DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Aus dem Zettelkasten der Regierung

Neologismen in Corona-Zeiten

Regina Hilber © Bildrecht, Wien 2021

Wieder einmal wird der Karteikartenpaternoster angeworfen, die neuen Vokabeln, die die Regierung seit Auftreten der Coronakrise auf uns alle niederprasseln lässt wie ein sintflutartiger Karibikregen, sortiert und archiviert. Vom karibischen Feeling, die so ein Starkregen evoziert, sind wir leider weit entfernt. Im Gegenteil, das Diktat der Sprache hat seit nationalsozialistischen Zeiten keine so rigorose Einwirkung auf unsere Gesellschaft gehabt, wie seit Beginn der Pandemie vor genau zwölf Monaten. Eher denke ich an sibirischen Schneeregen, an Eiszeiten. An dieser Stelle werden die übereifrigen Politisch Korrekten anheben wollen mit dem Fingerzeig: „Aber man darf doch keine Vergleiche wie diese anstellen!“ Doch man darf, man muss sogar Propagandasprech und Kriegsrhetorik sowie deren weitgreifende Mechanismen kritisieren dürfen. Wer darin einen Vergleich herstellt, der den Kern der Kritik, nämlich den der Regierungsrhetorik und die damit verbundenen (zum großen Teil sinnbefreiten) Zwangsmaßnahmen aushebelt und den Vergleich auf einen herbeievozierten anderen Kontext lenkt, sitzt der eigenen Unreflektiertheit auf: Ich spreche hier im Vergleich ausschließlich von den Mechanismen eines Sprachdiktats samt Vokabeln, die wir bisher ausschließlich mit Krieg assoziiert haben sowie darüber, wie sich solche auf die Gesellschaft auswirken können. Dass sie das tun, steht außer Zweifel, und sie tun dies mit Hilfe der Medien, die einmal auf diesen rasenden Zug aufgesprungen, nicht mehr ablassen. Warum auch? Es fährt sich gut auf Schiene, die weder großen Widerstand, noch Gegenverkehr kennt. Unterschätzen wir nicht Struktur und Macht der Medien, die diese Botschaften samt coronatauglichen Neologismen unaufhaltsam transportieren.

Bloß ein neuer Wortschatz?

Zu sehr hat die Weisungssprache unseren Alltag strapaziert seit März 2020. Oder waren wir bislang einfach nur zu sprachverwöhnt? Sind wir inzwischen so zart besaitet, dass wir ein Alltagsvokabular wie das gegenwärtige uns erst neu einverleiben müssen? Liegt unser Widerstand darin begründet, dass wir uns die Sprache, in der wir kommunizieren möchten, selbst aussuchen wollen, egal aus wessen Richtung das Einflüstern kommt? In Deutschland haben sich ironische Neowörter wie Maskenflickenteppich und Seuchensheriff etabliert.      Fakt ist, der instrumentalisierte Gebrauch der Sprache durch Regierungen und Medien trifft uns hart. Von Ausgangssperren war da plötzlich die Rede, von Zwangsmaßnahmen wie Zwangstesten, Zwangsimpfungen, Reintesten bzw. Freitesten, von Einschüchterung durch sog. Abstrafen sowie daraus resultierendem flächendeckenden Denunziantentum. Vergessen wir nicht zum Teil korrumpierte Tabellen und Auswertungen sowie gezielte Panikmache, wie im ersten Lockdown geschehen. Dass sämtliche Maßnahmen Wirtschaft und Kultur kaputt machen, wird hier nicht weiter ausgeführt. Demonstrationen gegen die Maßnahmen der Regierungen werden zurecht wegen der Ansteckungsgefahr aufgelöst, es regnet Anzeigen. Karibischer Regen darf zur Zeit ausnahmslos in geräumigen Regenduschen simuliert werden. Glücklich der, der eine solche sein eigen nennen kann in seinen wiederum eigenen vier Wänden. Kritiker, egal aus welchen (wissenschaftlichen) Reihen, werden auf verschiedenen Kanälen mundtot gemacht, während einige wenige um so frontaler vor die Fernsehkamera gerückt werden. Und es überrascht uns alle nicht, dass diejenigen, die im weißen Kittel medial omnipräsent sind, direkte Profiteure von denjenigen Maßnahmenumsetzungen sind, die sie so fleißig propagieren. 

