DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

Das Hipster-Karussell

Die Subkultur im Mainstream und ihre neue Biederkeit

Adieu, Hipster!

Geza Gold © Bildrecht, Wien 2020

Achtung Neo-Spießer! Sex, Drugs and Rock’n’Roll gehören seit langem der Vergangenheit an – hier übernehmen aufgesetzte Bravheit und Langeweile innerhalb einer hermetischen, codierten Welt die Regie. Eines gleich vorweg: Nicht jeder Hipster ist ein Spießer und nicht jeder Spießer ist ein Hipster, aber in Summe ergibt die weltweite Hipster-Community mittlerweile eine verspießerte Gesellschaftsgruppierung. Egal ob New York, L.A., Berlin, Kopenhagen oder Wien: die Subkultur des Hipsters hat ihren Höhepunkt eben überschritten (sie ist längst im Mainstream angekommen), überschwappt aber mehr als uns lieb ist die trendigen Stadtviertel mit ihren auffallend unauffälligen Codes und ihrem ausgeprägten Neo-Spießertum. Aus dem angloamerikanischen Raum (sowie aus London) auf den europäischen Kontinent übergeschwappt, formierte sich das Hipstertum vor allem im skandinavischen und deutschsprachigen Raum. In Berlin schaffte es der obligate „Schnorrer“ nach Abebben der „Wende-Folgeerscheinungen“ sogar übergangslos zum Hipster-Vampir. Ein Bravourstück! Hipster-resistent zeigen sich der südliche und östliche Teil Europas. Hier konnte er sich nicht durchsetzen: Divergierende Mentalitäten sowie Rezessionsnachwehen von 2008 und flächendeckendes Prekariat brachten die Bewegung innerhalb der Millennials und Generation-X dort schnell an ihre Grenzen.

Vor einigen Jahren noch als „Jutebeutelträger“ mit zu engen Skinny-Jeans und Vollbart verlacht, hat sich der männliche Hipster im Stadtbild ziemlich breit gemacht. Und nicht nur dort. Wie kaum eine andere Subkultur zuvor, schaffte es die Hipster-Community, sich eine ganze Reihe neuer Arbeitsfelder innerhalb der sog. Kreativszene zu entwerfen und sich global in dieser Blase zu bewegen, am liebsten an einem der Coworking-Spaces oder im überteuerten Coffeeshop (Achtung Gentrifizierung!). Selbst Soziologen, Politologen bzw. Wissenschaftler ordnen sich ungeniert dieser Kreativszene zu. Immerhin haben sie sich ihre Kreativ-Nischen selbst auf den Leib und in das internationale Arbeitsbeschaffungsprogramm geschrieben. Nur Schriftsteller oder bildende Künstler haben sich bisher kaum als Hipster geoutet, zu sehr würde das das Klischee des Unangepassten oder Underdogs zerstören. Das heißt aber nicht, dass nicht längst auch zeitgenössische Künstler den florierenden Hipster-Markt bedienen und zu nutzen wissen.  

„Scan the code, baby!“ wirbt zum Beispiel die Strandbar Salettl im Hofgelände des Alten AKH in Wien. Der Betreiber weiß genau, wie ein Hipster aussieht, wie er denkt, was er braucht. Sein Sujet mit dem Konterfei eines männlichen Parade-Hipsters prangt an Speisekarte, Bierdeckel & Co. We got it, babe!

Des Hipsters sichtbare Codierungen:

So sieht es aus, das männliche Hipster-Exemplar: Vollbart, Kurzhaarschnitt mit Haartolle (gerne mit Undercut) oder halblang mit man bun, Skinny Jeans, die locker an der Hüfte hängen, an den Waden aber so eng geschnitten sind, dass am unteren Bein kein Blut mehr zirkulieren kann, kariertes Holzfällerhemd über einem weißen T-Shirt, Sneakers (bitte nicht irgendwelche!), schwarze Sonnenbrille (teuer!) und Jutebeutel. Letzterer markiert den Inbegriff von Unsexyness. Selbstbewusst schiebt der Hipster-Mann sein teures Citybike mit Rennradlenker durch die Gasse, den obligaten Jutebeutel um die Schulter gehängt. Je dreckiger und fleckiger der Beutel, desto authentischer das Retro-Emblem.   

