DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Der Sommer ein nie enden wollender Lichtraum

Goldgeben im Weinviertel  

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Süß war der Geruch des Weinviertels. Immer und überall. Sanft stieg die Straße zum Brunnberg über den Wagram hinauf. Unterhalb der Wagramkante die kleinen Weingärten. Rot leuchteten die Paradeiser in der Pflanzsteige, Zucchini und Kürbisblüten bis zum Wassergraben hinunter. Süß Schalotten, Zwiebel, Lauch. Geordnet im Beet.

Süßlich waren die Ausdünstungen der Hausfrauen, die in ihren Kleiderschürzen aus Polyester im stickig heißen Bus schwitzten, wenn sie kurz vor Mittags  nach Goldgeben zurück fuhren. Mit ihren Einkäufen vom Wochenmarkt am Stadtplatz Stockerau. Süß drang der Dunst aus Großmutters Küche und süß strömte es aus dem Vorratsschrank im langen Hausflur entgegen. Aus dem Vorratsschrank aus Nussfurnier, den Großvater gezimmert hatte. Stets verschlossen war der Vorratsschrank, Großmutters Schatzrevier. Süß roch es im winzigen Greislerladen hinter der Kapelle. Der Lattenboden, die Holzkiste am Wandregal, in dem die Semmeln und Kipferln sich häuften, die Kranzlwurst, alles ergab sich demselben Duft. Bensdorp Riegel, Rollen Manner Schoko Kekse, säuberlich aufgereiht in schmalen Schachteln.

Süßlich schmeckten die Erdäpfel, die Rüben, der Häuplsalat, den Großmutter zuckerte. Lang und lau waren die Abende im großelterlichen Garten, Dahlien und Hortensien. Kurz waren die Sommerregen, lautlos beinahe und warm.  Der Sommer ein nie enden wollender Lichtraum. Aber auch unbewältigte Vergangenheit. Ein latenter Schatten zog sich endlos die Wagramkante entlang. Der zweite Weltkrieg war in den Köpfen der Großeltern noch allgegenwärtig. Oder das, was durch Krieg und Besatzungszeit geblieben war. Immer und überall. Wunden wurden aufgezählt und Narben gezeigt. Aufgeräumt mit Verfehlungen und Versäumnissen wurde nicht. Im Aufzählen der

Kriegsgräuel und Entbehrungen lag gleichzeitig das Schweigen über die Ursachen zu diesem Krieg. Das Schweigen über den Nationalsozialismus. Jeder verstand sich als Opfer. Hinterher. Die Generation der Nachkriegskinder gründete früh eigene Familien, um den Traumata in den Elternhäusern zu entkommen.  

Eine Rückschau 1976:

Die Prilblumen an den Küchenkästen, an den Fliesen im Bad, eins, zwei, drei schräg hinauf über der Badewanne. Kaufen wir eine neue Flasche Pril, im Greislerladen hinter der Kapelle. Gelb oder blau. Die Prilblume auf Tassos Hundenapf, auf dem kleinen Spiegel über der Küchenspüle, wo Großvater morgens sein dünnes Haar kämmt. Er weiß nichts von den Prilblumen im Bad. Das Bad fensterlos und  muffig. Bring Großvater den Napf. Hol Großvater zum Essen. Geht Großvater schon wieder zum Greisler, mit leeren Bierflaschen im Werkstattmantel. Geh Glockenläuten mit dem Großvater, zwölf und sechs, in der Kapelle gegenüber. Häng dich an das dicke Seil. Großvaters dünne Beine baumeln in seiner viel zu großen blauen Werkstatthose, baumeln mit dem Seil im Takt. Zwölf und sechs am Abend. Das Seil flutscht nach oben. Halte das Seil immer fest, sagt Großvater. Seine weit gespreizten Finger am zappelnden Tau. Zwischen den mageren Handgelenken und den weiten Ärmeln des Blaumanns klafft ein ganzes Leben, das lange schon vorbei ist. Großvater ist Mitte Fünfzig.

