Folge hätte. Sie müsste in eine Art geschlechtslose Logik übergeführt werden. Die LogikerInnen wären jetzt gleich einmal zu befragen, ob ein solches Unternehmen denn überhaupt aussichtsreich wäre. Als Profis könnten sie das Projekt vielleicht über den Daumen peilen. Ansonsten kleinstückhaft gendern – so nach der Art: „Heimat bist du großer Töchter und Söhne“ – oder aber die gesamten Substantiva (diese zuerst, dann haben wir jedoch noch Verben wie „zeugen“, „gebären“, aber dann auch noch viele Adjektive wie „mütterlich“, „fraulich“, „kleidsam“, „stämmig“ oder gar „dämlich“, die höchststrittig sind) durchforsten und ihre genderspezifischen Valenzen mathematisch notieren, um ein System der Ausgewogenheit zwischen den Geschlechtern in Betreff der Wertsphäre herzustellen.

„DER Baum“ ist noch immer erfreulicher als „DIE Staude“. Aus „DEM Idioten“ das Pendant „DIE Idiotin“ als paritätische Paarentsprechung zu generieren, hilft der Frauenwelt nun auch nicht gerade moralisch auf. „DER Mond“ ist nun entschieden kleiner als „DIE Sonne“. Die fällt schwer ins Gewicht und rückt als großes weibliches Kapital vieles ins Gleichgewicht. „DER Tag“ ist wie gehabt rational, im Gegensatz zur (weiblichen) „Nacht“. „DIE Brennnessel“ ist gesund und hat drei N und zwei S. „DIE Riesendotterblume“ gleicht „DIE Stinkmorchel“ wieder aus. Um diese Valenzen wäre es zu tun und ihre Verknüpftheit mit statistisch zu ermittelnden Durchschnittsassoziationen im breiten Volk. Schimpfwörter sind mit Lobwörtern gegenzurechnen. „DER Weihrauch“ mit „DER Myrrhe“. Kämen wir so auf „DEN grünen Zweig“, indem wir „DIE leuchtenden Wiesen“ „DEN schweigenden Wäldern“ gegenüberstellen?

Ich habe insgesamt, es nun selber über den Daumen peilend, den Verdacht, dass die über Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende gewachsene Sprache von selbst schon hinsichtlich solcher Valenzen zwischen den Geschlechtern in toto relativ ausgewogen ist. – Dass Wörter einzeln „auszurotten“ wären, habe ich dabei noch nicht in Betracht ziehen wollen. Und die DichterInnen haben sich durch ihre persönlichen Aberrationen von den Regeln selber neue, vormals ungewöhnliche Valenzen kreieren können: so Georg Trakl „die Tödin“, um nur ein Beispiel zu nennen.

Peter Hodina / Salzburg

*Siehe Beitrag „Wie im Film!“ in LAVOIR ON TOUR mit Regina Hilber

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