Die Hipster-Frau legt ihre Codes wie folgt aus: Knielanger A-Linien-Rock im Stil der 40er Jahre, gerne uni oder dezent geblümt, jedoch stets in wenig berauschenden Farben wie tannengrün, olivgrün, grau, dunkelblau, rostrot, ocker. Auch steif am Körper wegstehende  Cord-Exemplare werden gerne getragen in den Übergangsjahreszeiten. Damit sieht Hipster-Frau aus, wie die Strichmännchen-Figuren an der Damentoilettentür.  Als Oberteil fungiert eine knallbunte Kapuzenweste, die sie mit Stolz in der Kinderabteilung erworben hat. Das Tragen eines Büstenhalters wird konsequent verweigert, unterschiedlichste Brustformen werden so hinter Blusen und Shirts wieder sichtbar gemacht. Schminke braucht sie keine, das Haar sieht ohnehin unfrisiert aus (half bun trägt auch sie gerne). Je unauffälliger die äußere Erscheinung, desto mehr kommt ihr Charakter zur Geltung und nur darauf kommt es schließlich an. Das Schuhwerk flach, solide, aus Bio-Leder.

Es gab durchaus Subkulturen im Laufe der letzten Jahrzehnte, die mehr Risiko bzw. Stilvermögen zeigten. Gesellschaftsströmungen mit ihren jeweiligen Codes und Trends zwingen uns ein Stück weit, Begrifflichkeiten wie Sexyness und Sexualität (um nur einige zu nennen) neu zu denken bzw. neu zu interpretieren und das ist gut so. Erfrischend viel Entdeckungspotential für uns alle bergen solch neue soziologische Entwicklungen.   

Von den Eltern finanziert

Der Hipster gedeiht beinahe ausnahmslos im urbanen Ballungsraum und gehört einer Generation des erbenden, besser gestellten Mittelstands (nein, nicht wirklich des gehobenen Mittelstands!) an sowie solcher, die auch von außerhalb dazugehören wollen. Eine bescheidene Mini-Elite des Mittelstands, weit entfernt von der Upper Class. Immerhin: Das Geld für die Eigentumswohnung oder das Loft im angesagten Viertel kommt von den Eltern (die auch sein Studium finanziert haben), „Taschengeld“ für den Enddreißiger und nicht selten Mitvierziger, auch. Ein eigenes Einkommen wird erwirtschaftet, mal fließt es, mal nicht, das selbstverdiente Geld. Dieser Hipster ist heute zwischen 30 und 50 Jahre alt. Kinder werden spät in das neue Spießertum hineingeboren.

Ein echter Hipster erlaubt sich und anderen keine Ecken und Kanten, er kleidet sich ausschließlich uniformell und ist der Antagonist des Nonkonformisten, obwohl er sich für Letztgenannten hält. Und genau darin liegt die Krux an der Sache. Seine Klamotten sehen bewusst nach Stangenware von H&M oder Zara aus, entstammen aber von teuren Brands, die nur er kennt. Er gibt die Kohle, die er hat, gerne aus für die Produkte, die er sich selbst geschaffen hat, aber mit Labels wie Isabel Marant oder High End Fashion will er nicht protzen. Egal ob schwarze Sonnenbrille oder optische Augengläser, sie werden in einer überschaubaren Brillenmanufaktur gefertigt, die sibirisches Birkenholz selbst im VW nach Prenzlauer Berg in Berlin oder Neubau in Wien karrt für die kostspieligen Fassungen.

Stichwort Superfood – des Hipsters politisches Klima

Wie seine Subkultur-Vorgänger hat er sich seine Labels und Produkte selbst entworfen. Seine vegetarische (lieber noch seine vegane) Kost holt er sich im teuren Biosupermarkt oder in der exorbitant kostspieligen Brotmanufaktur. Für ein Kilo Superbrot aus „echtem“ Sauerteig legt er gerne zwölf Euro fünfzig hin. Alles korrekt und unbedenklich, behauptet er. Vegan- und Biogastronomie verdanken dem Hipster ihre jeweilige Existenz, man denke an die viel besungene Mandelmilch & Co zu Kaffee und anderem. Dass für seine vegane Kost tausende Quadratkilometer Regenwald gerodet werden für den Sojaanbau, juckt ihn nicht. Sorglos nuckelt er an der Mateflasche oder an der Biolimo aus der Limonaderei. Eine ganze Reihe an Neologismen wurden von ihm/für ihn geschaffen. Mit den überzogenen Preisen (bei kleiner werdenden Portionen – bald wird auf dem Teller nur noch ein Krümel liegen) kann sich der Lokalbetreiber die teuren Pachtkosten in den neuen Szenevierteln (die kurz zuvor noch Brachland waren) leisten. Selbst Bertolt Brechts Enkel verkauft in Manhattans East Village handgeschöpfte Schokolade an seine Hipster-Kundschaft.   

