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Verloren im Titeldschungel

Planriesen und Schnittmusterbögen waren gestern, das Schreiben kam dazwischen, wenn auch, streng der Chronologie folgend, erst hinterher. Aber welche Autorin, welcher Autor kann das schon für sich  auseinanderdividieren? Wo genau beginnt Autorenschaft, wo die Verschriftung, wo lässt sich ein solcher Marker explizit ansetzen? Ist nicht auch frühe, übermäßige, einschlägige Lektüre etwa bereits Indiz für eine (noch unbewusste) Schriftstellerintention, ohne dass sie/er das wahrnimmt? Und sind diese Kopfwelten in den Tuschekreisen eines Bewehrungsplans nicht erste Anbahnungen an ein (späteres) Schreibertums? Oder sitze ich der Versuchung auf, vom anderen Ende der Lebensschnur aus betrachtet, jedes Knötchen mir plausibel zurechtzuzupfen, Chronologie und  Signifikanzen aufzudröselnd? Als Schriftstellerin sollte ich mich hüten, dieser allzu eindimensionalen Einbahnschneise zu folgen. SCHNITT. Woran genau mag es liegen, dass sich während meiner Ausgänge vornehmlich, aber auch während einer längeren Zugfahrt, sich ungefragt mir Buchtitel aufdrängen für Werke, die noch gar nicht existieren, denen nicht einmal ansatzweise eine Intention vorausginge. An Titelfindungen zeigt sich meine Kreativität nie verlegen, wenn auch ohne konkreten Anlass, denn das Werk dazu will gar nicht geschrieben werden. Wie plump aus einem Schürzenrock plumpsende Pastinaken purzeln sie vor meine Pfade, diese Titelungetüme, ungefragt, unintendiert, werkirrelevant: Triviale, pathetische, ja geradezu lächerlich anmutende Buchtitel drängen sich da auf. Wie dicke Baumstämme im dichten Nadelwald schießen sie vor meinen Füßen aus dem Boden, sinnbefreit, jedoch beachtlich an Durchmesser, dabei   jeglicher Logik entbehrend. Kein zartwüchsiges Pflänzchen erst mit feinen Wurzeln, Grünflaum, dann Jahr für Jahr emporwachsend, nein, dicke Baumstämme, hundertjährig, gewaltig, poppen aus der Erde. Hier bin ich! Hier stehe ich im Wald! Manch ein Titel (Baumstamm) wird sogleich niedergetreten, noch bevor er in Gedanken gänzlich ausformuliert wird, andere wiederum poppen dicht nebeneinander, wie nach oben entweichende Symbole in einem Videospiel vor schwarzem Hintergrund, auf der vor mir liegenden Lichtung auf.

Hat sich der ungefragt in Erscheinung tretende Titelmechanismus erst einmal aktiviert, in Gang gesetzt, ist er kaum zu stoppen. Einem dichten Dschungeldickicht gleich, stellt sich eine grüne, braune Wand meinem Fortschreiten in den Weg, Lianen müssen mit der Machete zerhackt, Gesträuch niedergetreten und Zweige mit den Armen beiseite geschoben werden. Trotzdem blitzt so ein Titelmonster, beinahe einem Aphorismus gleich, vor mir auf, nimmt Aufstellung, will niedergeschrieben, zumindest notiert werden:

Der Löffelverkäufer von Triest

und als Fortsetzungsroman, oder wie Film und TV-Serien es seit einigen Jahren vormachen: das Prequel, das Sequel, das Konterfei zum Prequel, das Konterfei zum Konterfei, in Filmtrilogien und deren endlosen Fortsetzungen wie Startrek, Star Wars, Marvel`s The Avengers, oder in den Tolkien-Verfilmungen mit dem Herr der Ringe I, II und III, dem Hobbit, den Gefährten. Längst den Überblick verloren über Plot und ProtagonistenSequels. Wehe dem, der dem Chronologiegestrüpp nicht mehr folgen kann. Wenn die verwilderte Chronologie nicht mehr passt, wird sie eben passend gemacht. Hänsel und Gretel, abermals auf den Plan tretend, verliefen sich im Wald: Ob Batman, Green Lantern, Superman Returns, Gotham City (TV Serie), ursprünglich schlicht als Comic namens Superman konzipiert (1933), dann höchst erfolgreich auf den Kinoleinwänden sämtlicher Kontinente zu sehen, werden die Vor, Vorvor und Nachgeschichten der Hauptprotagonisten nebst Superman (alias Clark Kent) und Nebenprotagonisten (z.B. Luis Lane) gnadenlos ausgeschlachtet im SupermanUniversum. Dem folgt noch Joker, auch ihm bereits eine vierte Kinoverfilmung gewidmet, zuletzt mit Joaquin Phoenix in der Hauptrolle. Von einem wirren Wald in den nächsten tappend, Finsterland, Herzstück, Nebenpfad, Baumwipfelperspektive, Erdlochtheorien, alles dabei. Die Liste der Pre und Sequels (Vorfolgen bzw. Fortsetzungen) ist nicht enden wollend, wird es auch bleiben in naher Zukunft. Hier aber der (imaginären) Tradition und Semantik meines Löffelverkäufers von Triest folgend:

Die Schwestern des Löffelverkäufers

Der flanierende Schriftsteller seit jeher ein Beobachter (ein Gaffer vielmehr), ein auf der Lauer liegender Tiger im heimischen Dschungel, eine opportunistische Dampfwalze, trabt er, relevante Begebenheiten schamlos  ignorierend, traumwandlerisch und doch Gedankenpermutiert durch Wald und über Wiese, durch urbanes Geflecht (simpel: durch ein Stadtgebiet), oder über Karst und Küste, konkret Triest. Im Moment.

Seit Tagen ein ältlich wirkender Mann, ledrig braune Haut, sonnengegerbt, gebückt, bedächtig langsam die Gassen der Stadt abschreitend, pardon, alle Gassen, Piazze und Straßen abschreitend, kein Winkel der Stadt bleibt unbeschrittenen Fußes, die Arme weit vor sich ausgestreckt und in beiden Händen eine geballte Auswahl an Holzlöffeln vor sich hertragend. Ein konkreter Impuls gibt hier Anlass abzuschweifen, Beobachtetes festzumachen und sei es nur mittels einer spontanen Titelgebung. Dem Löffelverkäufer von Triest wird ein Schnellplot (Ist das politisch unkorrekt, oder der Schriftstellerkrankheit, alles „verschriftet“ abgebildet zu sehen,  geschuldet?) attestiert: Slowenische Herkunft, geboren im Karst, multiethnisches Triest der vorigen Jahrhundertwende, K & K Habsburgische Einfallschneise, harte Kindheit, harte Arbeit, Chancenungleichheit, Triestiner Tristesse, Milieustudie. Geschrieben wird diese Geschichte, dieser Roman, oder sein Fortsetzungskonterfei (Die Schwestern des Löffelverkäufers), nie.     

Travniceks Rache

Ein Krimi vielleicht? Werde ich nie zu Papier bringen. Oder eher Einhornliebe? Die Assoziationskette setzt sich weiter ungeniert in Gang. Einhornliebe, ungeahnten Spielraum bietend, maliziös Verkommenes bis Verwegenes, wird notiert. Man kann ja nie wissen. Ist das Brainstorming erst einmal angezupft, lässt es sich nicht mehr stoppen:

? FUN                        (bleibt ohne Signifikanz)

Konsum                      (immer brauchbar, notiert während eines Aufenthalts                                 im Landkreis Teltow/Fläming, Brandenburg)

Aufsteigen                   (der „neue“ Heimatroman)

Eishockeyroman         (der Titel ist Programm und zugleich ein vollkommen                                 neues Genre)

Das Betreten des Spielplatzes ist an Sonntagen verboten    (unbedingt ein Gedichtband!)

