DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Das Magazin für freien Diskurs

Was bisher kaum bis gar nicht über Quentin Tarantinos neuntes Filmwerk geschrieben wurde

Eine Ergänzung

Das Spiel mit den Innuendos und wie die Shoa umgeschrieben werden könnte

Once Upon a Time in Hollywood als reflexives Kinoereignis: Geprägt von Divergenzen und Polaritäten versucht der Meister des Trash-Movies eine Brücke zu schlagen zwischen dem Niedergang der alten Traumfabrik Hollywood und den neuen Tendenzen im allgemeinen gesellschaftlichen Diskurs, auch wenn der Film als Sechziger Jahre-Epos konzipiert ist. Einerseits fetischiert Tarantino ganz im Sinne des Male Gaze den männlichen Blick auf die Frau, kehrt ihn aber andererseits wieder um, indem er, den Auswirkungen der #MeToo-Debatte  entsprechend, die „neue Macht“ der weiblichen Akteurinnen aufzeigt. Aber, ein Märchen ist eben immer zu schön um wahr zu sein, der Titel nimmt es vorweg. Steckt der Teufel im Detail?

Der Zuschauer darf die einzelnen Puzzleteile, die Tarantino ausgestreut hat, aufspüren und sie aneinander passen. Innuendo folgt auf Innuendo. Daraus resultierende und konvergierende Rückschlüsse (weil viele Nebenstränge im Film leider nur angedeutet werden) machen den Filmgenuss zu Once Upon a Time in Hollywood an mancher Stelle zum Spießrutenlauf. Ein paar wenige dieser wichtigsten, weil heikelsten Parallelen bzw. der daraus resultierenden Ungereimtheiten möchte ich hier aufzeigen.  

Stuntman Cliff (klug zurückhaltend gespielt von Brad Pitt), soll seine Ehefrau auf hoher See auf der eigenen Yacht ermordet haben, deshalb ist er am Filmset nicht mehr erwünscht. Gemeint ist hier der reale Schauspieler Robert Wagner (89), der wie Stuntman Cliff in Once Upon in Time in Hollywood, für den Tod seiner Ehefrau verantwortlich sein soll.  Die berühmte Schauspielerin der 60er Jahre, Natalie Wood, war (1981) während eines Segelturns aus ungeklärten Umständen über Bord gegangen und konnte nur mehr tot geborgen werden. Robert Wagner wurde verdächtigt, aber nie angeklagt, der Tod von Natalie Wood bleibt bis heute ungeklärt.

Kein Close-Up für die Figur Polanski

Ein weiterer unaufgeklärter Justizfall schwebt über die gesamte Filmlänge von 2 1/2 Stunden über den makellos inszenierten Bildern, ganz einer Reklame gleich. Im Jahr 1977 soll Roman Polanski die damals 13-jährige Samantha Geimer am Pool von Jack Nicholsons Anwesen vergewaltigt haben (es gilt die Unschuldsvermutung). Während der Pool als Schauplatz in Tarantinos neuem Film eine nicht unwesentliche Rolle einnimmt, prangt vor der Villa der Filmfigur Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) ein riesiges Filmplakat auf dem der Darsteller Jack Nicholson im Großformat zu sehen ist. Es sind versteckte Hinweise wie diese, die Tarantinos Filme ein Mal mehr so sehenswert wie fragwürdig machen. Klare Stellungnahmen sind Tarantinos Sache nicht. Es bleibt ein Spiel der Innuendos und Implikationen.

Die stille Hauptfigur, der dieses Filmspektakel gewidmet ist, ist Sharon Tate, die im Sommer 1969 von der Manson-Bande am jenen Cielo Drive ermordet wurde. Sharon Tate war Roman Polanskis Ehefrau und hier schließt sich wieder der Kreis an gewollt verdeckten Hinweisen.

Es bleiben Wagners und Polanskis unaufgeklärte Vergehen auf jeder Bildminute kleben für denjenigen, der gewillt ist, einerseits Tarantinos Spuren zu folgen, anderseits sich zu fragen, warum der Filmmeister ausgerechnet Sharon Tate eine Hommage zukommen lässt, deren Ehemann später selbst zum vermeintlichen Täter wurde und seit mehr als vierzig Jahren auf der Flucht vor der amerikanischen Justiz ist. 

