DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Bewusst beiläufig

Vom Streunen und Streuen

Unlängst bewusst intensiv nach neuen Stadtglanzlichtern Ausschau gehalten. Neues Doppel, neuer Boden. Von der Fotoausstellung The Cindy Sherman Effect im Kunstforum über Streetphotography im Kunst Haus zu Richard Neutras Wohnhäuser in Kalifornien im MUSA war alles dabei. Und natürlich Hedy Lamarr im Jüdischen Museum. Bloß die Bezeichnung Lady Bluetooth bereitet ein wenig Unbehagen. Ist eine solche Deklarierung im Sinne der Genderdebatte bzw. Breitenwirkung kontraproduktiv? Der Zusatz „Lady“ der Technik kann nur diskriminierend wahrgenommen werden (weil sie damit zu allererst als Frau reduziert wird, eine Leistung im technischen Bereich erfolgt erst nach der Geschlechterzuweisung), auch wenn das vom Initiator dieser Wortkreation als Untertitelung der Ausstellung bestimmt nicht so intendiert war. Unbewusst vergeigt? Ich fürchte, ja.

Noah Hawley lässt in seinem Roman Vor dem Fall seinen auktorialen Erzähler ganz bewusst beiläufig bemerken: „Der Scotch wirkt wie die Zeitverzögerung bei einem Überseetelefonat im Jahr 1940.“ Der Roman, der eine solche Bezeichnung im klassichen Sinne nicht verdient, spielt wohlgemerkt, in der Gegenwart. Vergleiche wie diese, mögen sie innerhalb eines Werkes Sinn ergeben oder einem solchen zuwiderlaufen, werden in den Schreibschulen antrainiert. Zurück zur Gattungsbezeichnung: Vielmehr handelt es sich bei Vor dem Fall um ein Drehbuch, um aneinadergereihte bruchstückhafte Episoden in einer Welt der Superreichen. In der gegenwärtigen Verlagslandschaft (nein, explizit NICHT in der Literaturlandschaft) wird jegliche Prosaform, die zwischen zwei Buchdeckel findet, als Roman tituliert. Einerseits wurde über diese Tendenz schon vielfach reflektiert, andererseits: wen juckt das noch? Entwicklungen wie diese bergen enorme Vorteile für uns Schriftsteller: alles ist möglich, alles ist Roman.

Auch Gary Shteyngart entführt den Leser in Willkommen in Lake Success in die Sphäre der Finanzhaie. Hier dürfen, ganz im Stile der gegenwärtigen angloamerikanischen Schreibmanier, bewusst beiläufig gesetzte Satzkristalle zwischen so zahmen wie zahlreichen Zeilen vor dem dämmrigen Leserauge ohne jegliche Vorahnung plötzlich bildhaft aufPOPPEN, um sogleich im nächsten Absatz wieder zum Erlöschen gebracht zu werden, wenn es in gewohnt seichtem Schreibschuldiktat weitergeht. Ein solcher Satzkristall findet seine Berechtigung auch als Aphorismus und lautet zum Beispiel wie folgt: „[…] Er atmete durch den Mund, doch die Reinigerdämpfe brannten in seinem Rachen. Also schloss er den Mund und atmete durch die Nase. Er atmete wie ein Mann im Bus, der um sein Leben rennt.“

Bewusst konstruierte Sätze wie diese erinnern mich an die Gehversuche meines Sohnes im Deutschunterricht, damals neunjährig, als es galt, die Wörter behutsam und langweilig in einen Satz zu integrieren. Sein Versuch, von der Volksschullehrerin hernach mit einem Sternchen-Stempel im Hausübungsheft belohnt, ging so: „Manchmal, wenn mir langweilig ist, streiche ich mit meinen Fingerkuppen behutsam über die Streichholzschachtel.“ Fünfzehn Jahre ist das her. An manche Sätze erinnert man sich ewig.

Gary Shteyngarts glitzernde Quarzkristalle werden im regelmäßigen Abstand von exakt unexakten 65 Seiten gestreut, um auch den strengen Kritiker davon zu überzeugen, dass hier ein wahrer Meister am Werk ist, ein Schriftsteller also, der bewusst sich dem Mainstream-Schreibgeplänkel anpasst um eine Menge Bücher verkaufen zu können innerhalb der Bestseller-Fraktion (bravo!), und um dann wiederum ganz beiläufig seine Legitimation als ernstzunehmender Autor aufleuchten zu lassen. Schlau ist er, der Gary Shteyngart. Ja, du hast es drauf! Ich sehe das.

Bewusst beiläufig streunen und streuen – das Grundprinzip (nicht nur) des Autors.

Regina Hilber

Folge uns auffällig.