und

Auch ein Pferd braucht manchmal Trost

Nein, Auch ein Pferd braucht manchmal Trost ist kein Western, kein Groschenroman oder Revolverheft dieser Aphorismus darf in eine Hipstermilieustudie über das neue Spießbürgertum münden. Überbordende Political Correctness (also dort, wo sie sich selbst zuwiderläuft, totläuft), Achtsamkeitssprech und GenderVerhornballung der Hipster gibt sich geschlechtstolerant, ein Allesversteher, überkorrekt, überverständnisvoll, überdiplomatisch, der in Wahrheit ein versteckter Rassist ist, und der der gegenwärtigen Männlichkeit nichts anderes als den obligatorischen Bartwuchs voranzustellen weiß, dabei die neue brave „Häuslichkeit“ zelebriert, als hätte die Gesellschaftsrevolution in den 60er und 70erJahren nie existiert. Befreiung aus dem Elterndiktat? Emanzipation? Feminismus? What the f***!

Ampak

Ampak ist nicht neu auf meiner Titelliste und das slowenische Wort für „aber“. Ampak klingt für mich aber wie eine Verheißung, wie ein Zauberwort. Obwohl nur aus zwei Silben bestehend, evoziert das kurze Wort in mir weit mehr als ein simples Bindewort. Stärke, Kraft geht von diesem Ampak aus, führt weiter hinaus, als bloß zur slowenischen Sprachgrenze. Ampak ist seit einem Schreibaufenthalt in Slowenien als Titel für meinen nächsten Gedichtband reserviert. Amtrak. Anorak. Armagnac. Lautähnlichkeiten werden abgeklopft. Ohne eine Begründung dafür finden zu können, denke ich bei den Lauten AmPak an eine Automarke, ob fiktive bzw. existente, sei dahingestellt. Genau so könnte der Name für eine russische (eher sowjetische?) Automarke lauten. Robustes Gefährt, reparaturresistent, unkaputtbar, einem Wezdehod (der sog. Tundraraupe) gleich. Der Wezdehod, einst von der Sowjetischen Armee konzipiert, ist das einzige Fahrzeug, das vor allem der langen Tauphase in Sibiriens Weiten trotzen kann. Wenn die meterhohe Schneedecke zu tauen beginnt, versinkt jedes herkömmliche Gefährt im tiefsten Morast, wird unbrauchbar. Zudem verfügt das Wageninnere über einen Ofen, der sibirische Winter dauert bekanntlich länger als jede andere Jahreszeit. Ampak und Wezdehod, das geht für mich übergangslos zusammen.

Was wilder Wald, was willst du mir sagen?

Dass ich den Wald vor lauter Bäumen nicht sehe? Oder gilt vielmehr die antagonistische Version: Vor lauter Bäumen den Wald nicht sehen? Will ein Roman geschrieben werden, ausschließlich aus Buchtiteln bestehend? Roman der Hundert Überschriften, Roman der Kontinente, Roman der Hundert ersten Zeilen, Roman ohne dem Selbstlaut „e“ und so fort. George Perec machte 1969 aus letzterem das sehr populär gewordene Buch Anton Voyls Fortgang, das ganz ohne den Buchstaben e auskommt  und Raymond Queneau hatte eine ganze Liste an Romanprojekten erstellt, die niemals geschrieben werden würden. Ihm und unzähligen Autorinnen und Autoren vor wie nach ihm, stellte sich ein großflächiger Wald einem einzigen Baum vor (in) den Weg. Ähnlich Raymond Queneaus Stilübungen hatte ich mich 2016 an ein konkretes Projekt gewagt, den Überschreibungen – von Wald bis Wien, erschienen in der wunderbaren Edition CH, Wien. Einer konkreten poetologischen Aufgabe gehorchend, sich dem stringenten Diktat unterwerfend, kann nicht nur Erlösung, sondern des Autors Rettung sein. Die Bäume sind die Buchtitel, der Wald das Werk, das nie erarbeitet werden wird. Oder doch? Bündelung, Regulierung, Streichung. Den wild wuchernden Wald roden. Tod dem Gehölz! Wie lautet die Prämisse nun? Wenn ich das bloß wüsste. Knacks.  

Regina Hilber

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