Margot Robbie mimt eine dümmlich wirkende Sharon Tate. Leider liegt das nicht an Margot Robbies schauspielerischen Fehlleistung, laut  Regieanweisung montiert Tarantino ein zum Erbrechen naiv herumhüpfendes Starlet am Wendepunkt ihrer beginnenden Karriere. Bleibt nur zu hoffen, dass diese Darstellung der wahren Sharon Tate nicht gerecht wird.

Neben der omnistrahlenden, unbeschwerten Margot Robbie alias Sharon Tate wird die Figur Roman Polanski ganz bewusst nie ausgeleuchtet, sein Gesicht ist bis auf eine einzige Szene nie zu sehen, die Kamera fängt Polanskis filmisches Konterfei stets nur von hinten oder seitlich, von einer undefinierten Haarwulst umwölkt, ein. Es ist als Statement des Regisseurs zu werten: Einerseits die obskure Vergewaltigungs-Geschichte, die Polanskis Leben seit Jahrzehnten überschattet, andererseits das Einläuten der neuen Ära im Hollywood der zu Ende gehenden 60er Jahre. Exemplarisch wird dieser Umbruch durch den noch jungen, überaus talentierten Neoregisseur aus Polen aufgezeigt.

Es war einmal in Hollywood

Männerbünde, rauchend, saufend, Faunen gleich. Der Produzent nennt sich Schwarz, nicht Schwartz, lässt er den ausrangierten Schauspieler wissen. Die zur Schau gestellte Wichtigkeit muss seine Legitimation in einem Buchstaben finden. Genau das will Tarantino in so kitschig wie eindringlich in Szene gesetzten Sequenzen dem Zuseher vermitteln: Das alte und das neue Hollywood am Wendepunkt, so wie auch Sharon Tate sich genau im Jahre 1969 am wichtigsten Wendepunkt ihrer beginnenden Karriere befand. Der Western hat im Film wie im Fernsehen in den USA ausgedient, die Altmeister der Schauspielriege dürfen noch einmal zum Schaulaufen antreten, wie jüngst die Supermodels der Neunziger Jahre auf der Chanel Modeschau zu Ehren von Karl Lagerfeld.

Zudem basiert Rick Daltons Charakter auf die Biografien der in Europa unbekannten Stars der 50er und beginnenden 60er Jahre wie Ty Hardin, Pete Duel und Edd Byrnes, um nur einige zu nennen. Aber gerade diese nicht enden wollenden Rückblicke, die Filmausschnitte des Films im Film machen Tarantinos neues Kinoereignis auf lange Strecken öde. Man kann die bis zum Ermüden repetitiv eingesetzten Reminiszenzen der glorreichen alten Zeiten sowohl als ehrfürchtige Hommage als auch als mitleidiges Abwinken deuten: die Altmeister, die ausgedient haben (oder nie solche geworden sind), sind dazu verdammt, sich selbst zu beweinen, weil die jüngeren Generationen sich ohnehin der Gegenwart und Zukunft zuwenden.

Tarantinos Leitmotiv „des Alten gegen das Neue“ sowie den einhergehenden Umbrüchen macht diesen Reigen an Andeutungen dennoch zum Kinovergnügen. Wie er das filmtechnisch inszeniert ist vielleicht in allzu grelle Bilder getaucht. Wo Tarantino drauf steht, ist eben auch Tarantino drin. So wird Cliffs Pitbul detailverliebt mit Dosenfutter der Marke Wolf´s Tooth gefüttert, die reißenden Wolfszähne sind auch die Nazis, die in weiteren Film- im Film-Ausschnitten immer wieder über die Großleinwand flitzen. Wie in Inglourious Basterds darf auch im jüngsten Tarantino-Film der Nazi-Basterd mit einem Flammenwerfer abgefackelt werden (abermals wird der rote, schwere Theatervorhang zur Seite gezogen). Recht so! Aber  klare Statements wie diese sind rar in Once upon a time in Hollywood.   

