DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

„Formen von Grün in der schwebenden Stunde zwischen fünf und sechs.“

Was ist die LAVOIR, wenn nicht ein Weblog?

Per definitionem ist ein Weblog ein öffentliches Online-Tagebuch im Internet mit persönlichem, aber nicht privaten Charakter. Wie im Editorial beschrieben, ist DIE LAVOIR [la’vu:ɐ], wie in Österreich seit Generationen „salopp“ gebräuchlich, ein Weblog für freien Diskurs. Bloß eine Waschschüssel? Von wegen. Eine LAVOIR [la’vu:ɐ] ist für uns weit mehr als das, ist praktisches Behältnis für Omas Feinwäsche, ist Notfallschüssel für Kotzanfälle und Auswürfe aller Art, ist Waschstelle für erdverkrustete Kinderfüße, ist Seifenbottich für Tante Fischis hauchzarte Seiden-Negligés, ist Salatwaschschüssel für die große Garten- oder Grillparty, ist Schnäuz- und Rotzabfallstation bei Liebeskummer. Die klassische Lavoir aus Emaille oder Keramik fand sich noch in den finsteren Schlafzimmern der Großeltern, wir kennen sie meist als nahezu unverwüstliches Plastikutensil.

Achtsamkeitssprech oder Mut zur Aussage? In dieser LAVOIR hat vieles Platz: Gedankliches, Freches, Gesellschaftskritisches, Persönliches, Diskursives. Wir wollen uns aber nicht bloß ausrotzen, sondern stets den Fokus nach vorne richten. LECHTS und RINKS, Schwarz oder Rot, klein und groß – DIE LAVOIR blickt darüber hinaus und sucht abseits dieser dualistischen Begriffspaare nach Anworten.

Warum zurück zum Rotz?Political correctness ist wichtig und gut – wir sind aber Schriftsteller bzw. Künstler und als solche politisch sensibilisierte Menschen, die abseits der Mundverbiegungen und Kniefallsanktionen Mut zum Rotz beweisen wollen. Sinn und Unsinn der sog. Korrektheit (ja, auch im Feuilleton) sowie Achtsamkeitssprech dürfen hinterfragt werden. DIE LAVOIR soll dazu als Plattform dienen.

Die immerselben Fragen bei Interviews während der Arbeit an meinem Buch Palas zum Beispiel  evozierten damals in mir ein starkes Verlangen nach widersprüchlichen Antworten. Entgegen meiner eigenen Intention wurde das Logbuch, ein literarisches Journal, vereinfacht als Tagebuch tituliert, dabei ist es viel mehr als das, möglicherweise aber auch viel weniger. Alle Textarten, die chronologischen Charakter haben, werden demnach automatisch als Tagebucheinträge definiert. Die britische Autorin Anne Lister (1791–1840) sagte, dass sie durch das Tagebuchschreiben das Leben doppelt erlebe. Das klingt nach einem sehr langwierigen und traurigen Prozess. Nichts möchte ich tatsächlich doppelt erleben. Nicht im Guten und nicht im Schlechten. Der Palas ist ein schriftgestelltes Arbeitsprodukt (Fact in Fiction und umgekehrt) und bleibt fokussiert auf topographische Aufzeichnungen, auf Lektürereaktionen, auf Begegnungen, die dann mal poetisch, mal publizistisch, mal rezensorisch, mal autobiografisch in einer Chronologie zusammenfinden, neben der poetischen Landvermessung der Region Oder-Spree. Es sortiert sich das Geröll vom Geroll. Bauchmetamorphose.

Komme ich in der Kollegenschaft auf Anne Lister zu sprechen, bleibt die Resonanz sehr bescheiden: Anne wer? Im englischsprachigen Raum als lesbische, Tagebuch schreibende Pionierin seit langem geachtet, wird ihr Werken und Wirken nun einem breiteren Publikum zugänglich gemacht: Seit 2019 flimmert Anne Listers Leben als TV-Serie Gentleman Jack über unsere Monitore und Flachbildschirme. In einem Wikipedia-Eintrag wird Listers Tagebuchumfang mit mehr als „vier Millionen Wörtern“ angegeben. Heute würde sie demnach zu den sehr eifrigen Bloggerinnen zählen.

Auch Peter Hodinas Philosophikum ist ein Weblog, ein Weblog, der fragmentarische, philosophisch-literarische Fundstücke und Gedankensplitter in loser Chronologie zusammenfasst.  

Und dennoch – für mich definiert sich das Bloggen auf der LAVOIR für diese Stunde wie folgt: „Formen von Grün in der schwebenden Stunde zwischen fünf und sechs.“ Für hier und heute mag diese Definition ihre Gültigkeit haben. Morgen wird es eine andere sein. Schreibt uns, welcher Leitsatz euch heute begleitet!

Regina Hilber

Folge uns auffällig.