DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Die Sitcom hat ausgedient

Warum die klassische Sitcom aus der Flimmerkiste längst ausgedient hat

Regina Hilber, Bildrecht Wien 2021

Eine Streaming-Starthilfe von Regina Hilber

Der König ist tot, es lebe der neue König! Wie zutreffend auf die Entwicklung der zeitgenössischen Serienproduktion und dem Ende des Volkssports Fernsehen mit seinen öden Sitcoms und trägen SOKOS der gesamtdeutschsprachigen Landkarte. Das klassische TV-Format ist tot. Punktum. Der tote König wird begraben, ein neuer auf den Thron gesetzt. Sein Name lautet: Serienstreaming. Beiname: Binge Watching. Willkommen im Serienkonsum des 21. Jahrhunderts mitsamt seinem fies grandiosen Suchtpotenzial.    

Wer dennoch den alten König (das klassische Fernsehen mit seinen stringenten Sendezeiten und billigst produzierten Vorabendserien) beklatscht, hinkt der Tendenz nicht nur weit hinterher, sondern steckt fest in einer Vergangenheit. Schnee von gestern.

Mit den neuen digitalen Innovationen mitzuhalten ist nicht immer einfach, ganz im Gegenteil, it´s bloody hard for not just some of us. Tempo wie Trends verlangen uns Wendigkeit ab, Zeit & Energie sowie Mut zur eigenen Transformation. Wer stehenbleibt, wird nicht nur überholt, sondern überrollt. As simple as that. Mit der jahrzehntelang erprobten TV-Nutzung verhält es sich ebenso: Hier fand vor geraumer Zeit eine nachhaltige Verschiebung statt. Die Qualität der Serien hat sich damit extrem verbessert. Ein echter Zugewinn und eine positive Entwicklung, die nach den Unkenrufen über das gelenkte Downgrading der bisherigen TV-Formate längst überfällig war.  

Serienverweigerer (seit der Impfdebatte gibt es keine Kritiker oder Zweifler mehr, macht uns der mediale Diskurs vor, sondern nur noch Verweigerer und alle schlucken brav diese Feinjustierung) haben eines gemein: Sie üben sich in Unkenntnis, verwechseln häufig die zeitgenössischen, großartig produzierten und inszenierten Serienproduktionen mit herkömmlichen Sitcoms oder Vorabendserienmüll der Neunziger und Nuller Jahre. Beides ist fatal, denn einmal in den dichten Seriendschungel eingetaucht, will man nicht mehr zurück an die Fernbedienung um sich durch das staatliche oder Satelliten TV-Programm mit seinen ärgerlichen Produktplatzierungen durchzuzappen. Es hat sich ausgezappt. Eine Erlösung. Allerdings ist die Auswahl an Serien mit ihren unterschiedlichsten Genres, Thematiken und Produktionsarten so überwältigend riesig, dass ein Scout als Starthilfe sinnvoll ist. Serienrezensionen helfen, den Wald ein wenig zu lichten, und sind bereits fixer Bestandteil in den Feuilletons. Sie werden präzise besprochen wie Buchneuerscheinungen und helfen uns dabei ganz up to date dem Mainstream (und darüber hinaus) beizuwohnen.  

Das Serienstreaming bietet nicht nur eine schier unendliche Auswahl an Unterhaltung, Betörung, Betäubung oder Wissenserweiterung, der Zuseher hat zudem die Option, aus einem sehr niveauvollen und vor allem zeitgenössischen Pool zu schöpfen, den das Fernsehen schlicht nicht (mehr) bieten kann. Einziges Manko: Noch gibt es keine allumfassende Streaming-Plattform oder Tool, über welches alle Serien gestreamt werden können. Bislang sind Zuseher darauf angewiesen, mehrere Streaming-Anbieter zu abonnieren, um aus einem größeren Serienpool auswählen zu können.

Mein Anspruch als Autorin wie mein persönlicher Fokus geben es vor: Ich spreche innerhalb meiner Rezensionen ausschließlich von anspruchsvollen wie intellektuellen bzw. intelligenten Serien, oder solchen, die genaue und kluge Milieustudien wiedergeben. Über Manga-Serien, Science-Fiction, Sitcoms oder seichte Arzt-Serien mögen andere referieren. Was kann schöner sein als geschliffene Dialoge (House of Cards[1]) oder episch erzählte Stränge (großartige Sozialstudie The Wire[2]) in gut gemachten Produktionen zu entschlüsseln? Was Quentin Tarantino in seinen Filmen vorgegeben hat, haben Serienmacher (inkl. Team im Writersroom) übernommen: Innuendo folgt auf Innuendo. Es macht Spaß, den zahlreich eingeflochtenen Rätseln auf die Spur zu kommen.