Orientiere dich am Getreidesilo, mahnt die Großmutter. Ein grau gestrichener Wolkenkratzer in der weiten Ebene. Das Kind fliegt über die Felder, fliegt über das Ackermeer und frisch asphaltierte Gassen. Nach Schmida, Zaina, Hausleiten. In den Dörfern ein Haus an das andere gereiht. Geschlossen aneinander. Ebenerdig mit Dachtraufe zur Gasse hin. Riesige Tore. Die Traktoren bringen Mais und Erdäpfel. Der Ruf der Tauben vom Freihof Burian. Hoch oben in den Fichten sitzen sie. In Hausleiten die Kellergasse hinauf auf den Wagram. Fliegt über Kukuruz und Sonnenblumen. Mit dem Fahrrad. Fliegt es die holprige Feldstraße zum Brunnberg hinüber und wieder hinunter nach Goldgeben. Es zählt die Häuser. Es zählt die Kirschbäume und Eichen im Dorf, die Erdäpfel, die am Feldrand liegengeblieben sind nach der Ernte. Zählen hat es gelernt. Vom Großvater. Es horcht das Dröhnen der Mähdrescher, das metallische Scheppern, wenn das Stahlgitter der Autowerkstatt ins Schloss fällt. Vom Eichentor des Weinlinger Bauern ein dumpfes Klappern. Das haushohe Tor wackelt und zittert lange nach, wenn es von unsichtbarer Hand von der Hofseite geschlossen wird, nachdem der Traktor eingefahren ist.  Es horcht den Hund des Pfeiffer Rudi, der hinter dem Lattenzaun verborgen hechelt und die lauernde Stille für jeden hörbar nichts Gutes verheißt. Die Ansböck Bäurin im blaugeblümten Schürzenkleid. Mit Reißverschluss vom Ausschnitt bis zum Saum. Die Lederer mit Kopftuch. Die Poisinger auch. Vorne unter dem Kinn geknotet. Das Kind tankt den Sommer. Packt die Sonne fest und fliegt davon.

Pass auf, sagt die Großmutter. Die Cernytochter haben sie abgeholt. Deren Bruder auch. Die Katzenaugen müssten operiert werden. Zurückgebracht hat man sie nie wieder. Pass auf, sagt die Großmutter und schneidet die Fisolen in daumenbreite Stücke. Aus Zichorie haben wir Kaffeepulver gemacht. Sonntags ein halber Löffel Zucker pro Kanne. Die Suppe war eine Suppe der Suppe vom vorvorigen Tag. Grau waren Suppe und Brot, wenn es welches gab. Der Poldi hatte vom Acker zwei Rüben gestohlen. Erschlagen haben sie ihn, gleich an Ort und Stelle. Großmutter deutet mit dem Messer in der Hand Richtung Wagram hinauf. Sie zeigt dem Kind die Narben. Auf dem Daumen, am Oberarm, am Nacken. Ein Russe habe sie mit einem Gewehrkolben zu Boden gestreckt. Seitdem habe sie Kopfschmerzen. Großvater hat keine Kopfschmerzen. Er steht in seiner Tischlerwerkstatt und zittert. Tasso liegt auf der Sägespäne und döst. Großvaters liebster Gesprächspartner ist der Hund. Pass auf, sagt der Großvater. Er fuchtelt wild mit seinem rechten Arm. Im Dreck standen wir. Hüfttief. Nacht war keine Nacht. Der Himmel war grell beleuchtet. Alle haben geschrien. Das Schreien hat nie aufgehört. Tag und Nacht. Auf der Latrinenstange haben wir uns gegenseitig die Fürze angezündet. Pass auf, schimpft der Großvater und nimmt dem Kind den Fensterkitt weg. Kitt ist teuer. Großvater packt die Figuren, die das Kind auf der Werkbank geformt hat zu einem dicken Klumpen.   