GIRLS GIRLS GIRLS

Es ist die Ära der Frauen, die Hollywood erobert, seit die #MeToo-Debatte folgewirksam misogynistische Mechanismen im Filmgeschäft verändern. Man denke z.B. an Reese Whiterspoons erfolgreiche Produktionsfirma  Hello Sunshine oder an die populäre Serie Big Little Lies, die mit einer TripleA-Schauspielerinnenriege aufwarten kann. Jener GIRLS-Reigen kann sich sehen lassen und erfährt in Once Upon a Time in Hollywood eine Fortsetzung als best of in Form der weiblich dominierten Hippie-Clique. Girls, Girls, Girls? Nein, Frauenpower!

Tarantinos Skepsis vor dieser Entwicklung ist im Film spürbar. Nur auf den ersten Blick werden die betörenden Mädchen als heißeste Versuchung seit der biblischen Eva (großartig lasziv interpretiert von Margot Qualley, Tochter von Andie McDowell) in der ambivalenten Verkörperung des verruchten und dennoch umwerfend natürlich wirkenden Hippie-Girls mit einer Prise Wilderness ins Spiel geführt. Pussy nennt Tarantino schlicht und provokant sein Lockvögelchen Nummer Eins. Die Hippie-Girls auf Spahn´s Film Ranch treten immer bedrohlicher als Rudel auf, ihr Leitwolf, nein, ihre Leitwölfin, wird verkörpert von keiner geringeren als Lena Dunham, Serienmacherin und Hauptdarstellerin von GIRLS (sic!). Zudem darf  die gesamte Tochternschaft Hollywoods jene Hippie-Girls darstellen, die als Protagonistinnen im Film kaum volljährig, später in der realen Filmwelt möglicherweise die Regeln bestimmen werden zu Ungunsten einer ewig gestrigen Männerschaft, zu der dann der Regisseur selbst zählen wird. Für diese polarisierenden Anspielungen zwischen den Zeilen muss man Quentin Tarantino einfach applaudieren!

Wohin wird das alles führen, fragt er sich insgeheim, lässt aber dennoch die aktuelle Tendenz zur geballten Frauenpower auf die Leinwand bannen. Ein kluger Schachzug. Das Alte gegen das aufstrebende Neue, die damit einhergehende Angst und Skepsis versus der Kraft des Wandels. Once Upon a Time in Hollywood ist  Tarantinos erster Film ohne den Filmmagnaten Harvey Weinstein als Geldgeber, der wohl am meisten über die #MeToo-Bewegung stolperte und noch diesen Herbst seinen Prozess erwartet.

Eine weitere Anspielung darauf, dass die Gefahr möglicherweise vom Mädchen selbst ausgeht, den GIRLS ausgeht, möchte ich unbedingt erwähnen. Samantha Geimer, vermeintliches Vergewaltigungsopfer von Roman Polanski hat 2013 ein Buch veröffentlicht über ihre Lebensgeschichte seit jenem Vorfall in Jack Nicholsons Haus. Titel des Buches: „The Girl“ (sic!). Man kann hier nicht von Zufall sprechen.

All die Fährten die Tarantino auslegt im neuen Film: Lena Dunham als Anführerin des Hippierudels, die Lena Dunham, die GIRLS geschrieben, produziert und dargestellt hat, Geimers Buch The Girl, die #MeToo-Debatte. Der Regisseur muss sich die Kritik gefallen lassen, dass sich aneinandergereihte Implikationen irgendwann tot laufen. Wer ist das Opfer, wer ist der Täter, oder evoziert gar das später als Opfer bezeichnete Individuum einen Täter? Tarantino weigert sich beharrlich, das Kind beim Namen zu nennen, oder soll dies ein weiterer versteckter Hinweis sein, ein Hinweis auf die alles korrumpierende sog. Political Correctness? Was darf gesagt werden, was nicht und wie frei muss die Kunst sein? Zu viele Fragen wirft der Film auf, Antworten bleibt der Regisseur ganz Hollywood-like schuldig. Wenn derart viele Saiten angezupft werden, wünscht man sich als Zuseher nur noch, es möge doch endlich ein klarer Ton erklingen.

