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Auf ganzer Linie

Vermögen und Unvermögen – als Wurmfortsatz des Hodinschen Philosophikums 007

© Geza Gold (Bildrecht) 2019

Barney Cockles brachte keinen einzigen Satz zu Papier, der es Wert gewesen wäre veröffentlicht zu werden, was weiter nicht schlimm gewesen wäre, hätte  nicht ein besonderer Umstand genau das Gegenteil erfordert: einen einzigen Satz zu schreiben, der ihn davor bewahrt hätte, sich der Willkür einer höheren Instanz  auszusetzen. „Ich erhebe Einspruch!“, es wäre so einfach gewesen  und dennoch war Barney nicht in der Lage, dies zur richtigen Zeit, am richtigen Ort niederzuschreiben. Er war abgelenkt, bestimmt, das auch, aber vor allem fehlte ihm  die erforderliche Energie, um auszuführen was der Moment, die bestimmte Aufgabe, verlangte. 

Barney Cockles hatte schwere Depressionen. Er wusste, wenn er sich nicht mit einem Menschen zusammentat bevor der nächste Winter käme, er würde den darauffolgenden Frühling nicht mehr erleben. Also ging Barney an einem letzten Herbsttag hinaus, es war ein Sechzehngradtag mit Schäfchenwolken und einer schon kraftlosen Sonne,  für eine Jacke  über dem dünnen Pullover schien es zu warm zu sein, andererseits hätte ein aufkommender kühler Wind schnell zu einer Verkühlung führen können, also machte er an der Schwelle zur Haustüre noch einmal kehrt und warf sich eine ärmellose Weste über. Ob es eine Straße war, auf die er hinaustrat, oder ein Platz, ein Landstrich, wir wissen es nicht genau. Wichtig ist einzig und allein die Tatsache, dass Barneys Vorhaben von Glück gekrönt war, denn als er um neun Uhr fünfzehn abends heimkehrte  war er nicht mehr alleine, er führte Barbie Zoegerer, eine  Gelegenheitskellnerin und Halbmarathonläuferin mit schiefer Nase und  dünnen Lippen, an der Schulter fassend in sein Haus, nein Häuschen.  

Barney Cockles und Barbie Zoegerer waren kein schönes Paar. Warwn keun schienes paae. Die Autorin bräuchte dringend eine Lesebrille, schiebt einen Kauf einer solchen aber immer wieder auf. Nicht die richtigen Buchstaben am Handydisplay erwischt, während unterwegs in der U-Bahn. Das Schreiben ist nicht immer, aber wenn es da ist, so überall, ohne Rücksicht auf die jeweiligen Begleitumstände, Örtlichkeiten oder Befindlichkeiten.

Barney Cockles hatte gute Gene. Das ganze Dorf, oder die ganze Stadt, ein Bezirk, wussten davon und man kann sich vorstellen, dass der arme Kerl sehr unter Druck stand. Die Zusammenarbeit zwischen Barney und Barbie war weniger befruchtend, als man annehmen hätte können, dennoch hatten sich die beiden aneinander gewöhnt und wollten, oder konnten nicht ohne den anderen auskommen. Der Winter könnte zu diesem Zeitpunkt bereits vorüber gewesen sein und die Notwendigkeit, die schlimmste Jahreszeit, ja, die Zeit überhaupt überwinden zu müssen, könnte einer Übergangsphase gewichen sein. Dieses Detail spielt jedoch keine Rolle. Was war passiert? Barneys große Schwäche – kein Kerl  sein zu können, wann er ein Kerl sein musste – konnte selbst durch die Zweisamkeit, durch die Stütze, die er sich in Barbie erhofft gehabt hatte, nicht ausgemerzt werden.