Maßnahmen zur Eindämmung einer Pandemie sind wichtig, keine Frage, aber sie müssen hinterfragt werden dürfen. It’s all shiny at Ballhausplatz in Wien. Dick aufgetragener Highlighter darf weiterhin in die Fernsehkamera hinein, und aus sämtlichen TV-Geräten sowie Smartphones wieder heraus, strahlen. Wie sich die österreichische Skiliftbetreiberlobby beim allgemeinen Schließungsreigen der Bundesregierung durchsetzen konnte, bleibt ein Rätsel.

Was machen Neologismen und Vokabeln wie diese mit uns:

 AUSGANGSSPERRE      Mortalitätsrate    Immunitätsnachweis 
 
  Zwangsquarantäne   REINtesten   DURCHSEUCHUNG   

  
Triage             Maskenpflicht     systemrelevant    

                   Zwangsimpfung      Abstandsgebot      
 
                               SUPER SPREADER

   FREItesten   Kontrolle     Massensterben        


ZWANGSTESTEN    hochansteckende Virus-Mutationen       

                                 Notlazarett   Abstrafen

 Vulnerabilität    Teststraßen   Übersterblichkeitsrate

It’s C-time! Wer immer sich das omnipräsente wie eindimensionale Jargon in Regierungsreihen ausdenkt, darf kritisiert werden. Ganz der Geschlechtskrankheit Syphilis gleich, mit ihrem weichen Schanker, dem Eiterherd im Anfangsstadium, wird uns der harte bzw. weiche Lockdown offeriert. Ich vermute, der Erfinder der Begrifflichkeit des sogenannten harten und weichen Lockdowns kommt aus der Ärzteschaft: Wie einem sehr unliebsamen Geschwür gleich, verbreitet sich leider auch das Coronavirus. Härter, strenger, länger – in Pandemiezeiten wird der Komparativ zum ständigen Begleiter.

Propagandasprech wird schnell mit Diktatoren und Despoten assoziiert. Ob das damalige faschistische Italien mit Benito Mussolini, dessen (oftmals geklaute und zweckentfremdete) Parolen zu trauriger Berühmtheit gelangten wie sein „Il popolo italiano – quando vuole – sa fare tutto!“ (Das italienische Volk, kann alles erreichen, wenn es will.), oder der Nationalsozialismus mit seiner indizierten Sprache – sie alle benutzten das Wort als Machtinstrument und Druckmittel. Tanti nemici, tanto onore! Viel Feind, viel Ehr´! Auch die ehemalige Deutsche Demokratische Republik warf munter ihren P(k)arteikartenpaternoster mit seinem eigenen Sprachinventar an, reduzierte das Volk in puncto Gemeinwohl auf ein viel beschworenes und besungenes „Du“. Dass sich das sogenannte Deutsche Demokratische Volkswohl für die Gesellschaft des Landes im Einzelnen wie im Allgemeinen nicht sehr wohlig angefühlt hat, ist unbestreitbar und dennoch sehnen sich die Ostalgiker vielfach an die „gute alte Zeit“ zurück.  

Dynamik wie im Klassenzimmer

Mein Vorschlag: Mehr direkter Appell in Form von Aufklärung innerhalb jener  Bevölkerungsgruppen, die sich bislang weniger bis gar nicht um Ansteckungsgefahren bzw. Hygienemaßnahmen scheren und weniger Zwangsrhetorik, die einzelne C-Leugner im Allgemeinen nicht erreicht, sondern diese in Wahrheit zu mehr Widerstand gegen sämtliche Zwänge animiert. Die Mit-dem-Daumen-von-oben-herab-Methode zeigt selten flächendeckend Wirkung. Ja, es gibt sie, die Mitmenschen, die wenig Rücksicht walten lassen und keine Mithilfe zur Eindämmung der Infektionszahlen leisten, sich unbeschwert als Großfamilie gegenseitig besuchen, oder weiterhin in sämtlichen Büros arbeiten, als gäbe es keine Ansteckungsgefahren. Es ist ein bisschen wie damals in der Schulklasse mit so einer Landesbevölkerung: Da sitzt die neunmalkluge Streberin und Dauerrednerin in der ersten Reihe (habe da nie ein männliches Pendant erlebt – sorry, ist nun mal so), während ganz hinten die Coolen (Superschlaue und Superschlechte gleichermaßen) hinter den Bänken lümmeln. Dazwischen aber sitzt der große Rest, die Unauffälligen, die Mitläufer, die Angepassten mit wenig Eigeninitiative (die da hinten oder vorne werden das schon richten), die Duckmäuseriche und Duckmäuserichinnen (oder in schlichterer Form die Duckmäuse, wobei sich da auch männliche Mäuse inkludiert fühlen könnten, was wiederum die rein weibliche Duckmausgruppe bedroht) und vor allem jene, denen alles egal ist, Maßnahmen hin oder her. Und genau jene große Masse erreicht man auch in Pandemiezeiten nicht.