Die neue Häuslichkeit

Überbordende Political Correctness (also dort, wo sie sich selbst zuwiderläuft, totläuft), Achtsamkeitssprech und GenderVerballhornung der Hipster gibt sich bei aller Korrektheit geschlechtstolerant, ein Allesversteher, übersensitiv, überverständnisvoll, überdiplomatisch, der in Wahrheit mehr als manchmal ein versteckter Rassist ist, und der der gegenwärtigen Männlichkeit nichts anderes als den obligatorischen Bartwuchs voranzustellen weiß, dabei die neue brave „Häuslichkeit“ zelebriert, als hätte die Gesellschaftsrevolution in den 60er und 70erJahren nie existiert. Befreiung aus dem Elterndiktat? Emanzipation? Feminismus? What the fuck!

Lieber „streitet“ sich die Hipster-Mutter mit ihrem dreijährigen Spross: Gestern habe sie den ganzen Tag über mit ihm „gestritten“, dem Dreijährigen. Und der Hipster-Vater, natürlich von der Mutter seines Kindes vollkommen korrekt getrennt, den Spross aber fifty fifty hütend, kifft sich beinahe täglich in die Verantwortungsfatamorgana hinein. Mann ist doch so auf der Höhe der Zeit. Wundern Sie sich nicht, wenn Sie auf Ihre Frage, ob er ein Hipster sei, seine E-Zigarette prompt aus dem Mund zieht, sich auf das Fahrrad schwingt und sein Jutebeutel im Fahrtwind schwebt. Nein, Hipster geben nicht gerne zu, jener Subkultur anzugehören. Weil er selbst erkennt, wie spießig er sich durch die Gegenwart bewegt? Er ist nicht politisch aktiv, er begnügt sich damit, seinem selbstgebastelten Zeitgeist zu entsprechen, zeichnet sich durch Harmlosigkeit aus und ist froh, nicht dem Prekariat anzugehören.

Der ewige Geschlechterkampf und wie selbst Serienproduktionen auf das Hipster-Zugpferd aufspringen

Auch die Hipster-Subkultur entkommt ihm nicht. Ein filmisches Beispiel eines solchen Paares geben Reese Whiterspoon alias Madeline und Adam Scott alias Ed in der TV-Serie Big Little Lies: Sein Working-Space ist die großzügig geschnittene Küche, in der er stehend bzw. am Barhocker lehnend seinen Laptop bedient. Er ist immer zu Hause. Kreativszene, klar. Welche genau, weiß das Serien-Publikum genau so wenig, wie die Hipster das oft von seiner eigenen Arbeit in real life nicht erklären kann: wenig bis nichts. Die Hipster-Arbeitsbeschaffungsblase ist international so gut vernetzt, dass sich die „Kreativen“ gegenseitig um den Globus schicken, um an irgendeiner Konferenz im finnischen Niemandsland teilzunehmen, die an einem anderen Ort, auf einem anderen Kontinent ein weiteres Pre- Re- oder Postlaunch-Meeting notwendig macht. Chapeau!

In Big Little Lies werden gleich mehrere unglückliche Hipster-Paare in das Rennen geführt. Auffallend dabei ist, dass jeweils die Frau das Kommando führt, der Mann sich wenig erfolgreich um Political wie Social Correctness  bemüht und Homeoffice praktiziert, um jederzeit für das Kind zu sorgen, weil Frau zwischen Shanghai und Tallinn kräftig in die fingierte Kreativblase bläst. In Wahrheit ist sie Analystin für internationale Flugverkehrsbewegungen. Trotzdem, es kriselt in den Paarbeziehungen, im TV wie im Real Life, glücklich ist von den korrekt und stets in Freundschaft getrennten Eltern, niemand. Eigentlich geht es in der Serie Big Little Lies um das Tabuthema häusliche Gewalt, aber die Verstrickungen innerhalb der einzelnen Paarkonstellationen sowie all die überbordenden Problematiken, die Patchwork-Familien mit sich ziehen, sind sehr viel aufschlussreicher. Zahlreiche Serienmacher und Streaminganbieter sind längst auf den Hipster-Serienzug aufgesprungen. In der in den USA sehr populären TV-Serie Yellowstone (mitproduziert von Kevin Costner) darf Hauptprotagonistin Beth auf die Frage, warum sie aus Los Angeles weggezogen sei antworten: „Als die bärtigen Hipster anfingen mit dem Roller zur Arbeit zu fahren, war es Zeit, dort abzuhauen!“