Er war kein übler Bursche. Er war manchmal einfach nur untätig. Diesen einzigen Satz  schreiben zu müssen hatte ihm alles abverlangt, hatte ihn über Wochen und Monate fortwährend um sich selbst kreisen lassen, bis er schließlich vollends resignierte und als er sich mehr und mehr in diese ausweglose Situation hineinmanövriert hatte, kam ihm schließlich doch noch Barbie zu Hilfe mit einer nicht nur zündenden, sondern einer geradezu formidablen Idee:  sie wollte das Unvermögen in ein Vermögen umwandeln.

Das Schreiben: Permanentes Unvermögen.

Dazu aus Karen Duves Regenroman:

„Ein Schriftsteller ist einer, der nicht scheißen kann, weil er den ganzen Tag vor der Schreibmaschine sitzt und sich nicht von der Stelle rührt. Aber statt dass er nun aufsteht und ein paar Runden um den Block dreht, bleibt er sitzen und schreibt darüber, dass er nicht scheißen kann.“

So oder ähnlich verhält sich die Situation der Autorin dieser Zeilen. Das Schreiben als permanentes Unvermögen. Doch worin manifestiert sich dieses Unvermögen, das unabdingbar verbunden ist mit dem eigenen Anspruch am Schreiben? Es ist das Magengeschwür, das kein Arzt diagnostizieren kann, die wiederkehrende Grenzerfahrung als treue Konstante während eines Schreibprozesses. Wenn nichts mehr hilft, wenn alles Vermögen der Schriftstellerin ausgeschöpft ist, betritt ein Gaukler (eine Gauklerin?) die Bühne. Fiktion wird zu Autofiktion und umgekehrt. Oder Fact in Fiction? Wieviel Flunkerei ist erlaubt? Wieviel Fiktion erträgt ein Text, die Literatur? Und der Literat? Die Literaten untereinander? Die Grenzen zwischen Fiktivem, Autobiografischem, Faktizität und der Dramaturgie geschuldeten Kehrtwendungen und Angleichungen, sind übergangslos. Dazwischen positioniert sich das Lesen als permanenter Lernprozess, das Ausloten der Leselisten, das das eigene Schreiben bereits vorwegnimmt und umgekehrt.

„die aprikosenbäume gibt es, die aprikosenbäume gibt es“ – inger christensen

Ist Schreiben ein Aprikosenbaum? Ist Schreiben nicht auch Liebe – die Liebe zu Aprikosenbäumen, zu jenen Aprikosenbäumen aus dem alphabet von Inger Christensen? Die eigenen und uneigenen Gegenstimmen. Schreiben ist Alles. Schreiben ist Nichts. Das Vermögen der Barbie, das Unvermögen des Barney. Aber ist Schreiben nicht auch Betrug? Betrug an sich selbst, an den fiktiven Figuren und Geschichten?  Und an jene, die erst Schreibende werden? Der Leser schließlich tritt als Konsument auf. Er wählt freiwillig aus dem ihm vorliegenden Angebot aus, was uns Schriftsteller automatisch des Betrugsvorwurfs enthebt.

Letztlich das Vermögen, das bereits partiell vorhanden ist entgegen aller Selbstzweifel und Unwägbarkeiten: das Schreiben als Regung und in der Regung, die sich ständig neu transformierende Lust. Die Lust am Unbekannten, die Lust am Bekannten und den daraus resultierenden Richtungen und Wendungen, die Lust am Manipulativen, die Lust am Überraschenden,  am Provokativen  oder einfach nur die Lust am Erzählen per se, monoton und stringent, die Lust am Hoch- und Tiefstapeln, am Gauklertum, hier ist es schon wieder. Das Schreiben als Freiheit. Die Dichtung. Lyrik als Destillat. Vom Produkt zu den Ingredienzien und wieder zurück. Die Proklamation über ein gelungenes Gedicht als kurzweiliges, aber essentielles  Vermögen. Davon muss man leben können als Dichter, denn mehr Lohn gibt es nicht: kristallines, geschliffenes Proklamieren. Wie selten.

Regina Hilber

Hinweis: Am 11. April – 18.00 wird Florian Huber in der Alten Schmiede (Wien) Gedichte von Inger Christensen lesen und kommentieren.

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