Die Kirschbaumallee Richtung Seitzersdorf und Wolfpassing. Fahr nicht weiter als bis Seitzersdorf, mahnt die Großmutter. Der schwarze Mann wird dich sonst holen. Das Kind denkt sich einen schwarz gekleideten Mann ohne Gesicht. Wie das Fahrrad fliegt über die glatte Straße, über Regenwürmer und Schnecken auf nassem Asphalt. Neben dem Milchkasino der Kaugummiautomat. Der Halper mit einem Arm auf dem klappernden Fahrrad. Der rechte Ärmel seines Blaumanns baumelt im Fahrtwind. Zwischen Lenkstange und Gepäckträger ein riesiger Rechen gesteckt. Eine Prilblume für den Halper auf dem Fahrrad. Von oben schon wieder Hitze, die Straße dampft. Nach Goldgeben hinunter zum Wirtshaus, das kein Wirtshaus ist. Bier in Flaschen und Almdudler. Die Wirtshauskinder füllen die düstere Wirtshausstube, die keine Wirtshausstube ist. Über die hintere Gasse zu den Weingärten. Großvater hat keine Lust zu arbeiten. Er sitzt beim Heurigen und lacht. Das Kind nimmt den Großvater bei der Hand. Es ist kurz vor zwölf. Die Glocken müssen läuten.  

Der Hochzeiter kommt. Der Hochzeiter kommt. Und mit ihm der Bräutigam, der das Brautbukett bringt. Tante wird im hinteren Wohnzimmer versteckt. Der Schleier, ruft die Großmutter. Macht die Tür zu. Niemand darf die Braut jetzt sehen. Großmutters geheime Schätze im Vorratsschrank. Knarrend und knarzend öffnet sich die Schranktüre. Den Schlüssel gefunden. Die Süße. Das Schokoladenbrot aus Fredi Keksen und Rum, Tonnen von Teebäckerei und Torten, winzige Schaumröllchen. Der Duft ein Fest. Draußen der Sommer. Das Korn ist schon ab, golden die Stoppeln auf den Feldern nach Schmida und Zaina. Der Hochzeiter ist da. Das Kind mit Masche am Kopf und auf weißen Schühchen, Schühchen, die Tante zur Erstkommunion getragen hatte vor wer weiß wie vielen Jahren. Großmutter in Aufregung. Großmutter bekommt keine Luft mehr. Die ganze Verwandtschaft auf der Freitreppe die sechs Stufen zur Gasse hinunter. Tagettes und Waschbetonplatten. Revers und Rüschen. Polyester und Elasthan mit Anstecknadel. Die ganze Verwandschaft auf und um die kurze Treppe herum. Verteilt, aufgeteilt. Die Glocken in der Kapelle läuten. Der Großvater auf dem Stiegenpodest. Mit roten Wangen und zitterndem Oberkörper. Das ganze Dorf hat sich aufgestellt rund um die Kapelle und vor dem riesigen Tor des Ansböck Bauern. Großmutters Gelsengift klebt am Küchenfenster. Der Vorhang zur Seite geschoben. Du stehst im Weg, Kind. Lass die Finger vom Vorratsschrank, Kind. Ist deine Masche verrutscht. Setz das Krönchen auf. Das Krönchen, Kind.

Die roten Nelken in Tantes Händen vor der Brust. Rot die einzige Rose, dazwischen Farn. Schleierkraut und Schleier. Gewehrsalven kündigen den Auszug der Braut aus dem Elternhaus an. Bräutigam samt Hochzeiter warten jetzt in der Kirche auf die Brautgesellschaft. Die Tante mit schwitzenden Händen, der Bräutigam mit schwitzender Stirn, vor dem Altar in der  Pfarrkirche am Wagram. Hund Tasso muss in der Werkstatt bleiben. Das Kind denkt sich den weißen Schuhkarton, gefüllt mit duftenden Schätzen. Sahnecremetörtchen und Nussroulade, Teebäckerei. Im kühlen Keller hat es die Kostbarkeiten versteckt,  im sauberen Regal, wo keine Spinnweben sich einnisten. Auf dem Kleid der Tante tanzen winzige Sonnen. Der Pfarrer hört nicht auf zu reden. Fortfliegen möchte das Kind. Über die Ebene hinweg, immer der Wagramkante entlang. Bis Gaisruck und Stetteldorf. Raps und Mohn, der schon kapselt.