Mit den qualitativ hochrangigen Serien fällt die Ära des Kinos

Stichwort: Fortsetzung folgt

Längst hat nicht nur die Fernsehbranche das enorme Potential der zuschauerfreundlicheren Konsumationsform des Streamens für sich entdeckt. Die hypernarzisstische Gesellschaft, die Ich-AGs, die Mini-Me´s – sie alle wollen bedient werden in ihrem individuell gestalteten Schauvergnügen (at any time & at any place) und finanzkräftige Riesen wie Amazon oder Disney sind rechtzeitig aufgesprungen auf den Hype, der mittlerweile eine Konstante bildet.  

Serien schaffen, was Kinofilme nicht können: Sie binden den Zuseher nicht nur für ein neunzigminütiges Ereignis mit etwas Popcorn und Coca Cola in einem muffig riechenden Kinosaal mit zu laut eingestelltem Dolby Surround System – Seriendramaturgien sind flexibel in jede nur erdenkliche Richtung und lassen sich fortsetzen. In dieser Fortsetzung schlummert das Suchtpotential. Wir sind angefixt. Auf weit höheren Standards als das bisher der Fall war. Was kann schöner anzusehen sein als ein richtig fieser Cliffhanger am Ende einer Staffel und gleichzeitig die ultimative Bindung evozieren? We will be back! Die heutigen Serienmacher haben das begriffen: Man nehme die Zutaten für einen erfolgversprechenden, teuer produzierten Film wie großartige Sets, erstklassige Schauspieler, aufwendige Ausstattung and so on und engagiere eine gefragte Seriendrehbuchgröße samt Team. Die Coen-Brüder haben es mit Fargo[3] vorgemacht. Joel und Ethan Coen hatten den Kinohit aus dem Jahre 1996 neu adaptieren lassen und als vierstaffelige Serie herausgebracht. Mit in die verschneiten Weiten Minnesotas hatten sie den begnadeten Drehbuchautor Noah Hawley geholt. Ergebnis: Eine Trashserie at it´s best. Näheres dazu weiter unten.   

Immer up do date

Vorbei auch die Zeit, in der renommierte Schauspielstars ein Serienengagement mieden wie der Teufel das Weihwasser. Heute verhält es sich genau anders herum: Wer als weltberühmter Kinostar noch keine Hauptrolle in einer Serie ergattern konnte, hat fast schon ausgedient. Die internationale Schauspielriege steht mittlerweile Schlange vor den Produzententüren. Das große Geschäft hat sich weg vom Film, hin zur Serienlandschaft gewendet. Spätestens seit dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 ist diese Tendenz nicht mehr aufzuhalten. Die Ära der Kinos ist Geschichte, die langanhaltende Corona-Pandemie hat diese Entwicklung maßgeblich verstärkt. Kein Kamel geht zurück durchs Nadelöhr. Geschichten lassen sich im besten Fall als Serie genauer, subtiler, tiefgründiger und vielschichtiger abbilden als ein Kinofilm und sie reagieren schnell auf aktuelle gesellschaftspolitische Tendenzen, womit wir beim nächsten Thema sind:   

Wie Pandemie-Dystopien Einzug gehalten haben in die Dramaturgien der Serienwelt, lange bevor Corona der Welt den Teilstillstand brachte

Wer sich weiterhin dem leidigen Virus-Thema widmen möchte, findet sich mit folgenden Serien in der Corona-Gegenwart bestens eingebettet. Pandemie-Dystopien und Utopien in Serienform werden seit mehr als einem Jahrzehnt produziert. Auch das ein Beweis, dass Covid absolut niemanden überrascht hat, auch wenn die Regierungsrhetorik genau das Gegenteil vorgibt seit beinahe zwei Jahren. Von der deutsch/dänischen Pandemie-Serie Sløborn [4]bis zur italienischen Dystopie Anna[5], oder der dänischen Serie The Rain [6] (die Produktion startete bereits 2018) – böse Viren dienen seit einigen Jahren als Sujet für Katastrophen-Serien und Science Fiction-Abhandlungen. In 12 Monkeys[7] (entstanden 2015) soll ein Expertenteam aus der Zukunft den tödlichen Virus zurück in der Gegenwart verhindern. Seien diese Serien noch so populär, meinen Geschmack bzw. Anspruch treffen diese Produktionen nicht.   