Kastration im Hipster-Karussell

Karussell in Montmartre/Paris Geza Gold © Bildrecht, Wien 2020

Nicht alle Hipster-Paare tragen den Geschlechterkampf auf diese Weise aus, aber auffallend viele Hipster-Frauen machen aus ihren männlichen Partnern Geschlechterzombies mit Vollbart (manchmal auch ohne). Lt. einschlägigen Studien haben Hipster-Paare wenig Sex (generell hat keine Generation weniger Sex als die Millennials, besagen internationale Studien). Er schläft dennoch – träge vom Cannabiskonsum – fremd. Seine selbstbewusste, dauerquasselnde Partnerin bemerkt das nicht, sie fühlt sich sicher und geborgen in ihrem A-Linien-Rock und dem familiären Gefüge, das sie die „Neue Häuslichkeit“ nennt, vor der sie regelmäßig zu entfliehen weiß. Hipster-Daddy ist dazu verdammt, das Kind genau so zu erziehen, wie Frau das vormacht, sie duldet kein Wenn und Aber. Konkret bedeutet das, dass Helicopter- bzw. Curling-Daddy Helicopter-Mummy gehorcht, mit den kleinen Jungs und Mädchen nicht wagemutig durch Wald und Gebirge läuft um ein Würstchen am Lagerfeuer zu grillen oder um im urbanen Geflecht mal „auszureißen“. Die Ambivalenz des verspießerten Hipstertums steckt im Detail: Helicopter-Neomami praktiziert die Windelfrei-Methode. „Baby-Abhalten“ nennt sich diese neueste Tendenz, bei der Mami anhand des Gesichtsausdrucks und Körperspannung des Babys erraten soll, wann es kacken muss, um schnell etwas unterzulegen und das Kacksi aufzufangen. Diese Hipster-Mami ist wohlgemerkt voll berufstätig, steckt das Kleine mit vier Monaten in die Kita. Den Rest befolgt der Hipster-Daddy. Und ja, das macht man jetzt so und ja, der Vollbartträger lässt sich das gefallen, die Partnerin sei ja immerhin Sozialwissenschaftlerin, äh…. Kreative. Renommierte Kinderpsychiater und Sozialwissenschaftler schlagen bereits international Alarm. Eine ganze Generation von Narzissten wird hier heranerzogen.

Vielleicht spüren sie sich nicht, die Hipster-Frau und der Hipster-Mann, lieber leben und zelebrieren sie ihre selbstgeschaffenen Codes bis in den letzten Winkel. Vor allem Hipster-Frau scheut die Identifikationsfrage. Die Codierung ist ihr Programm. Schuld an ihrer jeweiligen Beziehungs-Misere (sie würde nie zugeben, dass sie oft in einer solchen steckt) ist natürlich die eigene Mutter. Lieber beweint sie heimlich die fehlende Männlichkeit an ihrem Partner, den sie zuvor selbst kastriert hat.  Emotionen sind (wie in den USA) verpönt, man (er und sie) lebt das Understatement. Wir haben uns alle lieb und sind superFAIR, wie eben all ihre überteuerten Brands aus dem Biosupermarkt & Co und ihre unübersehbare Abschottung von anderen sozialen Schichten superfair sind. Codierungen, auch wenn sie dem einzelnen Hipster oft nicht gewahr sind, evozieren vor allem eines: ein starres Prinzip. Neuen Rotz braucht das Land, ist man gewillt zu proklamieren.

Ist Ihr Sensibilisierungsbarometer nun geschärft? Wenn Sie immer noch keinen Hipster da draußen rumlaufen sehen, dann deshalb, weil seine Codes eben so auffallend unauffällig sind. Gekonnt bewegt er sich brav und totally correct durch die Gegenwart, aber stets vollkommen losgelöst von anderen sozialen Schichten. Bald wird er ohnehin ersetzt werden von der nächsten Subkultur, der Non-Core-Bewegung oder anderen. Ein preußisches Hurra!

Regina Hilber

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