Goldene Kutschen und Tauben auf den Billets. Die andere Tante hat sie alle in einen Korb gelegt. Entbietet. Entbietet Erni. Entbietet Familie Kopetzky. Entbieten Traude und Manfred. Zweiundzwanzig Kutschen zählt das Kind, einunddreißig Herzen, achtzehn Tauben. Brav, sagt die Großmutter, wie das Kind schon zählen kann, und legt noch ein Stück Sahnetorte auf den eckigen Pappteller. Kinder dürfen nicht vom Porzellangeschirr essen. Der Tasso bekommt immer ein und denselben Napf zugeteilt. Großvater auch. Auf der Veranda versteckt mit dem weißen Schuhkarton. Beißender Geruch von Schalotten und Knoblauch, die Großmutter auf der Glasveranda trocknet. Tief beugt sich das Kind über den Karton, hebt den Deckel, schiebt das Seidenpapier beiseite. Atmet den Duft ein. Weißer Fondant  und rosa Zuckerperlen. Schnell macht es den Deckel wieder zu, steigt die Treppe zum kühlen Keller hinunter. Es zählt die Stufen. Die dreizehnte Stufe ist morsch und gibt nach. Großmutter hat das Licht angelassen.

Der Schlesinger ist tot. Die Irmi auch. Vergast im Auto. Beide zusammen. Der Bräutigam, der jetzt ein Onkel ist, die Tante, alle stecken sie die Köpfe zusammen. Mit einem Schlauch die Abgase ins Wageninnere geleitet. Das Kind denkt sich einen dicken Staubsaugerschlauch. Mit Großmutter zum Friedhof hinauf. Die

Blumen brauchen Wasser. Die Großmutter schwitzt im Polyesterschürzenkleid. Unter den Achseln lugt die Kombinege aus Nylon heraus, auf dem unbedeckten Oberarm riesige Pockenimpfnarben. Der Halper kommt den Wagram heruntergerollt. Erdklümpchen und Reste von Kartoffelkraut hängen am Rechen. Den rechten Jackenärmel des Blaumanns in

die Tasche gesteckt. Pass auf, sagt die Großmutter. Der Halper war im Fronteinsatz. Der Höfinger auch. Pass auf, sagt die Großmutter. Drei Söhne hatte die Maier Erni. Alle in Russland verschollen. Die Maier Erni ist in Gugging. Gugging hat das Kind schon oft gehört. Eine Prilblume für Gugging. Einmal um die Kirche herum gerannt zur ungeweihten Erde. Hinter der Friedhofsmauer an der Wagramkante. Bis Gaisruck und Pettendorf im Westen und Donauauen im Süden reicht der Blick. Der Fluss ist nicht zu sehen. Er bildet schon die Grenze zum Mostviertel. Zerbrochene Grabsteine im ausgedorrten Gestrüpp. Drüben beugt sich Großmutter über das Kiesbett. Asparagus und Fleißige Lieschen.  

Der Sommer ein nie enden wollender Lichtraum   

2

Eine Anschau 2015:

