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Der Weblog für freien Diskurs

Hodinas Philosophikum °27

Textsplitter zu datieren, wenn sonst im äußeren Leben nicht viel oder eher alles vom selben Schlage passiert, wenn die aufgenommenen Fäden doch ständig nur fortgesponnen werden, ist mir zuviel an Struktur. Ich kannte einen, der seinen Texten eine interessantere Struktur verleihen und seine Person entlangweiligen hatte wollen, indem er eine Bahnreise durch die Schweiz fingierte und Orte angab, an denen er sich nicht aufgehalten hatte. Es fehlte nicht viel, auch noch Luxushotels einzutragen. Der Text, nie je in Romanabsicht verfasst, wurde dadurch auch vor ihm selbst verhunzt, er konnte seinen Anblick nicht mehr ertragen. Was zuerst, den Atlas aufgeschlagen, wie eine übermütige, rasche Problemlösung erschien, ereilte ihn später als selbstzugefügte Blamage hochstaplerischer Schwindelhaftigkeit. Wie also eine Sammlung von Fragmenten strukturieren? Sie durchnummerieren? Johann August Apel (1771-1816) versammelte ein Kunterbunt von Texten unterschiedlichster Genres in drei Bänden unter dem Titel Cicaden, und er glaubte jede dieser Zikaden bis zum kleinsten Epigramm pedantisch datieren zu müssen, statt sie chaotisch und für uns unsichtbar, dafür lautstark alles nieder- oder emporzirpend ihre Tymbalorgane betätigen zu lassen.

Das Fertigwerden kann eine Lust sein, wenn es sich auf das Finale zuspielt, aber ebenso das Nichtfertigmachen ein Suhlen des Möglichkeitsmenschen in der Suppe vermeintlich unendlichen Zeitbesitzes ist. Jedes Fertiggemachthaben ist ein kleiner Tod. Der produktive Prokrastinateur gleicht einem, der ausfährt, einen Wal zu harpunieren, und kommt ohne Wal mit prallen Netzen von Beifang zurück, die einen Wal ausfüllen könnten.

„Wenn Macht nicht mehr durch Geld definiert werden soll, wodurch könnte sie dann definiert werden?“ (Heiner Müller) – Wenn Macht nicht mehr spürbar wäre, wodurch sollte man sie definieren? „Macht“ ist eben so ein Schlüsselwort, an dem vieles, wenn nicht für manche (wie Nietzsche) sogar alles aufgehängt ist. Das muss zur melancholischen Verfinsterung führen, wie, glaube ich, auch Aristoteles schon erkannte. Wer immer sich mit dem Thema Macht herumquält, holt sich Geschwüre oder wenigstens tiefe Gesichtsfalten. Ob er nun die Macht selber haben oder ob er sie bekämpfen will.

„[…] diese Verantwortung, der sich das Ich nicht entziehen kann – das Ich, an dessen Stelle der Andere nicht treten kann“ (Emmanuel Levinas) – Man tröstet, entlastet, beschwichtigt sich damit, dass andere es tun würden, andere an ihrem Platz stünden. So kommt auch etwas Geborgenheit in die Welt. Doch wenn alle nur getragen werden wollen, werden schließlich alle hinunterfallen. Wo wäre heute jemand zu finden, der arbeitet, DAMIT andere, besonders die lieben harmlosen Weltkinder im Sinne von Bertrand Russells Lob des Müßiggangs noch eine Weile faul sein können, ohne dass deshalb gleich das Leben zusammenbräche? Und es ist hier nicht nur die elitäre, privilegierte „leisure class“ des Thorstein Veblen gemeint, der zugearbeitet würde, sondern auch dem philosophischen Bummelstudenten. Statt den gesellschaftlichen Stoffwechsel prosperitär zu speisen, stutzt man austeritär zusammen, was geht, und stolpert ewig unbefriedigt über den eigenen Rechenstift ins Grab. Wach zu sein, dass andere schlafen können. Am ehesten noch bei Großeltern und Müttern zu finden, bei Rettungskräften, bei der Freiwilligen Feuerwehr, beim Türmer Lynkeus, bei den letzten Eremiten.