Corona at its finest

So wie Wissenschaftler weltweit seit vielen Jahren vor einer kommenden Pandemie (erfolglos) gewarnt haben, hat die aktuelle Coronawelle mehr und mehr Einzug gehalten in die Dramaturgien der Serienwelt: Ob in der heiß ersehnten zweiten (und wahrscheinlich letzten) Staffel von The Morning Show[8], am Staffelbeginn des Sex and the City[9]-Nachfolgers And Just Like That[10], im beklemmenden, starren Hipster-Kammerspiel Master of None[11], oder in der fünften Staffel von Billions[12] sowie in der neuen Serie von Szenen einer Ehe[13] – sie alle haben Corona bzw. seine Auswirkungen mit in die Dramaturgie geschrieben bekommen.

Für diese TV-Serien brauchen Sie keine Schlechtwetterausrede

Triggerwarnungen bleiben explizit ausgespart

Apropo Schnee von gestern: Die Serie Fargo bietet jede Menge vom winterlichen Weiß.

Die brutal/schräge Geschichte der Coen-Brüder wurde nach dem gleichnamigen Kinohit aus dem Jahr 1996 als Spin-Off konzipiert. Für den fabelhaften Plot der Serie Fargo zeichnet sich allerdings Noah Hawley verantwortlich. Die Story ist gespickt mit Innuendos, die bis zurück zu den ethnischen Konflikten in der Ukraine führen. Die schneebedeckten Landschaften Minnesotas mit so klingenden Stadtnamen wie Bemidji und Duluth animieren mich ausschließlich in der kalten Jahreszeit. Ganz in der Nähe der Grenzstadt Fargo liegt das Städtchen Hawley. Ob es da einen Zusammenhang gibt mit dem Schreiber der Serie, Noah Hawley? Bleibt noch abzuwarten, wie die aktuelle vierte blutrünstige Staffel ausgehen wird.

Viel Schnee hat auch die italienische Serie Rocco Schiavone[14] zu bieten. Der abgehalfterte Ermittler Schiavone, von Rom in das kalte und triste Aostatal zwangstransferiert, darf Fargo-ähnliche Verbrechen aufdecken. Die norditalienische Antwort auf das US-Schneegemetzel und die passende Abendserie für lange, kalte Tage zwischen Feierlichkeit eins und Feierlichkeit zwei. Ganz ohne komplexe Dialoge – versprochen!

To be continued. Das nächste Mal mit Neuigkeiten aus der Welt der Anthologie- bzw. Mini-Serienlandschaft.   


[1] US-Version von Beau Willimon für Netflix

[2] David Simon für HBO

[3] Erweiterte Film-Adaption von Noah Hawley für Netflix (ursprünglich für FX Network)

[4] Deutsch/dänische Serie von Christian Alvart für ZDF Mediathek

[5] Italienische Serie nach der Romanvorlage von Niccolò Ammaniti für Sky Italia

[6] Jannik Tai Mosholt für Netflix

[7] Terry Matalas und Travis Fickett für Syfy

[8] Nach dem Roman von Brian Stelter; Adaption für die Serie: Jay Carson für Apple TV

[9] Die Mutterserie aller heutigen Serien aus den 90er Jahren von Darren Star (nach der Buchvorlage von Candace Bushnell) für HBO

[10] Ganz aktuell hierzulande angelaufen, Micheal Patrick King für HBO

[11] Die bemüht politisch korrekt besetzte Hipsterserie von und mit Aziz Ansari für Netflix

[12] Nach einer Idee von Brian Koppelman für Showtime

[13] Neuadaption der 1973 entstandenen Abbildung einer Ehe (damals von Ingmar Bergman bzw. neu von Hagai Levi für HBO als Scenes From a Marriage)

[14] Nach den Buchvorlagen von Antonio Manzini für Rai Play

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