Das Showdown als Persiflage in einer grandiosen Opfer-Täter-Umkehr

Das Beste kommt zum Schluss und es kommt unerwartet als Happy End. Dies bleibt leider Tarantinos einzige klare Stellungnahme im Film: Seht her, wir lassen uns nicht tatenlos abschlachten von einer wild gewordenen linken Hippie-Bande. Sharon Tate und ihre Freunde werden nicht von Mansons Soldatinnen ermordet wie in realitas, nein, die Geschichte wird anders geschrieben, sie wird genau so geschrieben, wie sie es verdient hätte und zwar gleich zweierlei komplett umgeschrieben.

Erstens: Die vermeintliche Manson-Bande orientiert sich wegen eines Zufalls kurz vor dem geplanten Mord in Polanskis Villa am Cielo Drive um. Man beschließt, statt dessen den arroganten TV-Star Rick Dalton in der Nachbarvilla zu erstechen. Es kommt zum Showdown, wie es in allen Tarantino-Filmen zum Showdown kommen muss, die Angegriffenen wehren sich nach Leibeskräften, drehen den Spieß um und schlachten alle Angreifer ab, bis auch das letzte Hippie-Girl von Rick Dalton persönlich mit genau jenem Flammenwerfer abgefackelt wird, mit dem er dazumal als Kino-Star seinen filmischen Widersacher, einen Nazi, abbrutzeln durfte. Gewalt evoziert Gewalt, wir haben das verstanden.

Aber es gibt noch einen zweiten Strang, der parallel im Showdown als Opfer-Täter-Umkehr läuft: Seht her, wir, die wir jüdischen Glaubens sind, oder die wir jüdische Namen tragen, lassen uns nicht mehr tatenlos abschlachten, sollte es jemals wieder Tendenzen zu einem zweiten Holocaust geben. Stellvertretend für die zweite und dritte Generation der Shoa-Überlebenden stellt diese Filmbotschaft klar, wir wehren uns nach Leibeskräften. Ein weiterer Völkermord, bei dem die ganze Welt zusieht, kommt nicht in Frage. Es bleibt eine Implikation. Wieder.  Warum über diese wichtige Aussage niemand schreibt in den Feuilletons?

Die naiv liebenswürdige, hochschwangere Sharon Tate darf leben und wird selbst Leben zur Welt bringen, Menschen jüdischer Herkunft oder jüdischen Glaubens wollen nicht mehr das Erbe des Opferstigmas vor sich hertragen. Am Ende schließt sich auch hier das Leitmotiv von Alt versus Neu. Es war einmal und wird nie wieder passieren. Wie wohltuend, wenn nicht wie jüngst in Österreich im Rahmen der Ibiza-Affäre eine Täter-Opfer-Umkehr stattfindet, sondern sich Opfer von ihrem Stigma befreien und signalisieren, wir sind wachsam, wir haben Mittel uns zur Wehr zu setzen. Vielleicht ist dieser parallele Strang des Showdowns als Hinweis zu lesen für Tarantinos zehnten (und letzten) Film, der noch folgen wird.

Der gute, harte Kerl

Herausragend bleibt die Darstellungskraft der Margot Qualley als Pussy. Wie keine der anderen DarstellerInnen bleibt ihre Performance im Gedächtnis. Leonardo DiCaprios Figur Rick Dalton wird leider Opfer des gewollten over actings, DiCaprio wird es verschmerzen. Brad Pitt jedoch läuft zu Höchstform auf als Cliff, der ehrliche Good Guy trotz Schlägerambitionen. Er verkörpert, in die heutige Zeit transferiert, den klassischen republikanischen Wähler, den Trump-Wähler: ein einfacher, guter, aber harter Kerl mit handfesten Werten wie ihn z.B. Michael Kimmel in Angry White Men beschreibt. Auch diese Spezies Mann wird möglicherweise bald Geschichte sein. Wie haben dies Studentinnen unlängst in einer Gegenveranstaltung proklamiert gegen den wegen Patriarchats und Misogynie kritisierten Philosophiestar Slavoj Žižek und Universitätsrektor Robert Pfaller: ihr seid alt und werdet nicht mehr sehr lange das Feld besetzen, das wir zu beackern bereit stehen. Eine Direktheit, ganz gegen die omni- grassierende Political Correctness. Ob Statements wie diese zum Erfolg führen werden?

Regina Hilber

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