DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

DOPO PRANZO

Arbeitsstunde in Triest

Regina Hilber © Bildrecht, Wien 2021

Liebe ist da, wo Süden ist: Formen von Intensitäten in der flirrenden Stunde zwischen eins und vier. Dopo pranzo heißt Stille, Licht und Hitze, Auszeit. Wo gelingt das besser als an der Barcola, dem Flanier- und Sonnenbadstreifen zwischen dem Porto Vecchio und Castello di Miramare. Es ist dieses Licht die schönste Form von Intensität in der Stunde nach Mittag. In ihm kommt alles zur Ruhe, während die besten Gedanken zum Essay auf Wanderschaft gehen, Narcissus und Musik, ein neuer Text wächst in dieses Licht hinein. Oder ist es umgekehrt? Das Licht wächst in den Text hinein? Notiz am Rande. Den Alltag geleitet zu den Gleisen, Abfahrtsbahnhof und Zielbahnhof obsolet.

Gerade wurde die alte Bahnstrecke, sie verkehrte schon zu K. u. K. – Zeiten, wieder neu reaktiviert: Wien – Graz – Maribor – Ljubljana – Trieste. Fahrzeit: ca. 9 Stunden. In der hitzigen Bahnhofshalle an der Stazione Centrale wartet die internationale Delegation aus Österreich, Slowenien und Triest unter widrigen Umständen: Keine Klimaanlage am Bahnhof und ein feierlich in Wien abgeschickter Reisezug mit 85 Minuten Verspätung. Eine Peinlichkeit, die sich die drei beteiligten Länder gerecht aufteilen dürfen.

Die dichteste Arbeitsstunde, ergiebig und kreativ, setzt sich da in Gang, wo der Rest der Stadt sich zur Ruhe setzt, die Gassen leer bleiben und die meisten Läden bis 16:00 schließen, die Zeitschriftenhändler ziehen die Rolläden herunter an ihren winzigen Buden, die Banken machen dicht, der Metzger, die Bäckereien und Pasticcerie. Tutto chiuso. Weiter im Süden, unterhalb von Rom, bleiben die Läden wegen der Sommerhitze sogar bis 17:00 geschlossen. Die „Leerstunde“ dopo pranzo kann sich ganz schön in die Länge ziehen, sie will eingeplant sein im Alltag.

Aber noch ist hier dopo pranzo (nach Mittag), das Licht bleibt ein Licht, konstant ein Begleiter. Dieser goldene Glow auf dem Gesicht, später wird er in die Stadt getragen, herumgetragen zwischen Piazza Cavana und der kleinen Anhöhe in der Piazza del Barbacan, dem schönsten Fleck der Stadt. Geht noch ein zweiter Capo in B, ein Mini-Cappuccino im kleinen Gläschen auf Keramikuntertasse, wie er zwischen dem Friaul und der Emilia-Romagna serviert wird. Der unverkennbare Glow als Verlängerung des dopo pranzo, macht nicht nur die Piazza Unitá noch ein wenig heller. Das Arbeitsheft geht mit, hat gute Dienste geleistet. Ob J. J. Winckelmann, Johann Gottfried Seume, Goethe, oder Roger Willemsen: sie alle suchten das Licht, dieses flirrende, goldene Licht dopo pranzo, das es nur in Italien gibt.

Regina Hilber

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