Schon 1985 begann ich damit, in einer hellblauen Ringbuchmappe meine Träume aufzusammeln, wobei die Niederschrift damals noch im Telegrammstil erfolgte. Den Traum sogleich nach dem Aufwachen in eine Form zu gießen, dazu war ich noch nicht geübt. Wie öfters beim Bleigießen in lauter „Sargnägel“, zersprang der Traum zumeist in die Details. War es denn gerechtfertigt, Träumen diese Beachtung zu zollen? Gab es da nicht moderne Methoden, müsste man nicht vorher Schlafforschung studieren? Die Wissenschaft hatte mir bereits ein Überich aufgesetzt, das den Traum noch nicht passieren lassen wollte, bevor er sich nicht wirklich legitimierte. Für Jahre, für sogar mehr als zehn Jahre, wenn nicht länger, schrieb ich keine weiteren Träume mehr auf, nachdem ich geträumt hatte, dass ganz Indien brannte. Der ganze riesige Subkontinent stand in Flammen. Solch ein Unsinn, dachte ich. Das könne nicht vorkommen, es sei sogar von Unheil, es sei verboten, solches sich auch nur vorzustellen. Ich dachte an das Kinderlied: „Maykäfer, flieg! /Der Vater ist im Krieg. / Die Mutter ist im Pommerland. / Und Pommerland ist abgebrandt.“ Eine Welt, in der ganze Länder und Kontinente brennen, dürfe nicht vorgestellt werden, sagte ich mir. Und schob dem einen Riegel vor. Zwanzig Jahre später sind wir eines anderen belehrt worden. Die Peloponnes brannte, vom Weltall aus sichtbar. Und der Schaden wurde dann mit nur ein paar Dutzend Millionen Euro beziffert. Die Natur ist ökonomisch nicht viel wert. Ökonomisch verkraftet man auf dem Papier, abstrakt auf der Screen, dass die Naturoberfläche eines ganzen Landes abgefackelt wird. Und Natur ist Oberfläche, wie ich einmal bei Schiller las. Obzwar in Millionen von Jahren entstanden, ist sie mit einem Schlag abgeräumt, zu Asche gemacht, annulliert. Es brannten Kalifornien, Indonesien, Alaska, Sibirien, der Amazonas, der afrikanische Regenwald, jetzt Australien, wochen- und monatelang. Manchmal werden nicht nur Träume, sondern Alpträume wahr.

Bereits um Dreikönig kamen die ersten Spitzen der Trompetennarzissen aus dem Erdreich hervor. Die Natur will uns einen Film vorführen, der „Frühling“ heißt. Ist das der überreich redende Frühling, der vor dem „stummen Frühling“ (Rachel Carson) kommt? Alle Zeiten mit Ausnahme der unseren, dieser entlandwirtschaftlichten, ernährungsindustriellen, importierenden, hätten mit Sorge diese Zeichen gesehen, heute wird einfach das Smartphone gezückt. Das Wort Kultur kommt bekanntlich von lateinisch colere (bebauen, pflegen, urbar machen), und sie errichtet sich nicht über einer kaputtgemachten Natur, sondern sucht im Sinne einer Verhältnislehre einen Einklang mit Natur und Landschaft, tötet die Kuh nicht, der sie die Milch entnehmen will. Noch im 19. Jahrhundert war eine übergroße Anzahl der Menschen in der Landwirtschaft tätig. Unser ganzes angestammtes Weltbild trägt diese agrarischen Spuren. Das geht bis in Religion, Mythologie, Kunst und Poesie hinein. Dieses traditionelle Welterleben hängt immer mehr in der Luft, davor wird fleißig das Wort Heimat getrommelt, während doch dieselbe real ausgeplündert wird. Der nicht mehr in dieser Agrarik stehende Mensch sieht die Natur wie aus lauter Bildchen zusammengesetzt, als Schaukastennatur, die ihn nichts anginge, ein bloßes Dekor. Oder sie ist ihm als Kletterer die Felswand, an der er sich beweist. Der aufgeklärte Mensch lacht über die apokalyptischen Visionen des Johannes auf Patmos und der Hildegard von Bingen, die sich dem Weltbild ihrer Zeit gemäß solcher Phantasiebilder bedienten, während ihm heute die Apokalypse über den Himmel ziehen kann und er nur sein Handy dagegen reckt, sie aufzunehmen, um anderen zu beweisen, dabeigewesen zu sein. Es ist keine Kultur im Sinne von „colere“, wenn Landschaften, die seit der Bronzezeit besiedelt waren, veröden, und älteste Ortschaften dichtgemacht werden und versteppen. Aus der Chronik der Orte, der Gegenden ist zu begreifen, ob wir in einer Kultur leben – oder doch nur, nach traditionellen Maßstäben, in rasender Unkultur.