Vielleicht sind die seltsamen Neologismen, die uns seit genau einem Jahr um die Ohren wedeln (Wedeln ist wie auf den Skipisten erlaubt), aus einer Unbeholfenheit heraus gewachsen, schließlich traf die Pandemie die Regierung genauso überraschend, wie jeden einzelnen von uns. Aber mit Sicherheit hat die deutsche Sprache auch andere Parolen wie Vokabeln zu bieten, die vielleicht wirksamer die breite Öffentlichkeit erreichen und somit die Ansteckungszahlen nach unten drücken könnten, wobei sämtliche internationale empirische Studien die Sinnhaftigkeit des Lockdowns an sich widerlegen.

Sprache als Wegbereiter? Ein altes Sprichwort trifft es genau: „Wie man in den Wald hineinschreit, kommt es wieder heraus!“. Wo Autorität herrscht, formiert sich Widerstand. Wir, die hypernarzisstische Gesellschaft, reagieren einerseits sensibel, geben uns andererseits im Alltag erstaunlich regierungskonform. Nicht wenige Bürger halten sich an die Devise des Nichtauffallens, eine weitere besorgniserregende Dynamik innerhalb der Gesellschaft. Für die Medien sind diese reißerischen Neologismen aus Regierungsreihen ein Geschenk. Sie bedienen sich ihrer mit Genuss, werfen ihrerseits den Parolenpaternoster, sprich Zettelkasten, brainstormgleich an, katapultieren ihre Wortergüsse munter durch sämtliche Kanäle. Für mich schmeckt das nach fahler Buchstabensuppe, nach Krankenhauskost. Konstruktiver Journalismus ist in den Massenmedien lange schon tot, oder ist vielmehr richtig zu sagen, es gab ihn dort nie? Vergleichsweise eindimensional verlief die Berichterstattung zuletzt während der Massenflüchtlingsströme im Herbst 2015. Wir erinnern uns.

Sämtliche Spindoktoren müssen (zuvor noch als Schönredner inklusive Belichtungsgadgets ausgestattet engagiert), seit der Corona-Pandemie eine glatte 180°-Drehung vollziehen, also vom Schönredner zum Hardcore-Ansager inklusive Neovokabular mutieren. Weg mit dem guten Licht, her mit schwarzer Propagandarhetorik! Ob das den Spindoktoren Spaß macht? Davon gehe ich aus. Regierungen und ihre Redner sind sich sehr bewusst, dass das Wort, die Parole und ihr Inhalt sich gezielt bauen, drehen und steuern lassen. Das Diktat der Sprache degradiert den ohnehin eingeengten öffentlichen Debattenraum in Pandemiezeiten zur luftleeren Resonanzhalle. Gleichzeitig verleiht es der jeweiligen regierenden Partei mehr Sichtbarkeit, mehr Macht. Nun jährt sich das Corona-Jahr in Österreich zum ersten Mal. Die Regierungen haben in den letzten Wochen erkannt, dass sie, um weiterhin breite Gesellschaftsschichten erreichen zu können, das Vokabular entschärfen müssen. Das hat auch mit der schwindenden Bereitschaft zur Befolgung der Lockdown-Maßnahmen zu tun. Zu lange schon befinden wir uns in der Isolation, in Einzelhaft, obwohl die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus nicht wirklich von Erfolg gekrönt waren. Wir haben uns wieder alle lieb, will uns der Regierungstenor aktuell suggerieren. Liebhaberei weicht nun mehr und mehr dem Kriegsvokabular. Nach einem Jahr der Entbehrungen und wirtschaftlichen Tiefschläge ist die Holzhammerrhetorik den zu erwartenden Langzeitfolgen nicht mehr gewachsen, die Spindoktoren dürfen ein weiteres Mal switchen, den Wortkarteikartenpaternoster in die andere Richtung laufen lassen. Auf Anfang? Vor allem der Propagandasprech der österreichischen ÖVP-Regierung darf durchaus als Teststraße interpretiert werden. Wofür sie die Erkenntnisse aus diesen Auswertungen in Zukunft gebrauchen werden bleibt hinterfragungswürdig.   

Regina Hilber

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