DIE LAVOIR [di: la’vu:ɐ]

Der Weblog für freien Diskurs

30 Jahre Mauerfall

Den Ostalgikern zum Trotz

Bildserie aus dem Bunkermuseum Fuchsbau bei Bad Saarow, der ehemaligen DDR-Kommandozentrale

Konfetti aus dem Kodierungsband des Fernschreibers
alle Bilder © Geza Gold (Bildrecht)

Den richtigen Umgang zu finden bei der Vergangenheitsbewältigung ist gar nicht so einfach. Sollen Spuren aus der NS-Zeit und DDR-Ära für immer getilgt werden, oder macht es Sinn, Baureste zu revitalisieren, indem man sie zum Beispiel als Museum weiterführt? In der Bunkeranlage Fuchsbau bei Bad Saarow hat man sich für letzteres entschieden. Dicke Winterkleidung benötigt der Besucher für die Museumsführung durch die Bunkeranlage und gut gerüstet sollte man sein für den zweistündigen Gang durch die unterirdische Anlage. Unser aller Nasen hatten getropft, die anfängliche Euphorie wich einer Betäubtheit, verursacht durch die feuchte Kälte, die bis in die Knochen kroch. Aber, ein Besuch lohnt sich.

Als „geheimste Anlage während der DDR-Zeit überhaupt“ beschreibt der Museumsführer das Bunkerobjekt und ich glaube ihm, stelle das nicht in Frage. Maschinenbauliebhaber und Technikfreaks kommen hier voll auf ihre Kosten. Ein bißchen erinnern die engen unterirdischen Gänge an U-Boote. Ich denke an den Film Das Boot aus dem Jahr 1981. Jeden Mittwoch um 13:00 wurde im Fuchsbau hinter der Türe 319 der Startknopf gedrückt  für den Probealarm im ganzen DDR-Gebiet. Manch einer wird das Ertönen der Sirenen vermissen. Beeindruckend auch die Schleusentüren, die bis zu vier Tonnen wiegen und beim Zuknallen veranschaulichen, dass hier nicht nur Finger knacken würden, sondern gleich der ganze Handknochen durchtrennt werden würde, sollte jemand die Unvorsichtigkeit begehen, hier eine Hand dazwischen zu schieben. 

Die Wörterausbeute war für mich sehr ertragreich: Tauschkartenstelle, Vergatterung, Warn-Alarm-Zentrale, Schwiegermutterkonfetti. Das Schwiegermutterkonfetti wurde aus den Lochstreifen des Fernschreibers gestanzt. Bis zu zwei Jahre lang verblieb das hartnäckige Konfetti (die gestanzten Schnipsel des blassgelben Kodierungsbands) in Teppichen hängen, oder blieb an Sylvesternächten in Damendekolletés kleben, erzählt der Museumsguide.

Türschild im Fuchsbau

Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR in Eisenhüttenstadt. Ostdeutschlands Nostalgikern und Romantisierungschronisten lässt sich hier Stichhaltiges entgegenschleudern: 35 Jahre DDR – Seht, Großes ist vollbracht; 1. Mai – Zielstrebige Arbeiterpolitik, für das Wohl des Volkes, für das Glück des Menschen; Und nun werde und wachse willkommenes Kind, hast noch Zeit zu begreifen, warum wir so wachsam sind; Tag des Chemiearbeiters – Alles dient dem Wohl der arbeitenden Menschen; Wir lieben unsere Republik; Bürger! Halte nicht länger am Auto fest!

Bezeichnend, dass der „Bürger“ oftmals in der zweiten Person Singular angesprochen wird, ansonsten in der zweiten  Person Plural. Damit wird der Einzelne, wird die Allgemeinheit noch ein Stück weiter degradiert. Viel ist vom Glück die Rede, vom Wohl des Bürgers, vom Glück des Volkes. Die heutige Glücksforschung fände an dieser Stelle eine lehrbeispielhafte  Gegenüberstellung. Glück und Frieden sind (was die hiesige Plakatausstellung suggeriert) die am häufigsten vorkommenden propagandistischen Substantive, knapp gefolgt von VolkundWohl. Logisch, dass das Volkswohl mich einverleibt beim Betrachten der Plakate. Wie mag es sich anfühlen, so ein Volkswohl?

Regina Hilber

Folge uns auffällig.