„Wie misanthrop seid ihr?“ – Diese Frage führt mich zu folgender Überlegung: Misanthrop ist man, wenn man auch bei sich alleine, in Abwesenheit der anderen Anlassgeber, prinzipiell schlecht vom Menschen und vom Menschsein denkt. Wenn ich direkt auf miese Anlassgeber negativ reagiere, bin ich noch kein Misanthrop. Viele oder auch nur einige starke miese Anlassgeber können letztlich einen bleibenden Ein-Druck zurücklassen (wir sind dann nicht beeindruckt, sondern eingedrückt wie eine Blechdose), der sich zur Misanthropie im eigentlichen Sinne verallgemeinert. Nicht gilt hier das nur nachgeplapperte oder angelesene menschenfeindliche Vorurteil. Wenn ich mir selbst der ständige Anschauungsunterricht im Menschseinsverdrusse bin, es gar nicht einmal Anderer bedarf, um mich zu demselben Tag für Tag zu bewegen, dann bin ich vielleicht nicht nur Hasser des Menschseins und der Menschheit, sondern erzeigentlich Hasser der Schwerkraft und Vergänglichkeit oder der Materie. Weil irgendein wohl irrealer, überspannter, das Irdische nicht recht auszulasten vermögender Idealismus, dass es anders sein könnte, mich mit dem Hiesigen nur schwer und widerwillig oder auch gar nicht abfinden, mich in ihm nicht einrichten lässt.

Unter der Bank. Was wurde nicht angeblich alles unter der Schulbank gelesen? Sogar Kants Kritik der reinen Vernunft. Da wird manchmal unter der Schulbank mehr geleistet als auf ihr. So auch die heimlichen Hegelleser unter den analytischen Philosophen, die Freudleser unter den strengnaturwissenschaftlichen Psychologen. Ein Meister des philosophisch-analytischen Fachs liest auf seiner Nachtseite den Tristram Shandy, um, indem er bei Tag das eine tut, bei Nacht das andere nicht zu lassen. Unter dem Ladentisch wurde die pornographische Literatur verkauft, wozu auch einmal Georges Bataille oder Restif de la Bretonne gehörten. Das Schmuggelgut ist das begehrte. In den Nebenstudien ereignet sich der größte Eifer. Jenes Treiben unter der Schulbank erinnert mich an einen Schüler, der eifrig Schwindelzettel präparierte, mit sämtlichen Formeln aus Mathematik und Physik, und der dann zu seinem Leidwesen feststellen musste, auf diese Weise die Formeln mittlerweile auswendig gelernt und sich die ganze Mühe also umsonst angetan zu haben.

„Ein Mann hängt im Grunewald an seinen langen, weißen Haaren in einem Baum. Rasiert ist er nicht. Nach ein paar Tagen wird er von Spaziergängern entdeckt, die stumm zu ihm hochschauen. Er sei nicht Jesus, ruft er.“ (Günter Herburger, Haitata) – Dietmar Dath nannte Günter Herburger einen „Feinstmechaniker der Infinitesimalentrückung, des kleinstsagbaren Schritts direkt neben die vertraute Welt, der auf Deutsch allenfalls in Ror Wolf seinesgleichen hat“ (FAZ). Wenn ein poetologisches Leitbild, dann dieses.

Sogenannte Zeitanomalien am Untersberg: da kommt man zurück und unten sind alle viel älter geworden. Aber nicht wird berichtet, dass jemand hinaufsteigt und wie er zurückkommt, kommt er in die Zeit vor vierzig Jahren zurück und findet seine verstorbenen Angehörigen vor, die ihm schon das Nachtmahl zubereitet haben. Ebenso findet sich kein Bericht, dass einer, der oben war, um dreißig Jahre gealtert zurückkommt, es sei denn er befand sich wochenlang unter Lebensgefahr in Höhlenirrsalen. Mancher kommt gar nicht zurück, weil er in Wahrheit in die Südsee türmte oder wird hundert Jahre später als Skelett mit der Skiausrüstung von seinerzeit gefunden. Dass ich hinaufsteige und ALLE werden jünger, ist auch noch nie passiert. Wie einen positiven Sündenbock würden sie mich dann hindrängen und hinschieben zum Untersberg, damit ich für sie hinaufstiege, um sie mitzuverjüngen.

Peter Hodina

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