DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Das Magazin für freien Diskurs

Das Suchtpotential der TV-Serien

Drogen = Gefahr

Seit dem vorigen Herbst begleiten uns die Warnschilder „Drogen = Gefahr“ an Österreichs Autobahnen als Infokampagne, initiiert von Verkehrsminister Norbert Hofer und Innenminister Herbert Kickl. Da ich weder synthetische Substanzen (MDMA, LSD etc.), Cannabis, Alkohol oder ähnliches, ja nicht einmal Kaffee oder Zigaretten konsumiere, ist dieses Warnschild in meinem Fall obsolet. Bei  jedem weiteren, an mir vorbeiziehenden Warnschild Drogen = Gefahr, denke ich erneut angestrengt darüber nach, welche Drogen ich dennoch konsumiere. 

Übermäßiger Zuckerkonsum fällt mir da ein, aber selbst diesem Laster habe ich, vor allem in Kombination mit Fetten wie Schlagobers, so gut es geht (Ausnahmen bestätigen die Regel), abgeschworen. Den Salzkonsum habe ich gleichzeitig mit eingedämmt, bleibt also wirklich nicht mehr viel an drogenähnlichen Substanzen übrig, die mein Leben und das der anderen gefährden könnten. Geschlechtsverkehr wäre da noch zu nennen als Suchtmittel bzw. Surrogat, aber seit sich Sexsucht und Promiskuität als veritable Aufhänger in beinahe jeder zweiten TV-Serie (von Men, This is us bis Transparent) als ernst zu nehmende Volkskrankheit etabliert hat, weigere ich mich hartnäckig auch nur darüber nachzudenken, ob Menschen die Sex praktizieren (während andere offensichtlich keinen Sex haben) als sexsüchtig abzustempeln sind.

Wie gut, dass mir da doch noch eine ernst zu nehmende Drogengefahr einfällt:  das übermäßige Konsumieren von TV-Serien.

Na bitte – ICH BIN SÜCHTIG!

Seit wirklich gute bis außergewöhnlich gute TV-Serien aus dem Boden sprießen wie die Leberblümchen dieser Tage in der Märzsonne, und dabei eine Serie nach der anderen mit noch ausgefeilterem Suspense oder Storytelling besticht und gleichzeitig besser ausgestattet ist als die vorige, muss ich eingestehen: ich bin süchtig. Nach immer neuen Geschichten, nach genialen Dialogen, nach tiefenbeleuchteten Charakteren, nach zur Höchstform auflaufenden Darstellern (warum spielen die plötzlich viel besser als in Kinofilmen?), nach dramaturgischen Meisterleistungen, nach dem Kitzel beim Sichten des Pilots.   

Musste eingefleischter Serienfan noch vor einigen Jahren eine ganze Woche lang auf den nächsten Ausstrahlungstermin warten, so sauge ich, dem (unerlaubten) Streaming bzw. Serienanbietern wie Amazon & Co sei Dank, schon mal vier Folgen einer Staffel hintereinander in mich auf an düsteren, nasskalten Wintertagen, oder als Kompensationsbooster an elenden Nachmittagen, an denen einfach nichts mehr geht, weil der Geschirrspüler aus heiterem Himmel seinen Dienst verweigert.

Hier in aller Kürze meine persönlichen Highlights der Serienlandschaft, allen voran House of cards (Netflix) mit seinem enormenSuchtpotential. Allerdings erfordert die herausfordernd dialoglastige Intrigenhölle rund um die Machtverhältnisse in Washington D.C. und natürlich darüber hinaus, beim Zusehen volle Konzentration. Nicht vor dem Einschlafen konsumieren, da man nach einem einzigen Sekundenschlaf der Geschichte nicht mehr folgen kann! In der 6. und letzten Staffel muss Claire Underwood (dargestellt von einer großartigen Robin Wright) ohne Francis (Kevin Spacey) auskommen. Ich werde die Underwoods vermissen.

Volle Konzentration und paralleles Googeln am Handy, um die politischen Zusammenhänge sowie für uns unbekannte Persönlichkeiten besser einordnen zu können, erfordert auch die Serie The Honourable Woman mit Maggie Gyllenhaal als Nessa Stein in der Hauptrolle. Die Serie kann als nobler Versuch verstanden werden, den Nahostkonflikt und ewigen Brandherd Palästina versus Israel aus der Perspektive eines britisch-jüdischen Geschwisterpaars zu beleuchten. Allerdings kränkelt die Serie an der ein oder anderen Stelle an dramaturgischen Schwächen, die wiederum zu Lasten der Authentizität gehen.      

