DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Das Magazin für freien Diskurs

Bestseller versus best fellow

Zu vielbesprochenen Büchern ergeben sich aus meiner Sicht zweierlei Bauchbeschwerden: entweder diese Bücher stoßen mich von vornherein ab und ich beachte sie nicht weiter, oder sie machen mich neugierig, weil ich meine Vermutung verifiziert sehen möchte, dass ein solcher „Erfolg“ eben ein verlagsgemachter ist und sehr wenig mit dem Geschriebenem, mit dem Werk also, zu tun hat. Julian Barnes rauf und runter besprochenes neues Werk Die einzige Geschichte (Kiepenheuer & Witsch, 2019) ist so ein Buch, das ich selbst lesen musste um meine Vermutung bestätigt zu wissen, dass im Feuilleton hochgelobte Romane bloß Garant sind für gigantische Verkaufszahlen. Ein lesenswertes Buch ist es eindeutig nicht.

Der Plot ist schnell erzählt: 19-jähriger Student geht mit seiner 48-jährigen Tennispartnerin im London der sechziger Jahre eine Liaison ein.

Viele Buchbesprechungen ergeben alle dasselbe Fazit: gutes Buch, guter Junge – good fellow. Weshalb aber erwähnt keiner der Rezensenten (bzw. Talkgäste im Literaturclub zum Beispiel) die Schuld bzw. Mitschuld der Frau? Die 48-jährige Susan wird immer als Opfer besprochen (sie verfällt später der Alkoholsucht), weil sie von ihrem Ehemann geschlagen wird und später mit dem 30 Jahre jüngeren Paul zusammenzieht. Die Liebe wird nach zehn Jahren zerbrechen. Aber hat Susan nicht möglicherweise das Leben des damals 19-Jährigen von vornherein in eine bestimmte Richtung getrieben und es damit ein Stück weit zerstört? Hätte ihr als weit erfahrenere Frau sowie Mutter zweier erwachsener Töchter nicht bewusst sein müssen, dass sie mit dieser ungewöhnlichen Beziehung den weiteren Entwicklungsverlauf eines noch „unreifen“ Mannes maßgeblich in eine Richtung drängt, in die er nicht geraten würde, wenn diese Liebespartnerin eine gleichaltrige wäre?

Als Mutter eines 23-jährigen Sohnes drängen sich mir diese Fragen sehr deutlich auf. Ich frage mich sofort: würde ich meinem Sohn eine derartige „Liebes- und Lebensverquickung“ wünschen bzw. würde ich einem seiner Freunde eine derartige Bürde zumuten wollen? Ähnliche Moralvorstellungen und deren Hinterfragung warf auch Doris Lessing auf in ihrer Kurzgeschichte Die Großmütter, die die französische Filmemacherin Anne Fontaine 2013 in ästhetisch aufgeräumten Bildern als Tage am Strand zu einem Film erweitert hat. Erweitert deshalb, weil hier die seltenere Herangehensweise zu tragen kommt, dass eine nicht mehr als 40 Seiten lange Kurzgeschichte zu einem abendfüllenden Film ausgebaut wird und nicht wie eher üblich, aus der komplexen Handlung eines ausladenden Romans ein Filmplot auf ein 90-minütiges Schauwerk reduziert werden muss. Noch seltener kommt es allerdings vor, dass diese filmische Adaption besser gelingt als die Literaturvorlage, was hier eindeutig der Fall ist.

In Doris Lessings Erzählung, die an einer idyllischen Bucht in Australien spielt, gehen zwei beste Freundinnen eine Liebesbeziehung ein mit dem jeweiligen (adoleszenten) Sohn der anderen. Sowohl Barnes als auch Lessings sprachliche Umsetzung ihrer amour fou lassen Tiefgang schmerzlich vermissen. Die Protagonisten wie die Liebe per se kratzen leider nur an der Oberfläche. Zudem hält die Beschwörungsformel (als Frage formuliert) auf der Buchrückseite von Julian Barnes Die einzige Geschichte nichts von dem, was sie verspricht. Annett Krendlesberger hat das Zitat bereits für DIE LAVOIR aufgegriffen.

In der Buchbesprechungssendung Literaturclub zeigt sich (die junge) Laura de Weck als einzige Rezensentin nicht überzeugt von Julian Barnes neuestem Werk. Die sog. Liebesgeschichte läuft in jeder Zeile very british ab: kühl, distanziert, oberflächlich. Dokumentiert wird die große Liebe in einer sehr einfach gehaltenen Alltagssprache (vor allem im ersten Teil), die mich auf keiner Seite überzeugen kann. Am Ende der Lektüre weiß ich nicht, wer mehr dem best fellow-Prinzip entspricht: Julian Barnes als Bestseller-Autor oder sein junger Protagonist Paul, der versucht seine um 30 Jahre ältere Lebensgefährtin vom Alkoholismus zu befreien.

Lesen Sie stattdessen Doris Lessings Das goldene Notizbuch.

Regina Hilber

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