DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Das Magazin für freien Diskurs

Flattern wie ein Schmetterling: VALENTIN kommt von Falter

Zum Valentinstag

Bologna Rot . Palazzo Monti

© Geza Gold (Bildrecht) 2019

Noch immer diese Aporie in Folge eines chemischen Prozesses. Darf es Liebe sein? Ja, es darf. Es darf der Hormoncocktail himmelblaue Morphofalter an die Wände drapieren.
Für alle, die der Liebe abgeschworen haben, oder sich unaufgeregt glücklich in einer langjährigen Beziehung betten – hier zur Ablenkung meine uneingeschränkte Liebe zu den sonnenbeschienenen Palazzo-Fassaden in Bologna – aus dem Buch Palas (Edition Art Science, 2018):


Liebesblind. Blind vor Liebe.

Von all meinen Lieben ist die Liebe zu Italien die beständigste. Für keinen Menschen konnte ich je diese bedingungslose Hingabe aufbringen. Kein Berlusconi, kein Giulio Andreotti, keine desaströsen Infrastrukturen im Süden, nicht das desolate Gesundheitswesen, nicht einmal die mafiösen Strukturen, die sich über das ganze Land ziehen, konnten diese Liebe bislang schmälern. Sobald ich das laute Klappern der dicken Espressotassen auf den Marmortresen in den Cafés höre, ist es um mich geschehen. Vergessen sind dann die schmierigen Italiener, die zwar in der Zwischenzeit rar geworden sind, die es aber immer noch gibt, vergessen sind die chaotischen Zustände in Roms Untergrundbahnen, vergessen sind all die Ticketautomaten, die entweder außer Dienst sind, oder keinen Geldschein, den man gerade dabei hat, annehmen, oder keine Münzen annehmen, oder keine Kartenzahlung zulassen, nachdem man mehr als eine halbe Stunde in der Schlange gestanden hatte, um an den Automaten zu kommen.  Dann trete ich entnervt die schmutzige Treppe hinauf auf die Piazza, höre das Knattern der unzähligen Vespas, die nur in Italien diesen Klang haben, während mir das Motorengeräusch der Mopeds in anderen Ländern in den Ohren schmerzt.

Gegen die Liebe sei kein Kraut gewachsen. Ich liebe die Aperitivo-Kultur in Norditalien, wie ich das spätnachmittägliche Augustlicht auf den Renaissancefassaden in Bologna und Ferrara liebe. Ich kann nicht anders, als das Zirpen der Zikaden anzubeten, wenn ich unter dem Laubengang eines Palazzos sitze und zum Beispiel auf die abgesenkte Piazza Ariostea in Ferrara  hinausblicke, während der schöne Terrazzo von Müll bedeckt ist. Der Duft der Pinien überdeckt den Gestank des Mülls, macht ihn unsichtbar. Kein Makel, der nicht von einer anderen Schönheit wieder aufgewogen wird.

Diese bedingungslose, nicht weiter hinterfragte Hingabe macht mir Angst. Wie kann ich über all die verheerenden Strukturen, die es in Italien gibt, hinwegsehen? Vielleicht  weil jede Liebe eine Anbetung ist an das rückgespiegelte Selbst.

Regina Hilber

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