Der nun zu Ende gehende Winter bescherte mir die 3. Staffel von Fargo (Netflix), die Serie der genial schrägen Coen-Brüder, die nach dem gleichnamigen Kinohit aus dem Jahr 1996 als Spin-Off konzipiert wurde. Für den fabelhaften Plot der TV-Serie Fargo zeichnet sich Noah Hawley verantwortlich. Die schneebedeckten Landschaften Minnesotas mit so klingenden Stadtnamen wie Bemidji und Duluth animieren mich jedoch ausschließlich in der kalten Jahreszeit. Ganz in der Nähe der Grenzstadt Fargo liegt das Städtchen Hawley. Ob es da einen Zusammenhang gibt mit dem Schreiber der Serie, Noah Hawley? Bleibt noch abzuwarten, ob es eine 4. blutrünstige Staffel geben wird.

Macht aber nichts, in der Zwischenzeit ist ohnehin der Frühling angebrochen bei mir mit der Anthologieserie The Romanoffs (Amazon Video), einer weiteren epischen Serie aus der Feder von Matthew Weiner (Mad Men, Sopranos). Das Geniale an The Romanoffs ist, dass die Anthologieserie nicht wie im Vorspann absichtlich irreführend angedeutet, die Ermordung der Zarenfamilie beleuchtet, sondern alle Episoden (jeweils mit neuem Cast und Set in Spielfilmlänge) ganz in der Gegenwart angesiedelt sind. Für Liebhaber zeitgeistiger und langsam erzählter Geschichten ist diese Serie ein absolutes Muss. Suchtpotential kommt bei einer Anthologieserie nicht auf, aber die ausgeklügelten Plots der einzelnen Episoden kommen jeweils wie ein gelungener Kinofilm daher. Matthew Weiner schafft mit The Romanoffs, was auch Noah Hawley mit Fargo geschafft hat: ein lupenreines Storytelling das Spaß macht und trotzdem Raum lässt für all die Bögen und Übergänge dazwischen. Wird bei Fargo durchwegs das amerikanische Proletariat in den Weiten Minnesotas und North Dakotas mit jeder Menge Suspense bespielt, so ist es bei Weiner vorwiegend die Upperclass, die er an beinahe allen Kontinenten verortet.  Selbst Österreich darf hier als Schauplatz natürlich nicht fehlen (Folge 3)!

Mit I LOVE DICK und Transparent beschert uns Jill Soloway gleich zwei kluge und witzige Serienhighlights. Selten genug darf ein intellektuelles Künstlerpaar die Hauptrollen übernehmen. Mit der Serienadaption des Erfolgsbuchs I LOVE DICK von Chris Kraus gelingt Jill Soloway für Amazon Video ein rares Kunststück, vielleicht auch deshalb, weil sie Schwachstellen der Buchvorlage virtuos umschifft und stringent den Gesetzmäßigkeiten einer TV-Serie folgt. Grandios gespielt von Kathryn Hahn als chaotisch neurotische Chris Kraus (sie übernimmt auch eine Rolle in Transparent) und Griffin Dunne als deren Ehemann Sylvère.

Weniger überzeugend sind die Miniserien Camping von Girls-Macherin Lena Dunham und Jenni Konner für HBO und Fleabag (für BBC Three in Kooperation mit Amazon Video) vom britischen Dunham-Pendant Phoebe Waller-Bridge. Während die Camping-Chose rund um die nervige selbstkontrollierte Hauptprotagonistin Kathryn (leider zu Tode gespielt von Jennifer Garner – die alterslos gebliebene Juliette Lewis spielt dagegen alle Darsteller an die Wand) nicht mehr als ein paar echte Lacher im zweiteiligen Showdown aufwarten kann, ist die Rolle der Fleabag nicht rotzig genug, um als solche durchzugehen. Promiskuität und Perspektivlosigkeit allein machen eben noch kein wahres Miststück aus und entlockt mir daher allenfalls ein preußisches Hurra.

Was sich Regisseurin Jenni Konner wie Darstellerin Jennifer Garner dabei gedacht haben, Nervensäge Kathryn in Camping wie ein Insekt in Turnschuhen und überdimensionalen (imaginären) vollgekackten Windeln über den Waldweg staksen zu lassen, wird mir für immer verborgen bleiben. Er bleibt wohl ewig als der seltsamste „Spinnengang“ in Erinnerung, der jemals über einen TV-Bildschirm flimmern musste.

To be continued!

Regina Hilber

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