Die Thaya entlang von Hardegg bis Mitterretz und hinunter nach Retz. Zu Fuß. Wieder ein Sommer. Den Hundstagen in Wien entkommen und der Grenze zu Tschechien folgen. Vorerst. Wo genau verläuft die Grenze zwischen Waldviertel und Weinviertel? Acht Befragte geben zehn verschiedene Antworten. Der Bezirk Hollabrunn jedenfalls zweigeteilt. Hardegg liegt im westlichen Teil des Bezirks Hollabrunn, der bereits zum Waldviertel zählt. Steil führt die Straße hinunter in die Stadt, die wie ein Dorf anmutet, dort wo die Thaya wegen der Sperren schneller fließt.  Über der kleinsten Stadt Österreichs thront die Burg Hardegg. Neunzig Hauptwohnsitze zählt die Stadt, sagt die Greislerin. Trotzdem kann Hardegg mit einer sogenannten Vorstadt aufwarten. Die bescheidene Gastronomie fest in tschechischer Hand.  Immer dem Flusslauf entlang. Über den Ochsengraben zum Umlauf. Selten gewordene Eiben spenden Schatten. Das Einmaleins der Stille am Wegesrand. Winzige Fischerhäuschen säumen den Pfad. Langsam ein Sommer. Der Algenteppich im Flussbett lädt nicht zum Baden ein. Das Wasser ist klar. Knietief, nicht mehr. Beinahe lautlos         schiebt sich die Thaya gemächlich durch das Tal. Unterscheidet sich farblich nicht vom dicht bewachsenen Wald. Manchmal eine Wiese. Zum Aufatmen. Unter dem Dickicht entlang des Wanderweges Schwüle und wenig Bereitschaft, zu verweilen. Endlich durch das Dickicht hinaus auf die weite Wiese beim Umlauf. Aufgeschreckt von einem Graureiher, der zum Flug ansetzt. Wo das Wasser über die großen Steine am Flussrand fließt, ein kaum vernehmbares Glucksen. Rast  auf einer Magerwiese. Der Sommer ein nie enden wollender Lichtraum. Ein Abstecher zur Burgruine Kaja bei Merkersdorf. Langsam dem Weinviertel auf der Spur.  

Weiter von Bernhardsthal nach Rabensburg und Hohenau an der March. Wieder die Thaya entlang. Zu Fuß. Tschechien und Slowakei an den Rändern. Vorbei an der ältesten Eisenbahnbrücke über dem riesigen Teich in Bernhardsthal, vorbei an den drei hallstattzeitlichen Grabhügeln, die mitten aus den bebauten Feldern ragen. Abgeflachte Hügelkuppen, dicht mit Gras bewachsen. Erst in den Siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurden die Grabhügel von Historikern geöffnet. Wie konnten sie die Zeit unbeschadet überdauern? Im Überschwemmungsgebiet der Thaya. Der neue Damm soll das Wasser fern halten. Ein aufgewühltes Kürbisfeld am Rande der Au.  Spuren einer großen Wildschweinhorde im lehmigen Feld. Entlang des Flusses wieder die Fischerhäuschen. Braungrün dümpelt die Thaya nun vollkommen lautlos dahin. Das Wasser ist brackig. Als trübe, träge Wasserspur schiebt sich der Fluss, der ein Flüsschen ist, durch den heißen Spätsommer. Nicht umsonst leitet sich der Name vom ostgermanischen Begriff Dühja, also Schlamm, Sumpf, ab. Alles steht. Die Hitze, der Fluss, die Stille. Die Stille in den Thayaauen, die unerbittliche Schwüle im Unterholz, das Schweigen des Wanderers. Begegnungen sind keine vorgezeichnet. Nur solche mit seltenen Vögeln. In Rabensburg lockt Abkühlung im herrlich ruhigen Freibad, schräg unterhalb des gleichnamigen Schlosses. Imposant aber schmucklos steht es am Rand einer kleinen Erhebung. Der tropischen Hitze in den Auen entkommen. Kurzzeitig. Der Bademeister hat viel Zeit, die fünf Badegäste eingehend zu beobachten. In den Orten Rabensburg wie Bernhardsthal setzt sich die Stille der umliegenden Äcker und Auen fort. Stehengeblieben. Zeit und Bewegung. Spürbar ein Grenzgebiet. Über die Holzbrücke eines kleinen Seitenarms der Thaya, der hier einen Teich bildet. Die Karpfen scheinen in der dicken Brühe zu ersticken. Zurück zum Fluss und weiter zum Dreiländereck. Beim Hauptgrenzstein in Hohenau an der March das Zusammenfließen. Ineinander. Thaya und March.

Durch die Mitte. Von Poysdorf über den Galgenberg nach Falkenstein.  Wieder zu Fuß. Zuvor mit dem Bus von Floridsdorf nach Poysdorf gefahren. Eine Weltreise mitten durch das Weinviertel. In derselben Fahrtzeit könnte man Salzburg erreichen. Unendliches Ackermeer und sanft ansteigende Weiten. Die Sommerhitze reicht in diesem Jahr weit in den September hinein. Auf der Landstraße Richtung Mikulov ein nicht abreißender Schwerverkehr.  In der Mitte des Weinviertels herrscht an diesem Tag rege Betriebsamkeit. In den Weingärten am Fuß des Kirchbergs und Holzried wird hektisch gearbeitet. Die Kellergasse in Poysdorf putzt sich heraus. Bald werden die zahlreichen Heurigenlokale  ihre Pforten öffnen. Richtung Galgenberg hinauf zum Falkensteiner Eichenwald. Das eine Eichenblatt ohne Löcher. Raum und Ruhe. Eine Labstation mit Getränken zur Selbstentnahme ist die Rettung in der Mittagsglut. Blick zurück auf Poysdorf. Die Hagebutten leuchten rot an den Hundsrosenbüschen. Im Wald mehrmals vom Weg abgekommen. Huberkreuz und Bildstock. Der Blick geht weit über sanfte Hügel und abgeerntete Felder. Weiter nördlich sind schon die Kalkklippen zu sehen. Durch die Falkensteiner Kellergasse hinunter ins Dorf und die Felsklippe hinauf zur Burgruine Falkenstein mit Blick auf Staatz und Höhlenstein. Tiroler Blut fließe in so mancher niederösterreichischen Familie, sagt die Ausstellung über die Täufer, die im sechzehnten Jahrhundert in der Burg inhaftiert und nach Triest zum Galeerendienst verschleppt wurden. Ein Todesurteil. Frauen und Kinder der Täufer, die vom Tiroler Inntal in den Osten gezogen waren, durften bleiben. Knapp unterhalb der Ruine bildet der Fels eine Plattform mit Blick nach Nordosten. Kühl weht ein steter Wind über die Anhöhe.    

Goldgeben und der Geschmack von Süße im Geiste. Am letzten Tag des Sommers die südwestliche Grenze des Weinviertels begehen. Donauau und Wagram. Alles scheint wie immer zu sein und doch ist nichts mehr, wie es war. Erinnerungen, die sich für Jahrzehnte im Kopf manifestiert haben, haben wenig mit der Gegenwart zu tun. Die alten Häuser entlang der Dorfstraße, ebenerdig und aneinandergereiht, einige sind bereits unbewohnt. Staubige Fenster und geschlossene Tore säumen die Straße bis zur Kapelle. Der Ruf der Tauben vom Freihof herüber, ihn gibt es noch. An der Straße zum Brunnberg und Wagram hinauf wurde ein Gehsteig errichtet. Vom Aussichtsturm am Brunnberg über die endlose Ebene schauen. Die Großmutter wohnt nun in dem Teil des Hauses, der früher die Tischlerwerkstatt gewesen war. Großmutter wird von der Tante gepflegt. Hinter Goldgeben Richtung Schmida ein Neubaughetto. Winzige Einfamilien und Reihenhäuser mit noch winzigeren Gärtchen. Miniaturhäuschen in rot, gelb und blassblau  auf engstem Raum. Direkt neben der Bahnlinie. Durch das riesige Tor des Großbauern fährt nur noch selten ein Traktor. Zum Beispiel dann, wenn die jüngste Tochter die elterlichen Felder für den angeheirateten Hof in Zissersdorf mitbestellt. Die Holunderbeeren hängen schwer und tiefschwarz am Baum. Über dem Pflaster im Hof ist die Hitze unerträglich. Mit Tante und Kousine die Hochzeitsbillets von 1976 durchstöbern.  Entbietet. Die Tradition des Gassenausschanks mit Wein und Bäckerei vor den Häusern der Brautleute ist in dieser Region verschwunden. Was meinem Weinviertel am Wagram erhalten bleibt:  die Weite der Ebenen, die Stille über den Weingärten und Feldern, die nie enden wollenden Sommer. Die Süße wohnt in der Erinnerung.  

Regina Hilber

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